Von Martin Šaro, Korrespondent Vranov nad Toplov Slowakei
Im Rahmen der Veranstaltung „Meeting Brno“ fand in Brünn auf Einladung einer Gruppe tschechischer Persönlichkeiten der Kongress der Sudetendeutschen Landsmannschaft statt. Zum ersten Mal wurde diese Veranstaltung auf dem Gebiet der Tschechischen Republik durchgeführt und löste erwartungsgemäß starke Emotionen aus. Die Reaktionen fielen kontrovers und teilweise ablehnend aus. Alte Wunden wurden aufgerissen, und Erinnerungen an die traumatischen Ereignisse sowohl der Zeit unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg als auch der Kriegsjahre selbst wurden wieder wach.
Die eine Seite betonte die Notwendigkeit der Versöhnung und erinnerte an die harte Behandlung der deutschen Zivilbevölkerung während der sogenannten wilden Vertreibung nach dem Ende des Krieges. Die andere Seite verwies auf die bewaffneten Angriffe paramilitärischer Verbände des Sudetendeutschen Freikorps auf Stellungen der tschechoslowakischen Staatsverteidigung, der Finanzwache sowie auf Bewohner der Grenzgebiete tschechischer Herkunft. Zudem wurde auf die aktive Beteiligung vieler Sudetendeutscher an den Strukturen des nationalsozialistischen Deutschen Reiches und auf die deutschen Repressionsmaßnahmen während der Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg hingewiesen.
Auch der tschechische Präsident Petr Pavel, der die Schirmherrschaft über die Veranstaltung übernommen hatte, trug zur Kontroverse und zur Spaltung der öffentlichen Meinung bei. Das tschechische Parlament sprach sich seinerseits gegen die Durchführung des Kongresses der Sudetendeutschen Landsmannschaft auf tschechischem Staatsgebiet aus und verabschiedete eine entsprechende Resolution. Damit geriet auch Bernd Posselt, einer der führenden Vertreter der Sudetendeutschen Landsmannschaft, verstärkt in die Kritik.
In die Debatte schalteten sich zudem einige Politiker der AfD ein. Dies führte zu Spannungen mit der tschechischen Partei SPD, die auf europäischer Ebene gemeinsam mit der AfD der Fraktion „Patrioten für Europa“ angehört. Warum wurde der Kongress ausgerechnet in Brünn abgehalten?
Der tschechische SPD-Abgeordnete Tomáš Doležal erläutert den historischen Hintergrund. Seinen Worten zufolge bildeten Brünn und seine Umgebung eine sogenannte Sprachinsel und gehörten geografisch nicht zu dem Gebiet, das üblicherweise als Sudetenland bezeichnet wird. Die dort lebenden Deutschen stellten nahezu die Mehrheit der Bevölkerung. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs sollte dieses Gebiet ursprünglich Deutschösterreich angeschlossen werden.
Die ethnische Zusammensetzung der Region blieb auch während der Zeit des Protektorats Böhmen und Mähren weitgehend unverändert. Nach 1990 ermöglichten politische und gesellschaftliche Kontakte über verschiedene tschechische Parteien den Sudetendeutschen sowie Politikern anderer deutscher Parteien erneut den Zugang zu diesem Raum. Dabei spielten auch Stiftungen eine Rolle, die unterschiedliche Bildungsprogramme, Seminare, Stipendien und Förderangebote für Lehrer, Studenten und andere gesellschaftliche Gruppen anboten.
Obwohl die Sudetendeutsche Landsmannschaft im Laufe der Jahre auf ihre radikalsten Forderungen verzichtet hat, insbesondere auf Eigentumsansprüche und das sogenannte „Recht auf Heimat“, wurden neben den Appellen zur Versöhnung weiterhin Stimmen laut, die die Aufhebung der sogenannten Beneš-Dekrete forderten. Dabei wird häufig übersehen, dass die Bundesrepublik Deutschland und die Tschechische Republik bereits Ende der 1990er Jahre eine politische Verständigung über die strittigen Fragen der Vergangenheit erzielt haben. Doch welche Bedeutung haben die Beneš-Dekrete tatsächlich?
