US and Russian Presidents at UN luncheon in New York / dpa

Zwischen den Stühlen

Von Alexander Sosnowski, Schriftsteller, Journalist.

Der amerikanische Präsident betrat die Tribüne schnell, aber etwas hektisch. Er stellte sich an den Pult, schaute sich um. Die Simultandolmetscher holten tief Luft und plötzlich machte Obama eine Pause, als würde er mit den Augen etwas suchen.

Dann wurde klar - alles, was er brauchte, war da, nur ein Zuschauer fehlte. Der war in dem Moment nicht in dem Plenarsaal der UNO - Vladimir Putin. Für ihn hatte Obama seine Rede vorbereitet, die nach dem Auftritt von einigen „richtungsweisend“, von den anderen als „zu hektisch“ beschrieben wurde. 

Zuerst überzog er die vorhergesehene Redezeit - das hat niemand bemerkt. Alle warteten geduldig auf die Zauberworte - Syrien, Ukraine, Russland. Das lange Vorwort, gefüllt mit allgemein gültigen Sätzen über die Notwendigkeit Gutes zu tun, Völker nicht daran zu hindern ihren freien Willen zu bekunden, vermengte Obama mit einer für ihn ungewöhnlich aktiven Gestik. Seine Hände bewegten sich entlang des Redepults, schwangen in die Luft, ballten sich zu Fäusten - die nervliche Anspannung des Präsidenten des mächtigsten Landes der Welt war deutlich anzumerken. Als endlich die Worte „Russlands Aggression“, „Annexion der Krim“ erklangen - atmeten alle auf: „Na endlich! Jetzt gehts los!“

Die Erwartungen wurden nicht erfüllt. Die Rede war nicht „richtungsweisend“, er verlangte von Putin keine sofortige Kapitulation und Selbstauflösung der Russischen Föderation. Es kamen nur die auf diesem Niveau und vom amerikanischen Präsidenten üblichen Floskeln darüber, dass Russland die Souveränität anderer Länder respektieren müsse. Und im weiteren wurde klar - die USA möchten keine Konfrontation mit Russland. Obama, der während eines recht langen Zeitraums mit allen Mitteln deutlich zu machen versuchte, dass der russische Präsident in seiner aktuellen Vision für ihn nicht existent ist, erklärte sich de-facto mit dem Umbau der geostrategischen Weltbalance einverstanden.

Den Kampf gegen den IS ohne Russland zu führen, wird unmöglich sein. Die Ukrainekrise - ist ein schwerwiegendes Problem, aber kein Grund sich wieder in den Zustand zwischen einem Kalten und einem Heißen Krieg zu begeben. Das waren Schlussfolgerungen zu denen man nach Obamas Rede kommen konnte. 

Und dann der zweite Akt. Bevor Vladimir Putin die „Arena“ betrat, blieb etwa eine halbe Stunde Zeit und alle begannen fieberhaft versteckte Botschaften in Obamas Rede heraus zu suchen.

Wollte er Putin wieder in den „Klub der Mächtigen“ einladen? Oder war es vielleicht eine versteckte Drohung an Moskau - wenn ihr uns nicht entgegen kommt, dann ergeht es euch schlecht?

Es ist anzunehmen, dass auch in Putins Umgebung hektisch nach einem versteckten Subtext gesucht wurde und nach einigen neuen Argumenten, die sich aus der Rede Obamas ergeben könnten. 

Putin kam an den Rednerpult und machte zu Beginn seiner Ansprache - ebenso wie Obama - einige schneidende Handbewegungen, um seiner Nervosität Herr zu werden. Bereits nach einigen Minuten war klar - der russische Präsident wird die Möglichkeit sich vor der Weltöffentlichkeit zu äußern im vollen Maße ausnutzen. Keine Zweideutigkeiten oder versteckte Andeutungen. Obwohl, doch, zu Beginn, als er über den Anspruch auf die Weltführung sprach, erwähnte er mehrmals ein Land, das diesen Anspruch erhebt. Das klang, wie in einem alten Sowjetwitz: „Wir wollen keine Namen nennen, aber es sind die USA“. 

