Archiv. Ukraine 1941. Foto: Gerd Alschwede

Von diesem Teil meiner Familie überlebte niemand

(Auszug aus dem Manuskript. Von Alexander Sosnowski)

Mein Opa Lew, wurde von der ganzen Mischpoke (jiddisch: Familie) als „Familienoberhaupt“ anerkannt, obwohl er nicht der Älteste war. Zusammen mit ihm, meiner Großmutter, meiner Mutter, damals 8 Jahre alt und ihrem 6-jährigen Bruder, lebten in der Nachbarschaft dicht zusammengedrängt einige Dutzend meiner Verwandten. Unter ihnen Urgroßvater Pessach, seine beiden Töchter mit ihren Kindern. Von der Seite meiner Großmutter Miriam, die alle mit dem russischen Namen Manja riefen, in einem Zimmer ohne Fenster, verbrachte seine letzten friedlichen Tage der Familienpatriarch Israel, der damals über 80 war, vielleicht aber auch über 90. Sein genaues Geburtsdatum kannte niemand. Die Mischpoke wurde von einigen Männern der Familie ernährt, die alle sehr begabte Handwerker waren. Opas Bruder - Onkel Alexander - beendete die technische Schule und arbeitete als Schlossermeister in der Fabrik „Arsenal“. Opa Lew und sein anderer Bruder, an seinen Namen kann sich niemand mehr erinnern, waren Tischler. Opa wurde ein „Großmeister“, er konnte jedes Möbel, jedes Musikinstrument zimmern oder aus einem Holzstück eine hübsche Schatulle schnitzen. Von allen Brüdern war er der ruhigste, der selbstsicherste - ein Ruhepol. Möglich, dass er deshalb von der Familie als Oberhaupt akzeptiert wurde, als einer, der Entscheidungen treffen kann und und Verantwortung übernehmen soll. Seine beiden Brüder wurden gleich in den ersten Kriegstagen in die Armee eingezogen. Onkel Alexander kam auf die Fliegerschule, erhielt den Rang eines Unterleutnants und kam an die Front. Ende August wurde der Familie mitgeteilt, dass er gefallen ist. Im September starb im Krieg mein zweiter Onkel. Zehn Jahre nach Kriegsende, 1955, erinnerte man sich an meine beiden Onkel und ich wurde zu Ehren des einen „Alexander“ oder auf Russisch Sascha genannt. Onkel Alexander, ein junger Pilot, der gleich bei seinem ersten Flugkampf irgendwo über dem ukrainischen Boden von einem deutschen Flieger abgeschossen wurde, sollte damit nicht auch in die Vergessenheit geraten. 

Opa Lew blieb zuhause. Wegen seiner starken Kurzsichtigkeit, wurde ihm ein Aufschub des Armeedienstes gewährt. Der Krieg bewegte sich jedoch mit rasender Geschwindigkeit auf Kiev zu, so, dass er im August 1941 entschied, dass die gesamte Familie fliehen muss. 

Das jüdische Zusammenpacken, weh mir…

Sich mit einem Dutzend Kleinkinder, ihren sich ständig sorgenden Müttern, einem ganzen Haufen Tanten und Großmütter, dazu noch zwei Alten, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit zum Gebet gerufen haben, schnell auf den Weg zu machen, erwies sich als unmöglich. Während die Familie noch dem Auszug entgegenfieberte, kam der September, die Deutschen standen dicht vor Kiev. Mitte September wurde Großvater klar, dass er nicht länger warten darf. Er entschied sich, die Familie aufzuteilen. Den größeren Teil, schickte er, auf der, wie er meinte, sichereren Strasse nach Norden. Er selbst, zusammen mit seiner Frau und den zwei kleinen Kindern, ging direkt nach Osten, in der Hoffnung, die Deutschen würden einer Familie mit zwei Kindern nichts antun. Die erste Gruppe wurde von deutschen Soldaten aufgegriffen und an die ukrainische Polizei übergeben, die plötzlich zusammen mit den deutschen Truppen in den Vororten von Kiev aufgetaucht ist. 

Von diesem Teil der Familie überlebte niemand. Nichtjüdische Nachbarn, die den Krieg überlebt haben, erzählten danach, dass Uropa Pessach, Israel, alle Frauen und Kinder von den ukrainischen Polizisten, welche vor Ort für die Gestapo arbeiteten, nach Hause geschickt wurden, mit der Anweisung zusammen mit den anderen Kiever Juden auf weitere Befehle zu warten. Diese Polizisten trugen weiße Armbinden und waren noch vor einigen Wochen gute Nachbarn. Sie kannten alle in der Familie beim Namen. Es hat aber nicht geholfen, anderes herum - die einheimischen Polizisten haben dafür gesorgt, dass sich niemand aus der Familie irgendwo verstecken konnte. Es dauerte nicht lange. Einige Tage später wurden alle, zusammen mit anderen Juden, zum Babi Jar getrieben. Dort wurden sie erschossen. 

Heute kenne ich nicht alle ihre Namen, weiss nicht mal genau wie viele es waren - fünfzehn, dreißig? Ich werde es nicht mehr erfahren.

Jedoch rettete die seltsame Entscheidung meines Großvaters die Mischpoke aufzuteilen, mindestens einen Bruchteil der Familie. Er kam heraus und brachte seine nun kleine Familie nach Kasachstan. Im November 1943, einige Wochen nach der Befreiung von Kiev, kamen sie wieder zurück. Während der Jahre auf der Flucht starb der kleine Bruder meiner Mutter an Hunger. Meine Oma Miriam hat es aber geschafft, auf dem Weg von Kasachstan nach Kiev ein gesundes kleines Mädchen zur Welt zu bringen - meine Tante. 

Kiev stand 1943 in Ruinen, alle wussten über Babi Jar bescheid, aber Opa Lew hat verboten darüber zu sprechen. Man sagte nur, die Mischpoke wird nach der Flucht einfach irgendwo vermisst. Selbst heute, obwohl alle die Wahrheit kennen, möchte man dieser Legende Glauben schenken. 

Kiev war zerstört, man brauchte Arbeitskräfte und Bauarbeiter. Opa konnte schnell eine Arbeit finden und wieder Brot für die Familie nach Hause bringen. 

Dort, wo die Frontlinie von Kiev verlaufen ist, wurden Wohnbaracken errichtet. Opa leitete eine Baubrigade, bestehend aus gefangenen deutschen Soldaten. Sie bauten in der Straße, die heute Krasnozwezdnij Prospekt heisst, sechs große Holzbaracken, mit je acht Kommunalwohnungen. In einer dieser Wohnzellen quartierte Opa auch seine Familie ein. 

Der Krieg war zu Ende, die Familie wuchs wieder - meine Mutter heiratete meinen Vater, ebenfalls einen begabten Handwerker. Babi Jar, Mischpoke, der Krieg verschoben sich immer weiter in die Vergangenheit. Opa Lew bekam eine andere Wohnung und in dem kleinen Zimmerchen in der Baracke blieben meine Eltern.

Zehn Jahre nach Kriegsende, in der Wohnbaracke, die mein Großvater zusammen mit deutschen Kriegsgefangenen errichtet hatte, kam ich zur Welt.