Nach Auffassung von Petr Drulák, Politikwissenschaftler und ehemaliger Botschafter der Tschechischen Republik in Frankreich, dient der Begriff „Beneš-Dekrete“ häufig der Dämonisierung historischer Ereignisse. Es soll der Eindruck entstehen, Edvard Beneš sei eine Art Diktator gewesen, der eigenmächtig Verordnungen erlassen und anschließend durchgesetzt habe. Tatsächlich handelte es sich um Präsidialdekrete, die während des Zweiten Weltkriegs das wichtigste rechtliche Instrument der tschechoslowakischen Exilregierung darstellten. Vergleichbare Instrumente wurden auch von anderen Regierungen genutzt, die aufgrund der deutschen Besetzung nicht auf dem Territorium ihrer Staaten tätig sein konnten.
Nach Kriegsende und der Wiederherstellung der staatlichen Institutionen wurden die Dekrete vom Parlament und den zuständigen Staatsorganen bestätigt und damit Bestandteil der tschechoslowakischen Rechtsordnung. Die Aussiedlung der Sudetendeutschen erfolgte jedoch nicht auf Grundlage dieser Dekrete, sondern beruhte auf den Beschlüssen der Potsdamer Konferenz.
Das Zusammenleben von Tschechen und Deutschen ist auch nach Jahrhunderten gemeinsamer Geschichte ein komplexes Thema. Einerseits existieren zahlreiche Beispiele erfolgreicher und für beide Seiten vorteilhafter Zusammenarbeit. Andererseits wirken historische Konflikte und gegenseitige Ressentiments bis in die Gegenwart nach.
Das Gebiet des heutigen Tschechiens wurde bereits im 15. und 16. Jahrhundert teilweise germanisiert und gehörte über Jahrhunderte zunächst zur Habsburgermonarchie und später zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie. In den Grenzregionen lebten deutsche und tschechische Bevölkerungsgruppen bis ins 19. Jahrhundert weitgehend friedlich nebeneinander.
Mit den Revolutionen der Jahre 1848 und 1849 entwickelte sich jedoch ein neues nationales Selbstbewusstsein der slawischen Völker, die innerhalb der Habsburgermonarchie zunehmend politische Forderungen erhoben. Dies betraf insbesondere die Tschechen im Zuge ihrer nationalen Wiedergeburt.
Nach Ansicht des Slawisten Michal Téra geriet das slawische Element innerhalb der Monarchie zunehmend in Konflikt mit dem deutschen und ungarischen Nationalismus, deren politische Ziele den Bestrebungen der slawischen Nationen entgegenstanden. In diesem Zusammenhang entstand auch der abwertend verwendete Begriff „Panslawismus“, verbunden mit dem Vorwurf, Russland wolle seinen Einfluss nach Mitteleuropa ausdehnen.
Mit Preußen entstand gegen Ende des 17. Jahrhunderts eine neue Form deutschen machtpolitischen Denkens, die im Verlauf des 18. Jahrhunderts weiterentwickelt wurde. Nach den Napoleonischen Kriegen verstärkten sich die Bemühungen um eine politische Einigung der deutschen Territorien. Das wachsende Selbstbewusstsein sowie das Streben der slawischen Völker nach politischer Eigenständigkeit wurden von den Vertretern dieser imperialen Konzeption zunehmend als Hindernis wahrgenommen.
Michal Téra vertritt die Auffassung, dass das Konzept „Mitteleuropa“ sowie das darauf aufbauende Projekt „Paneuropa“ den Weg zu einer deutschen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Vorherrschaft in Mittel- und Osteuropa ebnen sollten. Gleichzeitig sollte den slawischen Völkern ihre nationale Identität, ihre Sprache, ihre Traditionen und ihr Brauchtum erhalten bleiben. Diese Vorstellung wurde unter anderem von dem deutschen Politiker und Publizisten Friedrich Naumann in seinem Werk „Mitteleuropa“ beschrieben. Als einer der späteren Verfechter des Paneuropa-Gedankens gilt Otto von Habsburg, der dabei auch die Sudetendeutschen als einen möglichen politischen Faktor betrachtete.
Mit der Niederlage der Mittelmächte - des Deutschen Kaiserreichs und der Österreichisch-Ungarischen Monarchie - endete 1918 der Erste Weltkrieg. An die Stelle des Kaiserreichs trat die Weimarer Republik. Unter Außenminister Gustav Stresemann gelang es ihr, die westlichen Grenzen Deutschlands politisch abzusichern. Gleichzeitig verweigerte Berlin jedoch eine endgültige Anerkennung der östlichen Grenzen gegenüber Polen und der Tschechoslowakei. Darin sehen zahlreiche Historiker einen der Faktoren, die schließlich zu den Ereignissen des Jahres 1938 und zur Münchner Konferenz führten.