Gleich zu Beginn - Syrien und das Flüchtlingsproblem. Es war erstaunlich, das Putin offen, fast schroff, die Gründe für die heutige Krise ansprach und dabei bei dem in den russischen Massenmedien und von Experten verbreiteten Leitmotiv blieb - heutige Probleme sind die Folgen der gewaltsamen „Demokratisierung“ Libyens, Iraks, nun auch Syriens. Gewöhnlich überlässt der russische Präsident solche konkreten Ansprachen seinen Untergebenen, Außenminister Lavrov, zum Beispiel. Anscheinend, war es ihm dieses mal besonders wichtig es selbst auszusprechen. Alle Unklarheiten beseitigen und deutlich machen, dass es sein persönlicher Standpunkt ist, nicht der von den Medien oder Experten, mögen sie noch so einflussreich sein. Übrigens, die Simultandolmetscher hatten an dieser Stelle wohl einen Aussetzer, sie konnten eine ganze Weile nicht mit dem Satz über die direkte Schuld der USA an der Situation in Syrien und dem Irak fertig werden.

Ukraine. Putin sagte dazu weniger, als von ihm erwartet wurde. Es sagte - um die Ukraine herrsche Krieg. Es sagte nicht „in“, sondern er sagte „um die Ukraine“. In der Übersetzung ist es sehr schwer diese komplizierte Facette wiederzugeben, dabei ist sie extrem wichtig. Kiew besteht darauf, dass die im Russischen übliche Wendung „Um die Ukraine“ aus der Sowjetzeit stamme und eine für Ukrainer erniedrigende Komponente in sich tragen würde. In Russland sieht man das naturgemäß nicht so und auch Linguisten aus verschiedenen Ländern sehen darin nichts beleidigendes. Übrigens, auch bei der „Deutschen Welle“ ist es üblich „um“ zu gebrauchen. Es war kein Zufall, dass Putin diese Wendung benutzt hat. Moskau kümmert sich nicht um linguistische Spitzfindigkeiten, sondern um eine Lösung des Problems - das war die Message Putins. Ja, die Situation ist schwierig. Ja, es herrscht Bürgerkrieg. Ja, die Zivilbevölkerung leidet. Dabei benutzte  er mehrmals die Ausdrücke „Militärischer Umsturz“, „Beteiligung einiger westlicher Länder“. Es ist wohl unnötig zu übersetzen, dass damit die USA gemeint waren. An diese Stelle erwähnte er auch, wie zufällig, dass Russland über Beweismittel verfüge, die eine Beteiligung der Vereinigten Staaten an der Vorbereitung des Umsturzes in der Ukraine belegen würden. Viele haben es wohl überhört. Zu unrecht - der russische Präsident legt in seine Äußerungen immer einen tieferen Sinn hinein. Diese Worte waren bestimmt an einen einzigen seiner Zuhörer adressiert, an Barack Obama. Message: „Wir haben es, wir halten aber noch still. Noch…“

 Alexander Sosnowski, Schriftsteller, Journalist

Am Tisch ging der Krimi dann weiter. Wohin ist Ban Ki-moon gegangen, der zwischen den beiden Präsidenten saß und worüber sprachen sie in diesem Moment? Warum gibt es keine Videoaufnahme des bilateralen Gesprächs? Und, last but not least, wer hat eigentlich gewonnen?

Ausgehend von der Berichterstattung der in Russland recht einflussreichen Zeitschrift „Kommersant“, haben selbst die Journalisten nicht so viel heraus finden können: gesprochen würde über nichts, der Generalsekretär ist gegangen, um einen Toast auszusprechen. 

Obama lehnte eine Pressekonferenz ab. Putin sagte zu: Syrien wird unterstützt, eine Bodenoffensive ist mit Zustimmung der UNO oder auf Anfrage seitens Syriens möglich. Ob er gekränkt sei, dass der ukrainische Präsident während seiner Ansprache den Saal verlassen hat? Nein, das habe er gar nicht bemerkt. 

Von den großen Erwartungen blieb nur ein bemerkenswertes Foto vom Mittagessen bei dem Generalsekretär der UNO übrig: Obama und Putin stoßen mit Champagner an.

Zwischen ihnen steht ein Stuhl. Er ist leer… Noch…