Stromversorgung der Krim aus der Ukraine unterbrochen/dpa

Verlorene Welt. Eine Familie aus der Ukraine berichtet

Von Irina Tkachenko, Autorin

Die Fronten sind schon seit über einem Jahr verhärtet, Freundschaften gingen zu Bruch, bei manchen rissen sogar Familienbande. Jeder beansprucht für sich, er würde die absolute Wahrheit kennen. Schließlich haben fast alle Freunde und Familie vor Ort, sowohl in Russland als auch in der Ukraine. Eine Familie, die kürzlich Ihre Verwandten in Deutschland besuchte, bat uns um ein Treffen. Wir haben sie in der Redaktion getroffen und in einem zweistündigen Gespräch berichteten sie uns überaus authentisch über ihre momentane Lebenssituation in der Ukraine. (Namen liegen der Redaktion vor)

Die Familie stammt aus der Zentralukraine, wo sie leben und auch von der Krim, wo sie eine Wohnung und Verwandtschaft haben - friedliche und ruhige Menschen, die fern ab der großen Politikarena und ihrer hochtrabenden Ziele zu überleben versuchen.

Zugverbindung wurde gekappt

Will man heutzutage von der Ukraine aus die Krim besuchen, wird es zu einem Abenteuer. Und nicht weil die „Russen“ es nicht erlauben, sondern, weil die Regierung in Kiew den eigenen Bürgern diese Einreise erschwert. Die direkte Zugverbindung Kiew-Simferopol wurde im Dezember 2014 gekappt, einfach ausgesetzt. Um von der ukrainischen Seite aus dorthin zu gelangen, muss man den Zug zu einem der nahe Grenze gelegenen Orte nehmen und sich dann zu Fuß oder mit dem Auto (mit Glück erwischt man auch einen der überteuerten Busse) auf den Weg zur Grenze machen. Zunächst kontrollieren einen auf der ukrainischen Seite die „Antiterroreinheiten“, die für gewöhnlich aus den Freiwilligen-Bataillons rekrutiert werden. Sie nehmen Pässe ab, wühlen in den Taschen. Nahrungsmittel, Wertgegenstände, auch Markenkleidung werden des öfteren „beschlagnahmt“. Als eine junge Frau sich in Unkenntnis der Zustände darüber aufregen wollte, hielt ihr eine erfahrene Omi den Mund zu und flüsterte: „Sei bloß still, du weisst ja nicht, was die alles mit uns anstellen können!“ Ist diese Prozedur erstmal überstanden, gelangt man zu den russischen Grenzern. Sie lassen die Leute paarweise zur Kontrolle aufmarschieren, die Reisenden werden angebrüllt, beleidigt, erniedrigt.

Ukrainisch „über alles“

Die Matriarchin der Familie, eine Russischlehrerin in Rente, ist am Gipfel ihrer Träume angelangt. Als die UDSSR zerfiel und die Krim an die Ukraine ging, hat man ihr Fach „Russische Sprache und Literatur“ gekürzt und es durch Ukrainisch ersetzt. Sie hat es gehasst - die Ukraine komplett ohne das Fach „Russisch“ zu sehen, war für sie die ganze Zeit über völlig unfassbar. 

Der Anschluss der Krim ist für sie „die Rückkehr nach Hause.“ Ihre Rente ist ungleich gestiegen und das ungeliebte Ukrainisch ist aus dem Alltag verschwunden. Ihre Kinder sehen die Zustände jedoch etwas anders. Ihr Sohn und auch ihre Schwiegertochter hatten in den letzten Jahren gute Jobs, in leitender Position. Beide konnten ihre Stellungen bis jetzt behalten. Ihre Gehälter sind nominell zwar gestiegen, aber durch die unsichere Gesamtsituation ist die Kaufkraft extrem gesunken. Und ihre Kinder entwickeln eine faschistoid-chauvinistische Weltsicht, die sie in den Sozialen Netzwerken offen verbreiten. Unbemerkt von den Eltern. 

