Massive Vergeltung in Deutschland

Ab der Mitte der Fünfzigerjahre bekam der Begriff der "friedlichen Koexistenz" vermehrt Bedeutung in den Beziehungen der Sowjetunion zum Westen. Wesentlicher Inhalt dieser Politik war der Grundsatz, dass der Widerspruch zwischen den Gesellschaftssystemen in West und Ost nicht zu einem militärischen Konflikt in Europa führen dürfe. In einer Zeit, die vor allem in den USA von lautstarkem Antikommunismus und omnipräsenten Verschwörungstheorien geprägt war, beabsichtigten weder die NATO noch die Sowjetunion einen Angriff auf ihren jeweiligen ideologischen Gegner. Die Bedrohungsperzeptionen beider Seiten erwiesen sich im Nachhinein als falsch.
Das bedeutet aber nicht, dass die Supermächte gänzlich auf Gewalt zur Erreichung ihrer Ziele verzichteten. Gerade US-Präsident Dwight. D Eisenhower erwies sich als großer Freund verdeckter Operationen, welche ab 1947 die neugegründete Central Intelligence AgencyCIA führte. Solche Operationen kannte Eisenhower aus den Kriegsjahren, als die britische Special Operations Executive SOE und das US-amerikanische Office for Strategic Services OSS die Widerstandsbewegungen im besetzten Europa förderten und koordinierten (1). Mit verdeckten Operationen und Militärputschen hielten die USA und "unsichere Kantonisten" in der Spur. Solche Operationen waren der Putsch von 1953 im Iran, jener von 1954 in Guatemala, der gescheiterte Putschversuch von 1958 und jener von 1965 in Indonesien und zahlreiche weitere (2). Am schwersten wog für die Sowjetunion die verdeckte Unterstützung der USA zugunsten der sogenannten "Waldbrüder" im Baltikum und der ukrainischen Nationalisten in der Westukraine. Auf der anderen Seite ermordete der sowjetische KGB in jenen Jahren die prominentesten Vertreter des ukrainischen Nationalismus, Stepan Bandera und Lew Rebet, in Deutschland (3).
In der ersten Phase des Kalten Kriegs bis zum Beginn der Sechzigerjahre galt seitens des Westens die Doktrin der "Massiven Vergeltung" (Massive Retaliation) als die Grundlage für die Operationsplanung. Diese Doktrin atmete noch den Geist der Operationsplanungen "UNTHINKABLE" und "TOTALITY" von 1945, welche von den westalliierten Generalen angesichts der massiven zahlenmäßigen Überlegenheit der Sowjetarmee erstellt worden waren (4). Die damalige Notlösung – Rückzug hinter den Rhein und strategischer Bomberkrieg mit Kernwaffen gegen die Sowjetunion – wurde damit quasi zur Doktrin erhoben. Die "Massive Vergeltung" blieb verbindliche US-Doktrin, bis US-Präsident John F. Kennedy flexiblere Handlungsoptionen verlangte, als den massenweisen Einsatz von Kernwaffen selbst nach der geringsten sowjetischen Provokation.
Neue Rahmenbedingungen
Im Herbst 1946 genehmigte der damalige Oberbefehlshaber der sowjetischen Besatzungstruppen in Deutschland (GSBTD), Marschall Wassili Sokolowski einen Operationsplan, der die Verteidigung der damaligen sowjetischen Besatzungszone (SBZ) gegen eine westalliierte Aggression auf einer Linie Wismar – Schweriner See – Elbe – Saale bis an die tschechische Grenze vorsah. Dieser Plan wurde im Jahr 1948 im zentralen Militärarchiv in Moskau archiviert, weil er wohl in diesem Jahr seine Gültigkeit verloren hatte (5). Über die Gründe hierfür können wir vorderhand nur spekulieren: Möglicherweise führte die Machtübernahme der Kommunisten in der benachbarten Tschechoslowakei zu einer engeren Abstimmung der militärischen Planung zwischen der GSBTD und der Tschechoslowakischen Volksarmee CVA. Man kann also mit Sicherheit davon ausgehen, dass die Sowjetarmee bis mindestens Herbst 1948 in Mitteleuropa eine defensive Haltung einnahm.
