Damaskus (dpa) - Als es in Syrien in der Nacht von Freitag auf Samstag Mitternacht schlug, erlebten die Menschen in dem Ort Daraja etwas Seltenes: Plötzlich kehrte Ruhe ein. «Es gab ein paar Schüsse», berichtete der lokale Aktivist Fadi am frühen Samstagmorgen aus dem von fünf Jahren Bürgerkrieg geschundenen Gebiet südlich der Hauptstadt Damaskus. «Bis jetzt ist es aber so weit ruhig. Kein Artilleriebeschuss, keine Luftangriffe.» Es klang ein wenig so, als könnte er es selbst nicht glauben.
Wie so viele Menschen im Land hatte auch Fadi vor dem Beginn der Waffenruhe um Mitternacht kaum Hoffnung, dass die Feuerpause auch nur eine Minute halten werde. Daraja kann getrost als einer der wichtigsten Testfälle in dem Bürgerkriegsland bezeichnet werden. Weil der Ort in der Nähe eines Militärflughafens liegt, versucht
das Regime schon seit langem, ihn einzunehmen. Mehr als 8000 Menschen seien dort ohne Hilfe von außen eingeschlossen, berichten Aktivisten.
Noch bis kurz vor dem Beginn der Waffenruhe griff Syriens Luftwaffe Daraja an, als wolle sie den Ort dem Erdboden gleichmachen. Aktivisten meldeten, Hubschrauber hätten am Freitag mehr als 60 Fassbomben abgeworfen, eine international geächtete Waffe. In den vergangenen Tagen hatte das Regime zudem wissen lassen, die Angriffe auf Daraja sollten auch nach Beginn der Waffenruhe weitergehen, schließlich kämpften dort Anhänger der von der Waffenruhe ausgenommenen Al-Nusra-Front, Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida - ein Vorwurf, den lokale Aktivisten entschieden zurückweisen.
Dass die Waffenruhe in Daraja zunächst hielt, ist ein Hoffnungsschimmer für das Bürgerkriegsland. Überhaupt ging in weiten Teilen des Landes die Gewalt am Wochenende deutlich zurück, auch wenn sich die Konfliktparteien gegenseitig den Bruch der Waffenruhe vorwarfen und vereinzelt auch Kämpfe und Luftangriffe gemeldet wurden. In Syriens Nordwesten und im Umland von Damaskus kam es zu Beschuss und Kämpfen. In der Provinz Idlib setzte Syriens Luftwaffe erneut Fassbomben ein. Es wird erneut von russischen Luftschlägen berichtet.
Diese Gewalt an den ersten beiden Tagen der Waffenruhe zeigt, wie fragil diese ist. Kämpfe in einer Region könnten jederzeit dazu führen, dass sich Konfliktparteien auch anderenorts nicht mehr an die Abmachung gebunden sehen. Noch schwieriger wird die Lage, sollte Russland seine Luftangriffe auf die Al-Nusra-Front ausweiten. Eine in russischen Medien verbreitete Karte lässt erahnen, dass Moskau die Waffenruhe nur in kleinen Gebieten umsetzen will.
Gemäßigtere Rebellen wie die Milizen der Freien Syrischen Armee (FSA) kooperieren in vielen Regionen mit der Al-Nusra-Front und betrachten diese als legitimen und wichtigen Partner im Kampf gegen das Regime von Machthaber Baschar al-Assad. Oft liegen ihre Stellungen ganz nah an denen der Dschihadisten. Bei Angriffen auf Al-Nusra, so die Befürchtung, werden die FSA-Kämpfer kaum stillhalten.
Im Norden Syriens belauern sich zudem das türkische Militär und die Kurden-Miliz YPG, die von der Türkei zuletzt häufiger beschossen wurde. Es steht der Vorwurf im Raum, dass Ankara am Wochenende sogar einen Angriff der IS-Dschihadisten mit Artillerie unterstützte.
Auch der Al-Kaida-Ableger selbst dürfte versuchen, die Waffenruhe zum Scheitern zu bringen. Noch am Freitag rief Al-Nusra-Chef Abu Mohammed al-Dschaulani alle Rebellen auf, die Feuerpause abzulehnen und ihre Angriffe gegen das Regime zu verschärfen. Die Waffenruhe, erklärte er in einer Audiobotschaft, werde nur eine Folge haben: Dass Assad an der Macht bleibe.
Aktivist Fadi meldete sich am Sonntagnachmittag noch einmal aus Daraja. Die Situation sei «Ok». «Die Menschen versuchen zu lachen, versuchen es zu genießen.» Aber gleichzeitig hätten sie Angst vor zwei Dingen: Dass dasRegime die Waffenruhe bricht. Oder - falls Ersteres nicht geschieht - dass nach 15 Tagen die von der Opposition zugesagte Laufzeit endet. Und der Schrecken wieder von vorne beginnt.
dpa
