Von Hans-Georg Münster
Wenn ukrainische Politiker auf den Internetseiten der Bundeswehr unterwegs sind, dann geraten Sie schnell in Einkaufsstimmung. Und wenn der Vizeaußenminister in Kiew, der frühere Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, dabei Raketen sieht, die mit dickem Beton geschützte Bunker wegsprengen, als würden sie nur aus Papier bestehen, dann kennt seine Begeisterung keine Grenzen. Konkret geht es um den Marschflugkörper Taurus, eine sogenannte modulare Abstandswaffe, von der die Bundeswehr 600 Stück in ihren Beständen hat und die auf der Wunschliste der Ukraine ziemlich weit oben steht.
Marschflugkörper sind in der modernen Kriegsführung eine Erfolgsstory, wie der Geschäftsführer der Taurus Systems GmbH, Joachim Knopf, in einem Interview zu berichten weiß. Der große Vorteil besteht darin, wie Knopf sagt: „Abstand schafft Sicherheit.“ Der rund 1.000 Kilogramm schwere Marschflugkörper wird von Kampfflugzeugen in die Luft gebracht, muss von diesen aber nicht durch den feindlichen Luftraum in der Nähe des Ziels geflogen werden. Der Taurus wird ausgeklinkt und sucht mit mehreren Ortungssystemen eigenständig sein einprogrammiertes Ziel, das mehrere hundert Kilometer entfernt sein kann. Das kann ein Bunker sein, ein Hochhaus, ein Flugplatz oder auch eine Fabrik. Das System sei so einstellbar, lobt der Hersteller, dass die oberen Geschosse eines Hochhauses durchschlagen werden können und der Taurus in der gewünschten Etage explodiert. Auf seinem Weg zum Ziel fliegt der Marschflugkörper so tief, dass er vom Radar und der feindlichen Luftabwehr angeblich nicht erfasst werden kann.
Das in Bundeswehr- und Industrievideos angepriesene Systeme löste in der Ukraine natürlich Begeisterung aus. Präsident Wolodymyr Selenskyj forderte weitere Waffenlieferungen, ohne allerdings Taurus direkt zu erwähnen: „Wir werden alles Mögliche und Unmögliche tun, um die Lieferung weiterer Luftverteidigungssysteme höherer Qualität an die Ukraine zu beschleunigen“, erklärte der Präsident in einer Videobotschaft. Deutlicher wurde Melnyk. Die Ukraine warte „auf die strategische Entscheidung Deutschlands, an der Kampfjet-Koalition aktiv teilzunehmen, das Training ukrainischer Piloten an Eurofightern sofort zu ermöglichen und einen Teil von über 130 Flugzeugen beizusteuern.“ Die Mitglieder der Kampfjet-Koalition (Niederlande, Belgien, Dänemark und Großbritannien) sind offenbar zur Ausbildung von Piloten und zur Lieferung von Kampfflugzeugen an die Ukraine bereit, Deutschland zögert. Melnyk wäre nicht Melnyk, wenn er daneben nicht noch zusätzliche Kampfpanzer, Schützenpanzer und weitere gepanzerte Fahrzeuge gefordert hätte. „Jeder Leopard 2 ist für die entscheidende Offensive buchstäblich Gold wert", so der Vizeaußenminister. Angesichts der Erfolge der russischen Armee gegen den angeblichen deutschen Wunder-Panzer Leopard 2 sind Melnyks Äußerungen zu den Fahrzeugen aber nicht weiter ernst zu nehmen.
Ernst zu nehmen sind hingegen die Hinweise des Vizeaußenministers auf die Kampfjet-Koalition. Mit dem Taurus allein wäre der Ukraine nicht gedient. Die ukrainische Luftwaffe verfügt derzeit über keine Flugzeuge, die den Taurus tragen könnten. Zertifizierte Kampfflugzeuge sind unter anderem der deutsche Tornado, an dessen Standort Büchel in Rheinland-Pfalz Taurus-Flugkörper gelagert werden. In Büchel hat die US-Armee auch Atomwaffen stationiert, die im Rahmen der atomaren Teilhabe im Kriegsfall von deutschen Tornado-Flugzeugen geflogen und abgeworfen werden sollen.