Weitere Veränderungen der politisch-militärischen Rahmenbedingungen waren zweifelsohne durch die verstärkten Spannungen bedingt, die sich als Folge der jugoslawischen Unterstützung zugunsten kommunistischer Rebellen in Griechenland und durch den Streit um die Nutzung von Bosporus und Dardanellen aufbauten (6).
Der Koreakrieg führte zu einer weiteren Verschlechterung der Beziehungen zwischen West und Ost. In der zweiten Jahreshälfte 1950 trieben nordkoreanische Truppen die sudkoreanischen und US-amerikanischen Truppen bis in den äußersten Süden der koreanischen Halbinsel zurück, bevor sie selbst durch eine Gegenoffensive bis an den Grenzfluss Yalu zurückgedrängt wurden. Der US-Präsident Harry Truman war aber im Frühjahr 1951 nicht bereit, dem Drängen des US-Oberbefehlshabers General Douglas MacArthur nachzugeben und Kernwaffen einzusetzen, um dem Strom chinesischer Verstärkungen über den Yalu nach Nord-Korea ein Ende zu setzen. An diesem Krieg beteiligten sich auch sowjetische Jagdflieger, was Truman in seiner Überzeugung bestärkt haben mag, dass die USA eigentlich mit der Sowjetunion im Krieg stünden. Es folgte ein zwei Jahre dauernder Stellungskrieg, der im Wesentlichen die ursprüngliche Demarkationslinie entlang des 38. Breitengrads als Grenze zwischen Nord- und Südkorea bestätigte. Die Grenzen der Wirksamkeit von Kernwaffen waren offen zutage getreten (7).
Mit der Unterzeichnung des Staatsvertrags in Wien am 15. Mai 1955 gingen die Alliierten, inklusive die Sowjetunion die Verpflichtung ein, ihre Truppen aus dem Land abzuziehen, was innerhalb der vereinbarten 90 Tage auch geschah.Es ist kaum anzunehmen, dass sich die sowjetische Regierung die konkreten militärischen Folgen eines derartigen Vorgehens nicht überlegt hätte. Für den Fall einer westlichen Aggression gegen die Tschechoslowakei entfiel nun die Unterstützung aus Richtung Süden und es drängte sich wohl die Frage in den Vordergrund, wie zu verfahren sei, wenn die NATO Österreich als Aufmarschraum gegen Ungarn und die Tschechoslowakei nutzen sollte (8).
Nach der Gründung der Warschauer Vertragsorganisation (WVO, im Westen Warschauer Pakt genannt) im Jahr 1955 war definitiv sichergestellt, dass die Ansichten des sowjetischen Generalstabs für die Operationsplanungen aller verbündeten Streitkräfte verbindlich wurden. Der Schweizer Militärhistoriker Rudolf Fuhrer stellte nach seinen Forschungen in tschechoslowakischen Archiven fest, dass die – defensiv gehaltenen – tschechoslowakischen Operationsplanungen bis Ende der Fünfzigerjahre keine wesentlichen Änderungen erfuhren. Ein Grund dafür mag gewesen sein, dass die Planung zwischen den sowjetischen Truppen in der SBZ bzw. der DDR und der CVA schon seit den späten Vierzigerjahren aufeinander abgestimmt gewesen waren. Der Mobilmachungsplan "OREL/ADLER" von 1951 und die Operationspläne von 1951 und 1953 beschäftigten sich mit Fragen der Mobilmachung, der Grenzverteidigung, sowie der Konzentration von Kräften im Raum Prag, welche die CVA befähigen sollten, entweder eine nachhaltige Verteidigung oder einen operativen Gegenangriff (Gegenschlag) zu führen. Auf dieser Basis urteilte Fuhrer:
"In all diesen Planungen sind keine Absichten herauszulesen, Westeuropa anzugreifen" (9).
