Von David Wolfmann
Eine aufgeweckte Omi mit Used-Jeans, Kurzhaarfrisur und perfekter Maniküre und ihr etwa 70 Jahre alter Ehemann mit Pullover und einem massiven Goldring am Mittelfinger, saßen Händchen haltend in der Wartehalle und unterhielten sich aufgeregt über den bevorstehenden Urlaub am Toten Meer.
Als sie sah, dass ich die Abflugzeit checke, fragte sie, ob sich denn auch nichts verzögert? Ein Wort gab das andere und nach und nach stellte sich heraus, dass sie in der DDR aufgewachsen ist, ihr Ehemann war ein „Westler“. Noch fünf Minuten später wusste ich, dass sie sich am Tag des Mauerfalls kennen gelernt haben und seitdem unzertrennlich sind. Die Renten sind nicht besonders hoch, aber es reicht aus, um sich regelmäßig einen Urlaub unter Palmen zu gönnen. Sie ist schon mehrmals in Israel gewesen, er noch nie.
Dann beschwerte sie sich über die, ihrer Meinung nach, zu strengen Kontrollen bei Flügen nach Tel Aviv. 1995 wurde sie am Flughafen Ben-Gurion fast eine Stunde lang von Mossadagenten (dass es der Mossad war, daran hatte sie keinen Zweifel) befragt. „Sie waren wie die Stasi“ - sagte sie zum Schluss.
Dann war ich dran Fragen zu beantworten - woher, wohin, warum? „Oh, sie sind vielleicht jüdisch?“, - fragte sie am Ende meiner kurzen Lebensgeschichte. Dann begann das Kreuzverhör. „Fühlen sie sich mehr als Russe oder als Jude?“, „Wieso sprechen sie so gut Deutsch?“, „Essen sie nur koscher und trinken sie auch Wodka?“.
Nach ich dem ich gestand, dass ich Wodka gerne trinke, nicht koscher esse, deutsch arbeite, russisch ausspanne und jüdisch Schabbat begehe, haben wir alle zusammen herzlich gelacht. Nach einer kurzen Pause, sagte sie plötzlich: „Sie wissen bestimmt, dass wir in der DDR alles über den Holocaust im Geschichtsunterricht gelernt haben, wir wissen also um das Leid des jüdischen Volkes Bescheid“.
Nachdem ich vorsichtig nachgehackt habe, ob es denn nicht sein, dass der Holocaust eher in den westlichen Bundesländern aufgeklärt wurde und es ja auch Willi Brandt war, mit dem Kniefall im Warschauer Ghetto und eben nicht der Genosse Honecker, entgegnete sie trocken: „Propaganda!“
Dann fügte sie plötzlich hinzu: „Wieso sollen denn auch ich, meine Kinder oder meine Enkel sich für die Verbrechen an den Juden verantworten? Ja, sie wurden umgebracht. Wir haben uns entschuldigt - jetzt lasst uns in Ruhe unser Leben leben“.
…Wir trafen uns nochmal kurz im Flugzeug, als wir uns - schweigend - im Gang auf dem Weg zu unseren Plätzen befanden.
Ich bewegte mich nach Vorne, sie zum Ende hin. Ihre Plätze waren hinten.
