Bauer pflanzt über 300 verschiedene Tomatensort. dpa

Warum stagniert der Ökolandbau?

Berlin (dpa) - Der Hof ist Jahrzehnte alt, neu ist das Bio: Landwirt
Wilhelm Schulte-Remmert hat «umgestellt» - und ist glücklich mit der
Entscheidung. «Die letzten Jahre war’s immer mehr ein Laufen im
Hamsterrad», erinnert sich der 51-Jährige aus dem westfälischen
Lippstadt. 400 Schweine und 31 Hektar Fläche, das war nicht
zukunftsfähig. Also die Viehzahl verdoppeln und für teures Geld
Fläche zupachten?

Familie Schulte-Remmert wollte lieber in ihre Unabhängigkeit
investieren und baute für 1,3 Millionen Euro einen neuen
Schweinestall mit Stroh auf dem Boden und Auslauf im Freien. Heute
gibt es auf dem «Biohof LebensWert» 150 Tiere, das Fleisch geht an
Abnehmer aus der Region - ein Musterbeispiel. Aber längst nicht
überall nimmt die Öko-Landwirtschaft so eine glückliche Entwicklung
wie Schulte-Remmerts Bauernhof. Die Branche wächst nur noch langsam.

Von 2013 auf 2014 kamen unterm Strich 127 neue Betriebe und knapp
2700 Hektar Fläche dazu, das ist nicht viel. Kurzzeitig hatte es
sogar so ausgesehen, als wäre die Bio-Fläche erstmals wieder kleiner
geworden - bis ein Fehler in der Statistik für 2013 entdeckt wurde,
was den Aufwärtstrend rettete.

Den Erwartungen hinkt der Ökolandbau dennoch gewaltig hinterher: Ziel
der Bundesregierung ist, dass eines Tages ein Fünftel der
landwirtschaftlichen Fläche in Deutschland ökologisch bewirtschaftet
werden. Heute sind es gerade einmal 6,3 Prozent.

Für Gerald Wehde vom Bioland-Verband liegt der Grund dafür auf der
Hand. «Unser Hauptproblem ist der Kampf um Fläche», sagt er. «Dabei
sind die Bio-Betriebe die klaren Verlierer.» Unter den Konkurrenten
sind ihm vor allem die Biogasanlagen ein Dorn im Auge, die bis zur
Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes 2014 staatlich stark
gefördert wurden. Das hat dazu geführt, dass heute auf 12,5 Prozent
der deutschen Agrarfläche Energiepflanzen wie Mais wachsen.

Kommen in einer Region noch Betriebe mit intensiver Tierhaltung dazu,
die viel Platz brauchen, um Futter anzubauen und Gülle auszubringen,
treibt das die Pachtpreise schnell auf bis zu 1000 Euro pro Hektar.
Der typische Bio-Betrieb kann laut Wehde 350 bis 500 Euro zahlen.
Besonders angespannt sei die Lage im Westen Niedersachsens und im
nördlichen Nordrhein-Westfalen, auch im Allgäu und Teilen Bayerns.

Der Ökolandbau stockt aus Wehdes Erfahrung denn auch nicht, weil
Bio-Bauern aufgeben und doch wieder konventionell arbeiten wollen.
Aber während in früheren Jahren die Anbaufläche größer und größer
wurde, indem immer neue Betriebe dazukamen und die bestehenden
expandierten, schrumpfen die Bio-Höfe seit 2007 tendenziell.

Der Spitzenverband der deutschen Bio-Branche, der Bund Ökologische
Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), blickt dennoch vorsichtig optimistisch
in die Zukunft. Die ersten Meldungen aus den Ländern zur Entwicklung
der Öko-Flächen im Jahr 2015 machten Hoffnung, dass das Wachstum doch
wieder anziehe, sagt Sprecherin Joyce Moewius. Das hängt aus ihrer
Sicht auch damit zusammen, dass Bio-Bauern erst seit 2014 bundesweit
von allen Landesregierungen gefördert werden. Damit gebe es endlich
mehr Planungssicherheit. «Die Landwirte brauchen das Gefühl, dass man
sich auf die Förderung verlassen kann», sagt Moewius.

Denn die Umstellung auf Bio ist mit viel Aufwand verbunden - und für
manche Betriebe auch mit gewaltigen Investitionen. Wer sich wie Bauer
Schulte-Remmert für ökologische Schweinehaltung entscheidet, muss
schnell sechs- bis siebenstellige Beträge in die Hand nehmen, weiß
Bioland-Sprecher Wehde. Denn ein konventioneller Stall, in dem die
Tiere auf Bodenspalten stehen, lässt sich nur durch erhebliche
Umbauten umwandeln. Oder es muss gleich neu gebaut werden.

Schulte-Remmert hat sich davon nicht abschrecken lassen, auch wenn
die Angst auch heute noch da ist. Oder der Respekt, wie er sich
schnell korrigiert. «Natürlich ist das ganz, ganz viel Geld», sagt
er. «Und wir stehen ganz am Anfang einer Betriebsentwicklung.» Gerade
ist die dreijährige Umstellungsphase abgeschlossen, nach der das
Fleisch ohne Einschränkung mit dem Bio-Siegel verkauft werden darf.
Bald sollen Eier und Kartoffeln dazukommen, ein Dorfladen mit den
Produkten vom «Biohof LebensWert». In einer Hinsicht ist die Zukunft
immerhin sicher: Sohn Sebastian (22) ist inzwischen ausgebildeter
Öko-Landwirt - und wird den Hof eines Tages weiterführen.