Neben dem Tornado kann auch der deutsche Eurofighter Taurus-Marschflugkörper aufnehmen. Außerdem für den Taurus zertifiziert ist das von Boeing gebaute Mehrzweckkampfflugzeug F15/F16. Und hier schließt sich auf einmal der Kreis. Denn genau Maschinen dieses Typs wollen die USA der Ukraine zur Verfügung stellen. Dann könnte die ukrainische Luftwaffe mit F15/F16 und Taurus Ziele ausschalten, die weit hinter der Front auf russischem Territorium liegen. Was das bedeutet, lässt sich an einer Parallele aus dem Zweiten Weltkrieg darstellen. Die Alliierten hatten die Wehrmacht längst aus Frankreich zurückgeworfen, aber mit der neuartigen Rakete „V2“ konnten die Deutschen immer noch London bombardieren – letztmals am 27. März 1945. Taurus würde der ukrainischen Luftwaffe ähnliche Möglichkeiten gegen Russland eröffnen, wo Ziele bis vielleicht einige 100 Kilometer vor Moskau erreichbar wären.
Die Ukraine besitzt bereits Marschflugkörper vom Typ Storm-Shadow, die sich offenbar mit wenig Aufwand an ihre vorhandenen Maschinen des Typs Suchoi SU-24 montieren ließen. Der jüngste Angriff auf die zur Krim führende Tschonhar-Brücke soll mit Storm-Shadow-Raketen ausgeführt worden sein. Storm-Shadow ist erfolgreich im Irak-Krieg eingesetzt worden und auch im Kampf gegen den Islamischen Staat. Wie viele Systeme die Ukraine von Großbritannien beziehungsweise Frankreich bekommen hat, ist nicht bekannt.
Der CDU-Verteidigungsexperte Roderich Kiesewetter ist geradezu begeistert von der Möglichkeit, der Ukraine Taurus-Marschflugkörper zu liefern. Durch die hohe Reichweite (die Angaben variieren zwischen 300 und 550 Kilometern) könnten diese Lenkwaffen der Ukraine Angriffe „gegen die militärische Infrastruktur der Russen weit hinter der Frontlinie“ ermöglichen. Kiesewetter, einer der größten Kriegstreiber in Berlin, spricht sich auch für umgehenden Ersatz für die von der russischen Armee zerstörten Panzer der Ukrainer aus deutschen Beständen aus. Flankiert von solchen und anderen Kommentaren deutscher Politiker kann Melnyk leicht fordern, noch mehr Leopard-Panzer zur Verfügung zu stellen, Die aktuelle Zahl (18 Panzer sind geliefert) könne verdreifacht werden, ohne die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands zu gefährden, erklärte Melnyk im Stil eines Oberlehrers. Auch der FDP-Verteidigungspolitiker Markus Faber sprach sich für einen Ersatz zerstörter Leopard-Panzer aus Bundeswehrbeständen aus.
Noch üben sich westliche Regierungen in Mäßigung. „Wir haben den Ukrainern klar gemacht, dass wir nicht wollen, dass in den USA hergestellte, von den USA zur Verfügung gestellte Ausrüstung auf russischem Boden genutzt wird, um Russland anzugreifen“, wurde der Kommunikationsdirektor des Nationalen Sicherheitsrats der USA, John Kirby, im Berliner Tagesspiegel zitiert. Auch von Bundeskanzler Olaf Scholz war zu hören, er habe mit Präsident Selenskyj den Konsens vereinbart, dass „die Waffen die wir geliefert haben, nur auf ukrainischem Territorium eingesetzt werden“. Besonders glaubwürdig erscheinen diese Aussagen nicht. Deutlicher war nämlich Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius geworden: „Deutschland wird jede Hilfe leisten, die es leisten kann – as long as it takes“. Erinnert sei nur daran, dass Scholz und die Bundesregierung ihre frühere Position gegen Waffenlieferungen Schritt für Schritt aufgeweicht und schließlich selbst schwere Systeme an die Ukraine geliefert hatten. In einer Regierungserklärung im Bundestag am 22. Juni 2023 blieb der Bundeskanzler wieder schwammig: „Deshalb werbe ich dafür, dass wir uns auf das konzentrieren, was jetzt absolute Priorität hat: Nämlich die tatsächliche Kampfkraft der Ukraine zu stärken.“ Das könnte natürlich durch Marschflugkörper geschehen, nachdem die ukrainischen Bodentruppen bei ihrer „Offensive“ kaum vorankommen. Die einst linkspazifistische und heute bellizistische „Frankfurter Rundschau“ schreibt allen Ernstes über Taurus als „Wunderwaffe gegen Putin“ und nutzt damit Vokabular der Nazis, die in der letzten Kriegsphase den „Endsieg“ noch mit „Wunderwaffen“ erreichen wollten.