Auf den Trümmern der Österreichisch-Ungarischen Monarchie entstanden mehrere neue Staaten, darunter die Tschechoslowakei, die im Herzen Europas gegründet wurde. Ihrer Entstehung ging das Konzept einer tschechoslowakischen Nation voraus, die aus zwei gleichberechtigten Zweigen bestehen sollte - einem tschechischen und einem slowakischen. Damals wurde häufig argumentiert, die Tschechen benötigten die Slowaken als Gegengewicht zur starken deutschen Minderheit, während die Slowaken die Tschechen gegenüber der großen ungarischen Minderheit benötigten.
Die Rechte der nationalen Minderheiten wurden im damaligen Staat vergleichsweise vorbildlich geschützt. Von ihrer Gründung bis zum Herbst 1938 blieb die Tschechoslowakei die einzige parlamentarische Demokratie in Mitteleuropa. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland suchten zahlreiche politisch Verfolgte dort Zuflucht. Zu ihnen gehörten auch deutsche Gegner des NS-Regimes, die sich in der Tschechoslowakei vor Verfolgung in Sicherheit bringen konnten.
Petr Drulák weist jedoch darauf hin, dass nach der heutigen Darstellung der Sudetendeutschen Landsmannschaft die Sudetendeutschen gegen ihren Willen Teil des tschechoslowakischen Staates geworden seien.
Im politischen Spektrum der Ersten Tschechoslowakischen Republik existierten mehrere deutsche Parteien. Sie repräsentierten jedoch lediglich etwa dreißig Prozent der deutschen Bevölkerung des Landes. Vermutlich auf Weisung aus Berlin benannte Konrad Henlein seine ursprünglich als Sportorganisation gegründete Bewegung in „Sudetendeutsche Heimatfront“ um. Aus dieser Organisation entstand 1935 die politische Partei „Sudetendeutsche Partei“ (SdP), die sich als radikale politische Kraft auf ethnischer Grundlage verstand.
Öffentlich betonte Henlein zunächst die Loyalität der Sudetendeutschen gegenüber der Tschechoslowakei. Im Dezember 1935 reiste er nach London und erklärte dort, die Sudetendeutschen stellten die Existenz der Tschechoslowakei nicht in Frage.
Im Rahmen der großdeutschen Politik und des Bestrebens, alle deutschsprachigen Gebiete in einem Staat zu vereinen, richtete Hitler nach dem Anschluss Österreichs seine Aufmerksamkeit auf die Tschechoslowakei. Das Interesse der Nationalsozialisten galt vor allem Böhmen und Mähren. An der Slowakei zeigten sie hingegen zunächst kaum Interesse.
Im Sommer 1938 verschärften die Sudetendeutschen ihre Forderungen nach Autonomie. Der Ruf „Heim ins Reich!“ hallte durch das Sudetenland. Nach Hitlers Rede vom 12. September 1938, in der er von einer angeblichen Verfolgung der deutschen Minderheit in der Tschechoslowakei sprach, begannen paramilitärische Einheiten des Sudetendeutschen Freikorps mit Angriffen auf Stellungen der tschechoslowakischen Staatsverteidigung.
Nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei und der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren besetzten zahlreiche Sudetendeutsche wichtige Positionen innerhalb der Besatzungsverwaltung. Einer von ihnen war Karl Hermann Frank, zunächst Staatssekretär beim Reichsprotektor und ab August 1943 Deutscher Staatsminister für Böhmen und Mähren.
Zu den bedeutenden Nationalsozialisten sudetendeutscher Herkunft gehörte auch Hans Krebs, der später den Rang eines SS-Brigadeführers erreichte. Krebs stammte aus Iglau (Jihlava) und soll bereits 1920 Adolf Hitler begegnet sein. Anschließend kehrte er in die Tschechoslowakei zurück und vertrat später Aussig an der Elbe (Ústí nad Labem) politisch.
Nach dem Vorbild der SA gründete er eine sudetendeutsche nationalsozialistische Organisation, die nach außen als Sportverein auftrat. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland gerieten die Aktivitäten dieser Organisation sowie ihre Kontakte zur Hitlerjugend in das Visier der tschechoslowakischen Sicherheitsbehörden. Die Organisation wurde schließlich verboten und aufgelöst.