Neue Mittel, neue Möglichkeiten
Gerade in den Jahren der "friedlichen Koexistenz" erfolgte die Einführung operativ-taktischer Kernwaffen auf beiden Seiten des "Eisernen Vorhangs". Im Jahr 1952 begann in den USA die Produktion nuklearer Granaten für großkalibrige Geschütze der Kaliber 280 und 203 mm. Mitte der Fünfzigerjahre stellten die Amerikaner mit der "Corporal" und der "Honest John" in kurzer Folge zwei Typen von Kurzstreckenraketen in den Dienst, die nukleare Sprengköpfe tragen konnten. Die notorisch unzuverlässige und wenig präzise "Corporal" wurde 1964 durch die Feststoffrakete "Sergeant" abgelöst (10). Diese Geschütze und Raketen bildeten die Armee- und Korpsartillerie der in Westdeutschland stationierten Truppen der USA (11).
Auf der anderen Seite dauerte es nach dem ersten Test einer sowjetischen Atombombe im Jahr 1949 noch neun Jahre, bis die Sowjetarmee operativ-taktische Raketen mit Kernwaffen einführte. Dies erfolgte im Jahr 1958 mit der Indienststellung der R-11 Kurzstreckenrakete, die im Westen unter der Bezeichnung SS-1 bzw. Scud-A bekannt wurde (12). Ein Jahr zuvor hatte die Sowjetarmee ein Artillerieregiment mit nuklearfähigen Geschützen aufgestellt. Die hohen Kosten für die Geschütze und ihre nuklearen Granaten, sowie die rasante Entwicklung der Raketentechnologie führten aber dazu, dass dieses Regiment bereits 1961 wieder aufgelöst wurde (13).
Die erweiterten Möglichkeiten, welche die neuen operativ-taktischen Kernwaffen boten, müssten eigentlich zu völlig neuen Operationsplanungen geführt haben, die wir aus den sowjetischen bzw. russischen Archiven bis dato nicht kennen. Aber wir kennen die Operationspläne der Streitkräfte der Tschechoslowakei, Polens, der DDR und Ungarns.
Kernwaffen erweiterten die Möglichkeiten des operativen Feuerkampfs gegen gegnerische Bereitstellungen bedeutend. Voraussetzung war freilich, dass der eigene Nachrichtendienst derartige Bereitstellungen frühzeitig erkannte. Mit einem analogen Vorgehen – selbstverständlich ohne Kernwaffen – hatten die sowjetischen Generale gute Erfahrungen gemacht: Nach Abschluss des Ausbaus der Verteidigungsstellungen im Kursker Bogen begann die Rote Armee am 5. Juli 1943 mit einer umfassenden Artilleriegegenvorbereitung auf die Bereitstellungsräume der deutschen Truppen, die zur Angriffsoperation "ZITADELLE" angetreten waren (14). Nach dem Misserfolg dieser Angriffsoperation verlor die deutsche Wehrmacht die Initiative an der Ostfront und war danach nur noch begrenzt zu Angriffsoperationen fähig.
In der Tat wäre die R-11 mit ihrer Reichweite von 300 km durchaus eine wirkungsvolle Waffe im operativen Feuerkampf gewesen, denn sie hatte die notwendige Reichweite, um aus dem Inneren der DDR und der CSSR heraus Einrichtungen der Sicherstellung und der Führung, sowie Raketentruppen, Artillerie, Flugplätze und massierte Truppen der NATO in Westdeutschland zu zerschlagen. Eine Forderung russischer Doktrin besteht bis heute darin, dass bei Erkennen einer Aggressionsabsicht alles zu unternehmen sei, damit ein potenzieller Angreifer seine Aggression unter ungünstigen Voraussetzungen beginnen muss. Die Desorganisation von Führung und Sicherstellung bzw. Logistik, sowie die Vernichtung von Schlüsselzielen gehören zu diesem Komplex von Maßnahmen. Wenn es dann zusätzlich gelingt, zum Angriff bereitgestellte Verbände zu zerschlagen und dadurch das Kräfteverhältnis zuungunsten des potenziellen Angreifers zu verändern, dann verringern sich dessen Erfolgsaussichten bedeutend.
