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Wenn wir uns in der Welt umsehen: Chaos, Krieg, Armut

Schriftsteller Wolfgang Bittner am Telefon im Gespräch mit World Economy 

WE: Sie haben ein Buch geschrieben, dessen Thema ich im Moment für fast noch aktueller halte, als es vor zwei Jahren war, zur Zeit als das Buch geschrieben wurde. Wir haben eine Situation, bei der wir über eine ganz heiße Phase in den internationalen Beziehungen sprechen müssen. Hat sich die Situation nach dem Majdan, nach den ganzen Veränderungen, die sich in der Ukraine vollzogen haben, verändert?

Wolfgang Bittner: Die Situation hat sich seit der Majdan-Revolte meines Erachtens noch verschärft. Zum Anlass für die Wirtschaftssanktionen gegen Russland wurde ja zum einen der Abschuss eines Zivilflugzeugs über der Ostukraine genommen und zum anderen die sogenannte Krim-Annexion. Die ja keine Annexion im völkerrechtlichen Sinne war, sondern eine Sezession, also eine friedliche Abspaltung der Autonomen Republik Krim nach einem Referendum, bei dem sich 95,5 Prozent der Bevölkerung für den Anschluss an die Russische Föderation entschieden haben. Das wird bei uns immer falsch berichtet.

Wolfgang Bittner lebt als Schriftsteller in Göttingen. Der promovierte Jurist war freier Mitarbeiter bei Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen. Er ist Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (1997-2001 im Bundesvorstand) und im PEN, erhielt mehrere Auszeichnungen und Preise und hat über 60 Bücher für Erwachsene, Jugendliche und Kinder veröffentlicht, zuletzt das Sachbuch »Die  durch die USA«, Westend Verlag, Frankfurt am Main 2015.

Ich beschäftige mich seit Anfang 2014 mit dem Ukrainekonflikt, der zu dieser Konfrontation zwischen den USA und Russland geführt hat. Und ich war zunächst über die Berichterstattung in den deutschen Medien und über einige Äußerungen von Politikern lediglich irritiert. Dann merkte ich, dass wir - das heißt die Bevölkerung - nicht korrekt unterrichtet werden. Und ich muss sagen, dass ich von Tag zu Tag zorniger wurde über diese Politik und die Berichterstattung. Dann habe ich, um mich sozusagen psychisch zu entlasten, dieses Buch verfasst: „Die Eroberung Europas durch die USA“. Der Untertitel lautet: „Eine Strategie der Destabilisierung, Eskalation und Militarisierung am Beispiel der Ereignisse in der Ukraine“. Eigentlich bin ich ja Schriftsteller, ich habe mehrere Romane geschrieben, auch Satiren, Essays, Gedichtbände veröffentlicht, über 60 Bücher inzwischen. Und die Beschäftigung mit diesem Konflikt, der sich in letzter Zeit immer mehr verschärft, dass da eine Militärmaschinerie an den Grenzen Russlands aufgebaut wird, die nimmt mir ein bisschen die Ruhe für meine literarische Arbeit. Denn ich schreibe wieder an einem Roman und habe die Arbeit ständig unterbrochen, weil ich mich mit dieser Bedrohung beschäftigt habe. Wir haben es ja ständig mit Drohungen und regelrechter Hetze, insbesondere auch gegen Präsident Putin zu tun und in letzter Zeit offensichtlich auch mit Kriegsvorbereitungen. Was sonst soll man davon halten, wenn in den baltischen Staaten, in Polen, Bulgarien und Rumänien, tausende Soldaten stationiert werden, Panzerbataillone, Raketen, Radaranlagen, Kampfflugzeuge, Artillerie und so weiter. Das ist doch sehr gefährlich, was sich da abspielt. Gleichzeitig fordert man, dass Russland sich von den eigenen Grenzen militärisch zurück zieht, das ist doch absurd. 

WE: Hat nicht schon Zbigniew Brzeziński seinerzeit darüber gesprochen, dass Russland und die Ukraine getrennt werden sollten, damit Russland besiegt werden kann? Ist das eine Verschwörungstheorie oder haben wir eine reale Situation, bei der wir über einen möglichen Krieg sprechen sollten und können?


