Berlin (dpa) - «Man hockte im Keller und wartete». So lapidar konnte der Untergang des «tausendjährigen Reichs» klingen. Anfang Mai 1945 hört Friedrich Luft die Gewehrkugeln pfeifen und erblickt weiße Fahnen am Berliner Nollendorfplatz. Die Schlacht um Berlin ist da längst entschieden, Adolf Hitlers Reichshauptstadt ist ein Trümmerfeld. «Ein Geruch aus Rauch, Blut, Schweiß und Fusel lag über allem», erinnert sich der Theaterkritiker später.
«Eine Art Niemandszeit» sei angebrochen, berichtete Marie Jalowicz Simon später über die letzten Kriegstage in Berlin. Sie gehörte zu den 1500 Juden, die den Holocaust versteckt überlebt hatten. Nun schlägt für die junge Frau «die Hoffnung in Zuversicht» um.
Dafür hatte sie einen guten Grund. Am 21. April erreichte die 5. sowjetische Armee unter Generaloberst Nikolai Bersarin die Stadtgrenze. An der Landsberger Allee 563 in Mahlsdorf erinnert heute in fünfzackiger Stern am historischen Ort an die ersten Truppen, die
aus dem Osten Berlin erreichten. Knapp vier Monate vorher, am 16. Januar, war Adolf Hitler im Zug vom
«Führerhauptquartier» Adlerhorst in Südhessen nach Berlin gefahren. Er hoffte, von der Hauptstadt aus, eine Niederlage noch abwenden zu können. Dafür war es aber zu spät.
Am 3. Februar erlebte Berlin den schwersten Luftangriff des ganzen Krieges. Amerikanische und britische Bomber warfen mehr als 2000 Bomben über der Innenstadt ab. «58 schwere Sprengbomben schlugen allein auf dem Gelände der Reichskanzlei ein», notierte Hitlers Sekretär Martin Bormann.
Rund drei Millionen Menschen mussten in Luftschutzkellern und Bunkern unterkommen. Rund 300 000 «nicht arische» Zwangsarbeiter blieben aber dem Bombenhagel schutzlos ausgeliefert und mussten etwa in U-Bahn-Eingängen um ihr Leben bangen.
Der Sturm auf Berlin war nicht mehr aufzuhalten. Mitte April erreichten zwei sowjetische Heeresgruppen, die erste Ukrainische Front unter Marschall Iwan Konjew und die Erste Weißrussische Front unter Georgi Schukow, die Oder. Nach der Schlacht auf den Seelower Höhen rollten mehr als 6000 Panzer und 41 600 Geschütze auf die 80 Kilometer entfernte Stadt zu. Die Verteidiger konnten nur 800 Panzer aufbieten.
Bereits an Hitlers 56. Geburtstag, am 20. April, feuerte die Artillerie Salven auf Berlin. Einigen Halbwüchsigen gaukelte der «Führer» da noch Macht vor und heftete ihnen im Garten der Reichskanzlei das Eiserne Kreuz ans Revers. «Leider nicht gerade eine Geburtstagslage», notierte Bormann in seinem Tagebuch. Tags darauf erreichten sowjetische Stoßtruppen den östlichen Stadtrand. In den folgenden Tagen nimmt die Rote Armee Berlin aus allen Himmelsrichtungen in die Zange.
Für die meisten Bewohner hatte sich das Ende längst abgezeichnet. Die Feuerwehr kam mit dem Löschen nicht nach. Wo Häuserfassaden eingestürzt waren, konnte man in Wohn- und Schlafzimmer schauen. Hildegard Knef erinnerte sich später an ein verlassenes Klavier in einer Zimmerecke.
Angst schlug oft in Galgenhumor um. Die riesigen Buchstaben LSR für Luftschutzraum wurden in «Lern schnell Russisch» umgedeutet. Statt mit einem «Heil Hitler» verabschiedeten sich viele Menschen mit «Bleib’ übrig», schreibt der britische Historiker Antony Beevor in seinem Standardwerk «Berlin 1945 - Das Ende».
Noch am 24. April peitschte die Nazi-Parteizeitung «Völkischer Beobachter» den Lesern in ihrer letzten Ausgabe ein: «Berlin kämpft unter dem Befehl des Führers». Da standen die ersten Einheiten der Roten Armee schon in Buckow, Rudow und Zehlendorf. Zwei Tage später erobern die Sowjet-Truppen Kreuzberg. Der Kreis um die Innenstadt schloss sich.
Nach einem erbitterten Kampf im Regierungsviertel hissten am 30. April die Eroberer die Sowjetflagge auf der Ruine des Reichstags. Doch auch sie hatten eine Spur des Schreckens hinterlassen. Allein in Berlin wurden nach Schätzungen mehr als 100 000 Frauen von Rotarmisten vergewaltigt.
Am 2. Mai kapitulierte Berlins Kommandant Helmuth Weidling bedingungslos. Über sowjetische Lautsprecherwagen ließ er verkünden: «Jeder, der jetzt noch im Kampf um Berlin fällt, bringt sein Opfer umsonst.» In der Schlacht von Berlin starben mehr als 55 000 Zivilisten.
Von Esteban Engel, dpa