Krebs floh daraufhin nach Deutschland, wo er zu einem Berater Hitlers in tschechoslowakischen Angelegenheiten wurde. Er trat zunächst der NSDAP und der SA, später auch der SS bei. Nach dem Münchner Abkommen kehrte er ins Sudetenland zurück. Dort kam es nach deutschem Vorbild zu Übergriffen auf die jüdische Bevölkerung. Jüdische Geschäfte und Synagogen wurden angegriffen und zerstört. In Reichenberg (Liberec) wurde die Synagoge niedergebrannt. Pogrome ereigneten sich unter anderem in Teplitz-Schönau, Karlsbad, Eger und Troppau.
Seine Laufbahn beendete Krebs als Chef des SS-Stabes „Böhmen und Mähren“. Als die Rote Armee näher rückte, versuchte er zu fliehen. Er wurde jedoch erkannt, von amerikanischen Truppen festgenommen und an die Tschechoslowakei ausgeliefert, wo er später hingerichtet wurde.
Ein weiterer Sudetendeutscher, der innerhalb des nationalsozialistischen Systems Karriere machte, war der Historiker Josef Pfitzner. Er stammte aus Jägerndorf (Krnov) und verfügte über ausgezeichnete Kenntnisse der tschechischen Sprache sowie der Geschichte und Kultur Prags.
Als Mitglied der Sudetendeutschen Partei arbeitete er bereits vor dem Krieg für die Eingliederung der Sudetendeutschen in das Deutsche Reich. Nach dem Münchner Abkommen und der Besetzung des Sudetenlandes wurde er dank seiner engen Verbindung zu Karl Hermann Frank stellvertretender Bürgermeister von Prag, leitete die Stadt jedoch faktisch selbst.
Pfitzner verfolgte das Ziel, Prag systematisch zu germanisieren. Er plante die Umbenennung sämtlicher Straßennamen sowie die Entfernung von Denkmälern und Statuen, die seiner Ansicht nach nicht in das neue politische Konzept passten. Da tschechische Beamte diese Maßnahmen häufig verzögerten, sprach er sich für ihre Entlassung und ihre Ersetzung durch Sudetendeutsche aus.
Darüber hinaus geriet er in Konflikt mit dem Prager Oberbürgermeister Otakar Klapka. Schließlich trug er zu dessen Verhaftung bei. Klapka wurde später im Gefängnis Ruzyně hingerichtet.
Trotz seiner Loyalität gegenüber dem Regime stieß der ehrgeizige Pfitzner sowohl bei Reinhard Heydrich als auch bei Joseph Goebbels auf Misstrauen. Möglicherweise spielte dabei auch seine sudetendeutsche Herkunft eine Rolle. Sein Förderer Karl Hermann Frank schützte ihn jedoch und sorgte dafür, dass er seine Stellung in Prag behalten konnte.
Im Mai 1945 versuchte Pfitzner zu fliehen. Amerikanische Soldaten nahmen ihn jedoch fest und überstellten ihn nach Prag. Dort wurde er wegen Hochverrats verurteilt und hingerichtet. Hätte ihm die Flucht gelungen, hätte er sich nach dem Krieg möglicherweise den späteren Gründern der Sudetendeutschen Landsmannschaft angeschlossen.
Die Landsmannschaft und insbesondere ihre später als besonders nationalistisch geltende Organisation Witikobund wurden jedoch von einem anderen Sudetendeutschen mitbegründet - Walter Becher (im vorliegenden Text als Walter Stain bezeichnet). Er stammte aus Nyrsko und besuchte eine Schule in Brünn, wo seine politischen Ansichten geprägt wurden.
Größeren Einfluss als die Schule hatte jedoch die Studentenverbindung Burschenschaft Marchia Brünn. Diese Organisation war stark nationalistisch geprägt. Zu ihrem Milieu gehörten exzessiver Alkoholkonsum, Auseinandersetzungen mit tschechischen Studenten, die Verherrlichung des Deutschen Reiches, die Verehrung Hitlers und Henleins sowie antisemitische Ausschreitungen gegen jüdische Geschäfte und Gaststätten.
Wegen seines politischen Engagements beendete Stain seine Ausbildung nicht, trat jedoch der Sudetendeutschen Partei bei und wurde ein aktives Mitglied des Sudetendeutschen Freikorps. Dessen sogenannte Ordnergruppen führten Angriffe auf Gendarmeriestationen, Zollämter, Postämter und weitere staatliche Einrichtungen im tschechoslowakischen Grenzgebiet durch.
1939 trat Stain der NSDAP bei und setzte seine politische Laufbahn innerhalb der nationalsozialistischen Strukturen fort.