Wolfgang Bittner:
Angebliche Verschwörungstheorien erweisen sich oft als wahr, und Begriffe wie „Verschwörungstheoretiker", „Putinversteher“, oder „moskaugesteuert“ werden meines Erachtens durch irgendwelche „Serviceagenturen“ in die Welt gesetzt und von den deutschen Medien unhinterfragt übernommen. Wir haben es mit Fakten zu tun und nicht mit Verschwörungen. Die Strategie der westlichen Allianz war von vornherein darauf angelegt, sich die Ukraine als ein Brückenland von großer geostrategischer Bedeutung und auch als Wirtschaftsraum und Tor zu den Ressourcen Russlands einzuverleiben. Das ergibt sich auch aus einer Rede von Victoria Nuland, die bereits Ende 2014 öffentlich gesagt hat, dass die USA mehr als fünf Milliarden Dollar in den Regimechange in der Ukraine investiert hätten. 2004 gab es ja schon die Orange Revolution. Wie Sie wissen, werden von den Geheimdiensten immer wieder diese Farb- oder Blümchen-Revolutionen gemacht, um Regierungen zu stürzen. Man nutzt eine Bewegung in der Bevölkerung, die zu vernünftigen Verhältnissen kommen möchte. Man benutzt Menschen, die legitime Anliegen haben und auf die Straße gehen oder demonstrieren, um das dann für sich zu vereinnahmen, dadurch eine Regierung zu installieren, die den USA genehm ist. Das wissen wir ja mittlerweile, das konnte man mehrfach beobachten. Ausgehend von dem Ukrainekonflikt ist das Ziel offensichtlich, Russland durch Wirtschaftssanktionen, durch die Beeinflussung der Kapital- und Energiemärkte und die aufgezwungenen Aufwendungen für die Nachrüstung in den Ruin zu treiben - dazu gibt es Aussagen verschiedener US-Politiker und Politologen. Putin wird niedergemacht, Russland soll offensichtlich ebenfalls destabilisiert und als Machtfaktor in der internationalen Politik ausgeschaltet werden. Der Hintergrund scheint mir zu sein, dass das Land den westlichen Kapitalinteressen geöffnet werden soll. Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass das eine Langzeitstrategie ist. Zum Beispiel hat der von Ihnen schon erwähnte Politikwissenschaftler und Regierungsberater Zbigniew Brzeziński 1997 in seinem Buch „Die einzige Weltmacht“ geschrieben, inwieweit die USA ihre globale Vormachtstellung geltend machen können. Das hänge davon ab, wie ein weltweit engagiertes Amerika mit den Machtverhältnissen auf dem eurasischen Kontinent fertig wird, also bei uns, in Westeuropa und Russland. Ob es dort das Aufkommen einer dominierenden gegnerischen Macht verhindern kann. Für die Weltmacht Nummer 1 – und das ist nach Brzeziński die Supermacht USA, allein schon vom militärischen Gewicht her – ist es das Schachbrett Eurasien, wie er das nennt, auf dem sich in Zukunft der Kampf um die Vorherrschaft in der Welt abspielen wird. Das hat er schon 1997 geschrieben. In diesem Kontext ist auch eine Äußerung Henry Kissingers in einem CNN-Interview zu verstehen, wonach Kiew sozusagen die Generalprobe für das sei, was wir – so etwa sagt er das – in Moskau tun möchten. Die USA haben es also geschafft Europa wieder zu spalten. Und das ist im Grunde eine Tragödie. Auch für die Handelsbeziehungen, selbstverständlich. Das bilaterale Handelsvolumen ist erheblich eingebrochen. Ich schätze, das wird inzwischen bei etwa 40 Prozent liegen, während die US-Firmen weiterhin mit Russland Handel treiben.


WE: Sie sprachen gerade das „Schachbrett“ an. Welche Rolle spielt auf diesem Schachbrett Deutschland?

Wolfgang Bittner: Das geht sehr deutlich aus einer Rede eines der Bellizisten der Republikaner, George Friedman, hervor, er war Direktor des US-Thinktanks Stratfor. Er hat am Chicago Council on Global Affairs 2015 gesagt, Ziel der US-Politik seit einem Jahrhundert sei gewesen, ein Bündnis zwischen Deutschland und Russland zu verhindern. Weil sie vereint die einzige Macht wären, so sagte er, die die USA bedrohen könnte. Das Hauptziel sei gewesen sicherzustellen, dass das nicht eintreten kann, und die Hauptsorge sei, dass sich deutsches Kapital und deutsche Technologie mit russischen Rohstoffressourcen und russischer Arbeitskraft verbänden. Das werde verhindert, indem man zwischen dem Baltikum und dem Schwarzen Meer einen „Cordon Sanitaire“ - also einen Sicherheitsgürtel - um Russland aufgebaut hat. 

WE: Also sehen die USA Deutschland auf dem Schachbrett als eine Soldaten-Figur?