Die Führung der CVA rechnete bereits im Jahr 1956 mit einem derartigen Szenario, als sie unter dem Stichwort "ZASTAVA" Pläne für eine Verteidigungsoperation erstellte, die bis mindestens 1958 ihre Gültigkeit behielten. Nach einem nuklearen Schlag gegen die, zum Angriff bereitgestellten NATO-Truppen zog sie eine Gegenoffensive in Richtung der 100 km von der Staatgrenze entfernten Stadt Nürnberg in Betracht. Diese Variante wurde damals nicht weiterverfolgt (15).
Um in der Verteidigung zu verhindern, dass ein Aggressor die verteidigenden Kräfte mit Kernwaffen zerschlägt, musste der Verteidiger entweder eine hochbewegliche Verteidigung mit dezentral bereitgestellten Verbänden oder den Verteidigungskampf angelehnt an Hindernisse führen, die sich auch durch Kernwaffenschläge nicht einfach beseitigen ließen. Die erste Option verlangt einen hohen Ausbildungsstand und stellt hohe Anforderungen an die Beweglichkeit der Truppen, inklusive eine wirksame Luftabwehr. Die zweite Option ist im Vergleich dazu erheblich einfacher zu realisieren. Sie floss in die Operationsplanung der WVO ein, die sich zum Ziel setzte, einen gegnerischen Vorstoß ins Innere der DDR und der CSSR rasch und grenznah aufzufangen und die eingedrungenen gegnerischen Kräfte in einer Grenzschlacht entscheidend zu schwächen.
Die Einführung von operativ-taktischen Kernwaffen führte zu einer vermehrten Betonung des Gegenschlags bzw. der Gegenoffensive mit dem Ziel der Wiederherstellung des status quo vor Kriegsausbruch oder gar einer Gegenoffensive in die Aufmarschräume des Gegners. Gerade hier erweiterten Kernwaffen die Möglichkeiten bedeutend, denn sie erlaubten es, den Schock eines Atomschlags mit rasch nachstoßenden Verbänden auszunutzen und somit die Vormarschgeschwindigkeit massiv zu erhöhen. Heute gehen wir in einer Operation ohne Kernwaffen von einer Vormarschgeschwindigkeit von 20 bis 30 km pro Tag aus (16). Wenn in manchen Übungsdokumenten aus den Zeiten des Kalten Kriegs mit bis zu 100 km pro Tag gerechnet wird, dann ist dies ein Hinweis darauf, dass der Einsatz von Kernwaffen eingeplant wurde. Hierbei hatten die Bodentruppen den Schock des Kernwaffeneinsatzes auszunutzen, um rasch vorzustoßen und weitere Kernwaffen auf Schussdistanz an wichtige Objekte heranzubringen.
Die Abfolge von westlicher Aggression, die auch einen überraschenden Kernwaffenschlag beinhaltete, Vergeltungsschlag der WVO, Grenzschlacht und anschließendem Gegenschlag stellte die zweite Variante der Planung "ZASTAVA" von 1956 dar und wurde quasi zum Normalfall der Szenarien der WVO der kommenden Jahrzehnte. Ein nukleares Pearl Harbour oder die nukleare Variante des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 war und blieb fester Bestandteil der Bedrohungs-Szenarien, welche die WVO in den kommenden Jahren ihren Großübungen zugrunde legte.
Grenzen in West und Ost
Bezogen auf die CSSR ist davon auszugehen, dass die CVA alles darangesetzt hätte, einen terrestrischen Vorstoß noch in den Mittelgebirgen im Westen des Landes, namentlich im Böhmerwald aufzufangen. Ob die, nach einem angenommenen Kernwaffenschlag intakt gebliebenen tschechoslowakischen Verbände fähig gewesen wären, weit ins Territorium der BRD vorzustoßen, darf bezweifelt werden. Und selbst nach Heranführung sowjetischer Verstärkungen aus Ungarn ab dem 5. Kriegstag wäre ein Stoß von mehr als 150 bis 200 km Tiefe kaum möglich gewesen. Die Gefechtsmöglichkeiten der eingesetzten Kräfte, ein verheertes Land und eine verstrahlte Infrastruktur hätten wohl kaum mehr erlaubt. In diesen Größenordnungen plante die CVA in der Folge auch (17).