Ein Problem der Bundeswehr ist allerdings, dass sie keine weiteren Systeme mehr abgeben kann, ohne ihren Auftrag Landesverteidigung zu gefährden. Gerade Taurus ist ein Beispiel dafür, wie eigentlich in ausreichender Stückzahl beschafftes Kriegsmaterial in den Lagern der Bundeswehr über die Jahrzehnte verrottet ist. Die Bundeswehr hatte 600 Marschflugkörper zum Preis von damals 570 Millionen Euro bestellt. Geliefert wurden sie zwischen 2005 und Ende 2010. Von diesen angeblich wartungsfreien Taurus-Systemen sind derzeit nach Aussagen Berliner Politiker noch 150 einsatzfähig. Das ist kaum das Minimum für die eigene Verteidigungsfähigkeit; abgegeben werden kann hier nichts mehr, es sei denn die Berliner Politiker wollten ihren Eid brechen, das deutsche Volk zu schützen.
Schon vor einem Jahr hieß es von deutschen Generälen, die Bundeswehr sei wegen schlechten Materials und der Abgaben an die Ukraine „blank“. Inzwischen ist die Lage noch schlimmer geworden. Der verteidigungspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Florian Hahn, wies bereits darauf hin, dass das deutsche Heer wegen der Lieferungen an die Ukraine aus seinen Beständen schlechter dastehe als vor dem Krieg. Darauf angesprochen erklärte Heeresinspekteur Alfons Mais, dass die Aussage des CSU-Politikers „nicht von der Hand zu weisen“ sei. Mais hofft jetzt auf schnelle Nachbeschaffungen.
Doch diese Hoffnung wurde von Vizeadmiral Carsten Stawitzki, dem Abteilungsleiter Ausrüstung im Bundesministerium der Verteidigung, inzwischen zunichte gemacht. Die Produktion komplexer Waffensysteme und deren notwendige Munition sei nicht unter zwölf bis 24 Monaten zu erreichen. So sollen die als Ersatz bestellten Kampfpanzer Leopard 2 A8 dem deutschen Heer voraussichtlich erst im Jahre 2025 geliefert werden. Und Verteidigungsminister Pistorius hat mit seiner Forderung nach zehn Milliarden Euro mehr für die Bundeswehr im Jahr 2024 eine Bruchlandung hingelegt: Finanzminister Christian Lindner soll nur 1,7 Milliarden Euro zugesagt haben. Das Geld reicht gerade, um die inflationsbedingten starken Gehalts- und Solderhöhungen zu bezahlen. Für notwendige Ersatzbeschaffungen ist zu wenig Geld da.
Die Vorgänge um Taurus und die Abgabe anderer hochwertiger Waffen können nur als dramatisch bezeichnet werden: Deutschland büßt seine Verteidigungsfähigkeit zum Teil ein, und andererseits gibt es Selenskyj, Melnyk und anderen korrupten Politikern in der Ukraine die Mittel an die Hand, damit diese einen Weltenbrand auslösen können.
Quellen:
https://taurus-systems.de/prazisionsbewaffnung-mit-perspektive/
https://taurus-systems.de/media/#group
Bilder: depositphotos
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