Willy Wimmer und Wladimir Putin / Foto: W.Wimmer

Wenn ein Präsident zum Dolmetscher wird

World Economy hat mit Willy Wimmer, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesministerium der Verteidigung a.D. ganz persönlich über Wladimir Putin, die Konferenz in St.Petersburg und vieles andere gesprochen.

Dem russischen Präsidenten traut man inzwischen vieles zu. Dass er aber bei einer vollgefüllten Konferenz für einen ausländischen Gast dolmetscht, ist durchaus einmalig. Willy Wimmer, der bei der Konferenz als geladener Gast anwesend war, hat es in Vivo erlebt.

WE:Könnten Sie noch mal erzählen, mit ein paar neuen Details, wie es dazu gekommen ist? War es ganz spontan? Zuerst, worum ging es bei diesem Medienforum und wer waren die Teilnehmer?

Willy Wimmer: Vom 4. bis 7. April 2016 fand in St. Petersburg eine Medienkonferenz statt, zu der etwa 500 Journalisten lokaler und regionaler Medien aus ganz Russland anwesend waren. Veranstalter war eine Organisation unter Führung des in Russland hoch angesehenen Filmregisseurs Goworuchin. Zu dieser Gruppierung zählt auch die Regierungspartei. Die Konferenz findet seit einigen Jahren statt.

Da ein Programmpunkt sich mit der Frage "Russische Massenmedien und der Informationskrieg" beschäftigte, war ich eingeladen worden, mich an einer Diskussion zu diesem Thema zu beteiligen. Ich persönlich halte nichts von dem Begriff "Informationskrieg", weil das die Übernahme eines dümmlichen amerikanischen Sprachgebrauchs ist. Im Verlaufe der Diskussion kam es zu der Frage, um welche Werte es eigentlich geht. Dabei war ich verwundert über die Reaktion russischer Gesprächspartner, die sich mit der Antwort auf diese Frage aus meiner Sicht sehr schwer getan haben. Ich habe als Ausländer und als Gast meine Beobachtungen zu Russland wiedergegeben. Bei der großen Diskussionsrunde mit dem russischen Präsidenten Putin hat nach gut 2 1/2 Stunden, in der der russische Präsident in bewundernswerter Weise Rede und Antwort gestanden hat, ein Teilnehmer auf meine Anmerkungen vom Vortag hingewiesen. Für mich war es wichtig, dass in dieser Runde aus politischen Gründen exakt das wiedergegeben werden sollte, was ich gesagt hatte zu der Frage nach den russischen Werten, wenn man Russland von draußen betrachtet. Ich habe also um das Wort gebeten und der russische Präsident hat mir dieses Wort umgehend erteilt. Ich hatte einen ausgezeichneten jungen Konferenzdolmetscher dabei, der während der ganzen Konferenz alles ausgezeichnet gedolmetscht hatte. Der Herr Präsident betonte aber, dass er selbst meine Worte in dieser großen Runde übersetzen würde. Das geschah dann auch und zwar in einer ebenso präzisen wie eleganten Art. Ich habe mich natürlich für diese ungewöhnliche Übersetzung in aller Form am Schluss meiner Wortmeldung bedankt. Wladimir Putin hat meinen Beitrag zu eigenen Anmerkungen über die Frage nach den Werten Russlands ausgedehnt. Seine Ausführungen über Patriotismus gegen Nationalismus waren sehr eindrücklich.

WE: Sie fühlten sich falsch verstanden von einem Teilnehmer? Was war der Grund?

Willy Wimmer: In einer derart wichtigen Frage darf nicht der geringste Zungenschlag falsch sein und deshalb habe ich die Wortmeldung eines überaus sympathischen Journalisten aus Baschkiristan zum Anlass genommen, das zu wiederholen, was ich am Tage zuvor tatsächlich gesagt hatte.

Foto: Willy Wimmer, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesministerium der Verteidigung a.D

WE:Sie haben Putin in 2001 bei seiner Rede beobachtet. Hat sich sein Deutsch seither geändert oder fühlt er sich im Gebrauch der deutschen Sprache immer noch frei?

Willy Wimmer: Eine vorbereitete Rede zu halten, das ist das eine. Als Präsident eines großen Landes in einer großen Veranstaltung die spontanen Worte eines anwesenden ausländischen Gastes exakt und souverän zu übersetzen, das ist schon etwas sehr besonderes. Auch bei dem anschließenden Gespräch unter vier Augen, um das der Herr Präsident gebeten hatte, war ein Dolmetscher nicht erforderlich. Herr Präsident Putin spricht so gut Deutsch wie ich auch.

WE:Und wie waren die Reaktionen der Anwesenden?

Willy Wimmer: Das war schon eine sehr besondere Konferenz. Wenn man je wissen will, wie Demokratie in der Schweiz abläuft, kann man sich diese Journalistenkonferenz als Modell ansehen. Beobachter hatten mir gesagt, dass die Mehrzahl der Journalisten durchaus sehr regierungskritisch eingestellt waren. Dennoch war die Stimmung ungewöhnlich sachorientiert und freundlich, aber seriös. Übrigens mustergültig über all die Tage von einem jungen Team durchgeführt. Ich habe ja nun auch Erfahrung damit, wie westliche Politiker sich der Presse stellen. So läßt sich hier aber niemand über Stunden von den anwesenden Journalisten "grillen", wie das alle Spitzenvertreter aus dem politisch-administrativen Bereich dort über sich freundlich haben ergehen lassen.

WE:Es wird von einigen behauptet, dass es sich nur um einen PR-Gag Putins handele?

Willy Wimmer: Habe ich nicht gelesen oder gehört, aber warum soll es keine Leute in der NATO geben, die mondsüchtig sind?

WE:Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Unterschiede zwischen den nationalen Werten in Russland und im Westen?

Willy Wimmer: In dem Ihnen vorliegenden Video habe ich die aus meiner Sicht in Russland bestimmenden Werte angesprochen. Dafür steht das Russland unter Präsident Putin. Über den Atlantik schwappen die Vorstellungen, die unsere bestehenden europäischen Werte auflösen sollen. Viele in Europa und Deutschland stehen dem vom Herzen und vom Verstand näher, wie Russland das heute sieht.

WE:Wir würden Sie gern um einen Kommentar zu dem neuesten „Panama papers“-Skandal bitten. Ihre amerikakritische Haltung ist bekannt und viele glauben daran, dass hinter diese Affäre Washington steht.

Willy Wimmer: Mir wäre es am liebsten, wenn sich der deutsche Generalbundesanwalt zum Hüter der deutschen Verfassung aufschwingen würde. In der steht nämlich, dass von deutschem Boden aus kein Angriffskrieg mehr ausgehen darf und soll. Was war denn der Angriff auf Belgrad anderes als ein Angriffskrieg? Dafür wird man in Deutschland mit lebenslänglichem Gefängnis bestraft. Haben Sie davon etwas gesehen oder gehört? Standen oder stehen etwa die westlichen Staatschefs in den Haag vor Gericht, wo sie alle hingehören, die diesen ordinären Angriffskrieg gegen ein Gründungsmitglied der UN aus amerikanischem Interesse gegen Russland vom Zaun gebrochen haben? Da wird mir heute noch schlecht, wenn ich daran denke.

WE:Und die letzte Frage, bewahren Sie noch immer Ihr Handy im Kühlschrank auf?

Willy Wimmer: Mehr als das.