In der DDR bot sich die Elbe-Saale-Linie von 1946 an, um einen Stoß der NATO früh aufzufangen. Aus dem Inneren der DDR und der Tschechoslowakei heraus hätte ein Gegenschlag der Truppen der WVO vielleicht Weser, Westerwald, Taunus und Spessart, sowie im Süden maximal den Lech erreicht. Weiterführende Stöße, beispielsweise an die Ems im Norden und den Neckar im Süden Deutschlands lagen bei entschlossener Gegenwehr der NATO aber wohl außerhalb der Möglichkeiten der WVO. Die Beurteilung der NATO, wonach die Truppen der WVO bereits nach wenigen Tagen Ems und Neckar überschreiten würden, war zumindest in den Fünfzigerjahren wohl zu pessimistisch (18). Auf der anderen Seite lagen die Wirtschafts- und Bevölkerungszentren der DDR und der Tschechoslowakei außerhalb der Reichweite der Kurzstreckenraketen der USA, die friedensmäßig im Raum Saarbrücken – Frankfurt a.M. – Nürnberg stationiert waren. Um die befürchteten Kernwaffenschläge wirklich führen zu können, hätten sie in Richtung Osten aufmarschieren müssen. Ein derartiger Vorgang wäre ein eigentliches Alarmzeichen für die WVO gewesen. Stöße der Truppen der WVO weiter nach Westen, bis an den Rhein, wären wohl nur dann möglich gewesen, wenn die NATO das Gros des westdeutschen Territoriums vorzeitig aufgegeben hätte.
Auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs waren aber auch die Generale der NATO mit dem Problem des Missverhältnisses zwischen Auftrag, Kräften und Raum konfrontiert. Eine grenznahe Verteidigung entlang der über 600 km langen innerdeutschen Grenze und anschließend entlang der tschechoslowakischen Staatsgrenze bis an die österreichische hätte Kräfte erfordert, die der NATO nicht zur Verfügung standen (19). Aus den selben Überlegungen heraus empfahl sich auch im Westen die Anlehnung der Verteidigung an starkes Gelände und an Geländehindernisse. Die Rhein-Ijssel-Linie, welche die NATO-Generale bis 1957 bevorzugten, stellte die stärkste und auch die kürzeste Linie zwischen der neutralen Schweiz und der Nordsee dar, hätte aber gut 90% des westdeutschen Territoriums dem Gegner preisgegeben und war für die westdeutsche Regierung deshalb kaum akzeptabel. Die Weser-Lech-Linie war die am weitesten östlich gelegene, aber gleichzeitig auch die längste Linie und jene, die sich am wenigsten auf natürliche Hindernisse stützte. Die Ems-Neckar-Linie andererseits hätte die Osthälfte der BRD dem Gegner preisgegeben, war nur unwesentlich kürzer, als die Weser-Lech-Linie, verlief aber über weite Strecken entlang starker natürlicher Hindernisse und in Mittelgebirgen, die sich zur Verteidigung gut eigneten. Verständlicherweise waren vor allem die deutschen Militärs daran interessiert, dass die NATO den Verteidigungskampf möglichst weit östlich aufnahm, mussten dafür aber in Kauf nehmen, dass sich das Problem des rechtzeitigen Aufmarschs von französischen, belgischen und niederländischen Truppen mit zunehmender Distanz zum Rhein verschärfte. Am schwersten wog für die westdeutsche Regierung aber die Auffassung der NATO-Generale, dass in jedem Fall der Ersteinsatz von Kernwaffen unumgänglich sei.
Fazit