Wolfgang Bittner: Na ja, Deutschland gehört der NATO an und die NATO rückt ja - entgegen der Versprechungen, die man 1989 gegeben hat - immer weiter nach Osten vor. Und, wenn ein NATO-Bündnisfall eintritt, dann wird Deutschland wahrscheinlich mitmachen müssen. Ich habe mich mal damit beschäftigt und glaube allerdings, dass da kein Automatismus besteht. Also Deutschland müsste nicht mitmachen, sollte es zum Bündnisfall kommen, aber das würde dann wohl doch so sein. Was mich besonders beeindruckt hat: Ich habe mehrere Reden von Vladimir Putin gelesen, er hat mehrmals ein gemeinsames Wirtschafts- und Kulturgebiet von Vladivostok bis Lissabon angeboten. Er hat mehrmals darüber gesprochen, aber von den westlichen Politikern ist niemand weiter darauf eingegangen. Das halte ich für einen gravierenden Fehler. Russland ist das größte Land Europas und das größte Land der Erde mit den meisten Bodenschätzen, es läge nahe, dass wir mit Russland freundliche Verbindungen pflegen. Auch handelsmäßig und kulturell. Aber das scheinen die USA seit langem zu verhindern. Der russische Präsident Putin hat zum Beispiel in einer Rede, die er Ende 2014 auf der Valdai-Konferenz in Sotschi hielt, von einer Notwendigkeit der Heranbildung eines einheitlichen Raumes der wirtschaftlichen und humanitären Zusammenarbeit vom Atlantik bis zum Stillen Ozean gesprochen. Und er sagte, der logische Weg wäre eine Kooperation von Ländern und Gesellschaften und die Suche nach gemeinsamen Antworten auf die vermehrt auftretenden Fragen, ebenso ein gemeinsames Risikomanagement. Das wäre doch vernünftig. Er sagte dann aber auch, stattdessen gäbe es Versuche die Welt zu zerschlagen, Trennlinien zu ziehen und erneut ein Feindbild zu schaffen. Da geht es um den Anspruch auf die Führungsrolle, Vladimir Putin spricht sogar von dem Versuch, das Diktat zu erlangen - damit meint er die USA. Er bekräftigt dann die russische Ansicht, dass die Art und Weise, wie die USA ihre Führungsrolle ausüben und sich in alle Angelegenheiten dieser Welt einmischen, nicht Ruhe, Wohlergehen, Fortschritt, Gedeihen und Demokratie brächten, sondern anstelle von souveränen Saaten einen wachsenden Bereich von Chaos und anstelle von Demokratie die Unterstützungen von recht zweifelhaften Strömungen. Und das sehen wir ja immer mehr, immer deutlicher. Der Orient brennt. Niemand in den Medien und auch keiner unserer Politiker wagt zu sagen, woran es liegt - dass die USA das zu verantworten haben, zum Teil auch die Briten und die Franzosen. Libyen war das reichste Land Afrikas. Es sollte eine
Flugverbotszone eingerichtet werden, die UNO hatte dem zugestimmt. Und was hat man gemacht? Man hat das Land in Grund und Boden gebombt. Irak ist kaputt, Afghanistan ist kaputt, in Syrien herrscht ein mörderischer Krieg, in der Ukraine herrscht Bürgerkrieg, überall wird gewühlt, auch jetzt in Venezuela und Brasilien. Wie der Regierungswechsel in Brasilien zustande gekommen ist, das ist ja eine Horrorgeschichte. Wenn wir uns in der Welt umsehen: Chaos, Krieg, Armut.

WE: Haben Sie eine Vorstellung, wie es zwischen den USA, der EU und Russland weitergehen wird?

Wolfgang Bittner: Die USA wollen Russland offensichtlich ruinieren. Das geht aus einer Rede von US-Vizepräsident Joe Biden vom Oktober 2014 hervor, da hat er in Cambridge/Massachusetts gesagt, die USA hätten Putin vor die Wahl gestellt: Respektieren sie die Souveränität der Ukraine oder sie werden sich zunehmenden Konsequenzen gegenübersehen. Das ist natürlich dreist. Denn im Gegensatz zu Russland respektieren die USA die Souveränität anderer Staaten überhaupt nicht.
Man kommt dann natürlich immer wieder auf die sogenannte Annexion der Krim zu sprechen. Aber hochinteressant ist, was Biden weiter sagt: Man habe die   europäischen Politiker nötigen müssen an den Sanktionen gegen Russland teilzunehmen, obwohl sie damit ihre eigenen Staaten schädigen. Die europäischen Staaten hätten Nachteile einzustecken und die Folgen dieser Sanktionen waren – so der US-Vizepräsident – eine massive Kapitalflucht aus Russland, ein regelrechtes Einfrieren von ausländischen Direktinvestitionen, der Rubel fiel auf einen historischen Tiefststand gegenüber dem Dollar und die russische Wirtschaft sei an der Kippe zu einer Rezession. Das ist doch nichts anderes als der Plan, Russland zu ruinieren. Und ich meine, dass es der deutschen Regierung möglich wäre, sich von dieser Aggressionspolitik abzuwenden und als souveränes Land eine eigene Ostpolitik zu gestalten. Da gibt es gute Ansätze von Außenminister Frank-Walter Steinmeier, aber auch Gerhard Schröder hat sich dazu geäußert und sogar Jean-Claude Junker, der Präsident der Europäischen Kommission. Meines Erachtens wäre die Möglichkeit eines Politikwechsels gegeben.

WE: Herr Bittner, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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