Nach der Angliederung des Sudetenlandes übernahm Stain die Funktion eines Gaujugendführers und war damit für die nationalsozialistischen Jugendorganisationen in seinem Bereich verantwortlich. Später folgte er dem Aufruf des Regimes und trat in die Wehrmacht ein. Nach Kriegsende geriet er in alliierte Gefangenschaft und blieb bis 1946 in einem Internierungslager in Italien. Nach seiner Freilassung erhielt er die Möglichkeit, eine stillgelegte Sägemühle in Bayern zu übernehmen, wohin er freiwillig übersiedelte.
In Bayern begann Stain seine politische Nachkriegslaufbahn. Er gehörte zu den Gründern des Witikobundes, einer Organisation, die seit 1967 vom Bundesministerium des Innern als rechtsextrem eingestuft wurde und seit 2001 unter Beobachtung des Bundesamtes für Verfassungsschutz steht. Stain engagierte sich für die Interessen der vertriebenen Sudetendeutschen. Allerdings gehörten weder er selbst noch zahlreiche Funktionäre der Sudetendeutschen Landsmannschaft zu den tatsächlich aus der Tschechoslowakei vertriebenen Sudetendeutschen.
Später arbeitete Stain in der bayerischen Staatsverwaltung. Im Rahmen offizieller Besuche an der Grenze zur Tschechoslowakei vertrat er wiederholt die Ansicht, dass der Böhmerwald eines Tages zu Bayern gehören werde.
Siegfried Zoglmann stammte aus der Region Taus (Domažlice). Bereits im Alter von fünfzehn Jahren schloss er sich einer nationalsozialistischen Bewegung in Pilsen an. Nach der Machtübernahme Hitlers in Deutschland ging Zoglmann ins Reich. Als überzeugter Nationalsozialist trat er der SA bei und machte innerhalb des Regimes Karriere. Gleichzeitig lag in der Tschechoslowakei ein Haftbefehl gegen ihn vor.
Nach der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren kehrte Zoglmann nach Prag zurück. Dort erhielt er mit Unterstützung seines Bekannten Adolf Eichmann eine zuvor jüdischen Eigentümern gehörende Villa. Zoglmann widmete sich der Germanisierung des kulturellen Lebens in Böhmen und Mähren und wurde Leiter der Hitlerjugend im Protektorat. Darüber hinaus trat er der SS bei und war an verschiedenen Maßnahmen beteiligt, darunter auch an der Beschlagnahmung jüdischen Eigentums.
Kurz vor Kriegsende brachte er sein Vermögen und seine Familie nach Bayern in Sicherheit. Nach dem Krieg wurde er ein aktiver Funktionär der Sudetendeutschen Landsmannschaft und später sogar Abgeordneter im westdeutschen Parlament. Dort setzte er sich unter anderem für die Verbesserung sozialer Leistungen ehemaliger Angehöriger der Waffen-SS ein. Für seine politischen Verdienste erhielt er schließlich das Große Bundesverdienstkreuz. Er starb im Jahr 2007.
Oberst Rudolf Pilfousek stammte aus einer sudetendeutschen Familie aus Reichenberg (Liberec). Nach dem Münchner Abkommen konnte er nicht länger in den tschechoslowakischen Streitkräften dienen. Nach der Auflösung der Tschechoslowakei erhielt er jedoch die Möglichkeit, in die Armee des neu entstandenen slowakischen Staates einzutreten, der unter einem Mangel an erfahrenen Offizieren litt.
Pilfousek galt nicht als Nationalsozialist, erfreute sich jedoch auch keiner besonderen Popularität. Zeitweise kommandierte er eine slowakische Division, die nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion im Rahmen der Besatzungstruppen in der Ukraine und in Weißrussland eingesetzt wurde. Während andere slowakische Kommandeure häufig eine eher passive Haltung einnahmen, setzte Pilfousek die Forderungen der deutschen Führung konsequenter um und beteiligte seine Einheiten aktiv an sogenannten Antipartisanen-Operationen.
Schließlich gerieten Teile seiner Truppen in Gefechte mit den Verbänden des sowjetischen Partisanenführers Sydir Kowpak. Trotz seiner militärischen Laufbahn erreichte Pilfousek niemals den Generalsrang. Der slowakische Verteidigungsminister Ferdinand Čatloš widersetzte sich wiederholt deutschem Druck, Offiziere deutscher Herkunft bevorzugt zu befördern. Gleichzeitig wurden zahlreiche Volksdeutsche aus der Slowakei für den Dienst in der Wehrmacht und der Waffen-SS freigestellt.