Die lautstarke antisowjetische Rhetorik in den USA der McCarthy-Ära änderte letzten Endes nichts an der Strategie des "Containments", welche eine weitere Ausbreitung der kommunistischen Ideologie zu verhindern suchte. Die diversen Konflikte außerhalb Europas und die verdeckten Operationen der CIA dienten dieser Strategie. Ein Angriff auf die Staaten der WVO in Mitteleuropa hätte weit außerhalb dieser Strategie gelegen. Deshalb widerspiegeln die Operationspläne von NATO und WVO weder die antikommunistische Hexenjagd der McCarthy-Ära noch den Korea-Krieg.
Im Begriff der Friedlichen Koexistenz bezog sich der Begriff des Friedens auf die Abwesenheit von Krieg – mehr nicht. Die ideologischen Widersprüche blieben bestehen und wurden von beiden Seiten so akzeptiert. Der Kampf zwischen den ideologischen Lagern fand außerhalb Europas statt, wo der Druck auf die Staaten, sich für die eine oder andere Seite zu entscheiden, wuchs. In Europa hingegen waren die Verhältnisse klar.
Nach der Weigerung Trumans 1951, Kernwaffeneinsätze zu genehmigen, war nicht klar, wann die Massive Vergeltung beginnen sollte. Beide Seiten waren aber nicht bereit, die absehbaren immensen Schäden eines Kernwaffenkriegs zu riskieren, bloß, um einen Staat aus dem einen ideologischen Lager ins andere zu ziehen.
Die Operationsplanungen der NATO und ab 1955 der WVO waren gekennzeichnet von einer übertriebenen Einschätzung der Möglichkeiten und der Absichten der jeweiligen Gegenseite: In einer Zeit, in welcher die Planer der NATO sich darüber den Kopf zerbrachen, ob sie sich auf die Rhein-Ijssel-Linie konzentrieren oder versuchen sollten, die Ems-Neckar Linie zu halten, erwartete die Führung der WVO überraschende Kernwaffenschläge und terrestrische Stöße weit ins Innere der DDR und der Tschechoslowakei hinein. Diese Handlungsoption stand aus den erwähnten Gründen seitens der NATO wohl nie ernsthaft zur Debatte. Umgekehrt mag es manchen Zeitgenossen heute erstaunen, dass der Schweizer Militärhistoriker Rudolf Fuhrer zur Erkenntnis kam: "der vom Westen befürchtete Fall, die sowjetische Aggression möglichst ohne Vorwarnzeit, ist in den Archiven der Satelliten nicht zu finden" (20).
Beide Seiten misstrauten einander aber und planten für den schlechtesten denkbaren Fall. Ob es für derartige Absichten nachrichtendienstliche Erkenntnisse gab, wäre noch zu untersuchen; für die Spätphase des Kalten Krieges in den Achtzigerjahren wissen wir das sicher. Eine seriöse und realistische Einschätzung der Streitkräfte der jeweiligen Gegenseite und ihrer Leistungsfähigkeit hätte wohl aber zur Erkenntnis geführt, dass die worst-case-Szenarien vorderhand wenig realistisch waren. Die Planung auf der Basis derart pessimistischer Szenarien ist ein Gebot der Vorsicht, denn Absichten können sich rasch ändern und Truppen können schnell verlegt werden. Glücklicherweise wurde in den Fünfzigerjahren die Verteidigung gegen eine Aggression in Europa auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs so vorbereitet, dass "rote" Linien nicht überschritten wurden, hinter denen pessimistische Bedrohungsszenarien sich quasi selbst verwirklicht hätten. Wenn dies das Resultat einer sorgfältigen Beurteilung war, dann könnte das als Vorbild für das Verhalten der Antagonisten an der heutigen Bruchstelle zwischen Ost und West, vom Baltikum, über Polen, die Ukraine, das Schwarze Meer bis zum Nordkaukasus dienen.
Anmerkungen:

 

  1. Über das SOE und das OSS sind zahlreiche Darstellungen erschienen. Zum SOE siehe Special Operations Executive, Spartacus Educational, online unter https://spartacus-educational.com/2WWsoe.htm. Zum OSS siehe Ashley Narayan: The Office of Strategic Services, in: Transatlantic Perspectives, 14. Februar 2011, online unter http://www.transatlanticperspectives.org/entry.php?rec=5und OPERATIVES, SPIES, & SABOTEURS: The Unknown Story of the Men and Women of World War II’s OSS, online unter https://web.archive.org/web/20140403230752/http://thedropzone.org/oss/default.asp, sowie https://web.archive.org/web/20130523113745/http://www.soc.mil/USASOC%20Headquarters/SOF%20Story.html

  2. Zum Putsch im Iran siehe James Risen: The C.I.A. in Iran; in: The New York Times, 16. Juni 2000, online unter https://archive.nytimes.com/www.nytimes.com/library/world/mideast/041600iran-cia-index.html. Zu Guatemala siehe http://www.consortiumnews.com/archive/story38.html. Zu Indonesien siehe https://www.grin.com/document/319008.

  3. Zu diesen Morden siehe: "Bart ab", in: Der Spiegel 28.11.1961, online unter https://www.spiegel.de/politik/bart-ab-a-3e6b7e26-0002-0001-0000-000043367666?context=issue. Zur Unterstützung der "Waldbrüder" im Baltikum seine Darius Razgaitis: Forest Brothers from the West (Memento vom 29. September 2007), online unter https://web.archive.org/web/20070929200010/http://www.mrdarius.com/fb/wfd.pdf. Zur Unterstützung ukrainischer Nationalisten siehe https://www.zeit.de/wissen/geschichte/2014-11/cia-geschichte-zusammenarbeit-nazi-spione.Die dort erwähnte "Ukrainische Gesellschaft für Auslandsstudien" existiert noch heute: https://www.firmenkontor24.com/details/2845303/Ukrainische-Gesellschaft-fuer-Auslandsstudien-Sucasnist-eingetragener-Verein. Siehe auch Grzegorz Rossoliński-Liebe: Verflochtene Geschichten. Stepan Bandera, der ukrainische Nationalismus und der transnationale Faschismus, Kalter Krieg, Mord und Neubelebung des Kultes, in: Bundeszentrale für politische Bildung, online unter https://www.bpb.de/apuz/257664/stepan-bandera-der-ukrainische-nationalismus-und-der-transnationale-faschismus?p=2.

  4. Vgl. Gerd Brenner: Wer löste den Kalten Krieg aus?, online unter https://www.world-economy.eu/nachrichten/detail/wer-loeste-den-kalten-krieg-aus/.

  5. Vgl. Gerd Brenner: Aggressive Sowjetunion? Wäre ein Angriff möglich gewesen?, online unter https://www.world-economy.eu/nachrichten/detail/aggressive-sowjetunion-waere-ein-angriff-moeglich-gewesen/.

  6. Vgl. Gerd Brenner: Wer löste den Kalten Krieg aus?, a.a.O.

  7. Vgl. Gerd Brenner: Die Welt am Abgrund, online unter https://www.world-economy.eu/nachrichten/detail/die-welt-am-abgrund/.