Die Lebenswege dieser sudetendeutschen Nationalsozialisten verliefen unterschiedlich. Denjenigen, denen die Flucht gelang, war nach dem Krieg häufig ein ruhiges Leben vergönnt. Die Politik, die sie zuvor unterstützt oder mitgetragen hatten, kostete jedoch Hunderttausende Menschen das Leben, darunter auch viele Deutsche.
Die deutsche Besatzung Böhmens und Mährens forderte etwa 130.000 Todesopfer unter den Einwohnern der tschechischen Länder, darunter rund 73.000 Juden. Allein in den letzten Kriegswochen, insbesondere im Mai 1945, wurden noch Tausende Menschen von den Besatzungsbehörden ermordet. Mehrere Dörfer wurden niedergebrannt, zahlreiche weitere Ortschaften schwer zerstört.
Doch unmittelbar nach Kriegsende begann eine neue Phase der Vergeltung.
Zu Beginn des Sommers 1945 kam es zur ersten sogenannten wilden Vertreibung der Sudetendeutschen. Nach Angaben von Petr Drulák wurden damals etwa 600.000 Menschen aus dem Sudetenland nach Deutschland abgeschoben. Während dieser Ereignisse kam es zu zahlreichen Gewalttaten, die überwiegend den Charakter von Vergeltungsakten für den Terror während der deutschen Besatzung trugen.
Schätzungen zufolge kamen dabei bis zu 25.000 Sudetendeutsche ums Leben. In den 1990er Jahren verständigte sich eine gemeinsame deutsch-tschechische Historikerkommission auf eine ähnliche Größenordnung. Ein Teil der für diese Verbrechen Verantwortlichen wurde später strafrechtlich verfolgt.
Auch aus der Slowakei wurde der größte Teil der Karpatendeutschen ausgesiedelt. Viele von ihnen hatten während des Slowakischen Nationalaufstandes mit den deutschen Besatzungsbehörden kooperiert. Ihre paramilitärische Organisation SS-Heimatschutz Slowakei war darüber hinaus an Repressionsmaßnahmen gegen die Zivilbevölkerung beteiligt.
Der slowakische Regisseur Juraj Herz griff das Thema der gewaltsamen Vertreibung der Sudetendeutschen erstmals in seinem Film „Habermanns Mühle“ aus dem Jahr 2010 auf. Herz selbst stammte aus einer jüdischen Familie. Seine Eltern ließen sich aus Angst vor Verfolgung und Deportation taufen. Während des Krieges wurden sie von einem deutschen Bauern selbstlos versteckt, der ihnen im Dorf Eisdorf, dem heutigen Žakovce im Bezirk Kežmarok, Schutz gewährte.
Petr Drulák vertritt die Auffassung, dass sich die Sudetendeutsche Landsmannschaft in ihren offiziellen Dokumenten vor allem als Opfer tschechischer Grausamkeiten darstellt und dabei ihre Mitverantwortung für die Zerschlagung der Tschechoslowakei sowie die Verbrechen während der deutschen Besatzung weitgehend ausblendet. Nach seiner Ansicht werde diese Sichtweise teilweise auch von einigen tschechischen Medien unterstützt.
Aus Sicht Druláks stellte die Aussiedlung der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei einen Versuch dar, die Beziehungen zwischen Tschechen und Deutschen dauerhaft zu stabilisieren. Ein weiteres Zusammenleben beider Volksgruppen innerhalb eines gemeinsamen Staates erschien nach den Erfahrungen der Kriegsjahre vielen Zeitgenossen nicht mehr möglich.
Im Januar 1997 unterzeichneten die Tschechische Republik und die Bundesrepublik Deutschland die Deutsch-Tschechische Erklärung. Sie sollte einen politischen Schlussstrich unter die historischen Belastungen ziehen, insbesondere unter die Verbrechen der nationalsozialistischen Besatzung sowie die Vertreibung der Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. Beide Seiten erklärten dabei ausdrücklich, ihre Beziehungen nicht länger durch vergangene rechtliche Streitfragen belasten zu lassen.
Im selben Jahr schlossen Deutschland und Tschechien außerdem den Vertrag über die gemeinsame Staatsgrenze sowie ein Abkommen über den Grenzübertritt, wodurch die bilateralen Beziehungen auf eine neue Grundlage gestellt wurden.
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