  8. Siehe "Vor 65 Jahren: Österreich unterzeichnet Staatsvertrag", online unter https://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/309806/oesterreichischer-staatsvertrag#:~:text=Nach%20der%20Ratifizierung%20durch%20%C3%96sterreich,25.%20Oktober%201955%20%E2%80%93%20abziehen.

  9. Hans-Rudolf Fuhrer, Alle Roten Pfeile kamen aus Osten – zu Recht?“, in: Military Power Review der Schweizer Armee, Nr. 2/2012, S. 49-59, insbesondere S. 50, online unter https://www.vtg.admin.ch/de/media/publikationen/military-power-revue.detail.publication.html/vtg-internet/de/publications/military-power-revue/mpr12-2.pdf.html und Fuhrer, Hans Rudolf / Wild, Matthias: Alle roten Pfeile kamen aus Osten - zu Recht? Das Bild und die Bedrohung der Schweiz 1945-1966 im Licht östlicher Archive, Baden 2010 (Der Schweizerische Generalstab, Bd. XI).

  10. Zur "Honest John" siehe https://fas.org/nuke/guide/usa/theater/honest_john.htm und http://www.astronautix.com/h/honestjohn.html.Zur "Corporal": http://www.astronautix.com/c/corporal.html und "Sergeant": http://www.astronautix.com/s/sergeant.html. Über die unbefriedigenden Leistungen der "Corporal": Fraser MacDonald: Geopolitics and 'the Vision Thing': regarding Britain and America's first nuclear missile, in: Transactions of the Institute of British Geographers. 2006, 31, 53–71: "…dismally inaccurate, notoriously unreliable and astonishingly expensive".

  11. Eine Übersicht über die Artillerie der US Army Europe unter http://www.usarmygermany.com/Sont.htm?http&&&www.usarmygermany.com/Units/FieldArtillery/USAREUR_FieldArty.htm#CPLunits

  12. Siehe http://www.b14643.de/Spacerockets/Specials/Scud/#R-11%20(8A61) und Duncan Lenox: Jane’s Strategic Weapon Systems, Edition 2001. S. 131–134. 

  13. Siehe Мильбах В.С., Постников А.Г. Рождение советской атомной артиллерии. Военно-исторический журнал (7 сентября 2016), online unter http://history.milportal.ru/rozhdenie-sovetskoj-atomnoj-artillerii/

  14. Siehe Roman Töppel: Kursk 1943. Die größte Schlacht des Zweiten Weltkriegs, Paderborn 2017, besonders S. 108ff und https://www.deutschlandfunk.de/vor-75-jahren-die-groesste-panzerschlacht-des-zweiten.871.de.html?dram:article_id=422066.

  15. Siehe Hans-Rudolf Fuhrer, Military Power Review. S. 50. 

  16. Das wird heute so in der Militärakademie des russischen Generalstabs ausgebildet, welche der Verfasser selbst besuchte. In Steppen und Wüsten, wo das Gelände die Ausdehnung von Frontbreiten und Angriffstiefe um den Faktor 6 erlaubt, kann auch die Vormarschgeschwindigkeit dementsprechend erhöht werden.

  17. Siehe Fuhrer, Military Power Review S. 50. 

  18. Vgl. Helmut R. Hammerich, Süddeutschland als Eckpfeiler der Verteidigung Europas, zu den NATO-Operationsplanungen während des Kalten Krieges, in: Military Power Review der Schweizer Armee, Nr. 2 /2011, S. 35f, online unter http://www.vorharz.net/media/historie/helmut_hammerich.pdf und https://www.files.ethz.ch/isn/134495/Gesamtausgabe%20MPR_2_11.pdf.

  19. Ebd.

  20. Hans-Rudolf Fuhrer, Military Power Review. S. 50.

 

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