Kleinsparer an die Waffen

Auch vom Fall eines junges Mannes haben sie uns berichtet, dessen Beispiel exemplarisch für die Situation vieler Kleinsparer auf der Krim sein soll. Mit seinen knapp 40 Jahren hat er eine solide Summe für den Lebensabend zusammengespart. Etwas über 150.000 Dollar lagen auf seinem Sparbuch an dem Tag, als die Krim per Referendum die Unabhängigkeit von der Ukraine beschloß.

Foto. Crisis in Ukraine / dpa

Leider, lag das Geld bei einer Bank die Igor Kolomojskij gehört. Da der Oligarch offen Freiwilligen-Bataillone finanziert und nach dem Referendum auch seinen Verpflichtungen gegenüber den Privatkunden seiner Bank nicht mehr nach gekommen sein soll, wurde sein gesamter Besitz eingefroren. Um sich das Zusammengesparte zurück zu holen, hätte der junge Mann auf das ukrainische Festland fahren müssen. Bekannte aus Kiew haben ihn aber aufs eindringlichste davor gewarnt sich auf ukrainisches Staatsgebiet zu wagen. Würde er mit dem ukrainischen Pass fahren, würde er auf jeden Fall eingezogen werden und, wenn er dann richtig Pech hätte, auch noch bei dem Antiterroreinsatz auf dem Donbas landen. Wenn er aber mit dem russischen Krim-Pass fährt und auf Freiwilligen-Bataillone trifft, kommt er - bestenfalls - ins Gefängnis. Lange Rede kurzer Sinn: von seinen 150.000 Dollar kriegt er nur etwa 10.000 erstattet. In 300er Schritten. Monatlich. 

Strommasten als Lakmuspapier

Während die Familie noch hier war, kamen zwei Nachrichten durch den Ticker. Zuerst wurden die ersten beiden von vier Strommasten, die die Krim vom ukrainischen Festland aus mit Strom versorgen, am Freitag voriger Woche gesprengt, am Sonntag die verbliebenen, die Leitungen liegen lahm. Die Halbinsel versank im Dunkel. Zunächst war keine Kontaktaufnahme möglich, dann, nach zwei Tagen, kamen erste Emails. Kein Strom. Viele „kleine“ Leute auf der Krim sind Selbstversorger. Sie bauen ihr eigenes Gemüse an, dass sie dann im Herbst einkochen, konservieren, in Gläser füllen und einfrieren. Sie leben davon fast den gesamten Winter über. Ohne Strom funktionieren die Kühltruhen nicht. Unser Besuch erstarrte sichtlich. Sie haben da auch Kühltruhen. Ebenso, wie die Verwandten. Die Sabotage könnte die Krim wieder stärker ins Bewusstsein der Europäer rücken, schreib die n-tv. Und weiter: „Ukrainer befestigten, fast wie an einer Trophäe, ukrainische Flaggen und eine Krimtataren-Fahne daran und behinderten die Reparaturtrupps.“

Urheber der Sprengung sind offenbar Krimtataren, die sich mit Aktivisten des ukrainisch-nationalistischen „Rechten Sektors“ zusammengetan haben, schreibt auch die FAZ. „Wir möchten daran glauben, dass die unbekannten Patrioten, die das zustande gebracht haben - seien sie nun Krimtataren oder Ukrainer - so gehandelt haben, um einen echten Beitrag zur Befreiung der Krim zu leisten und auch, weil sie verstehen, dass das Poroschenko-Regime nicht daran interessiert ist“ - ließ der „Rechte Sektor“ verlauten. Die Krimtataren haben bis jetzt keine Beteiligung zugegeben, stellen aber Bedingungen dafür, Reparaturteams zu den Masten zu lassen, die sie blockieren. Mustafa Dschemilew, langjähriger Führer der Krimtataren und nun Abgeordneter im ukrainischen Parlament, sagte, man werde nur zulassen, dass eine der vier Leitungen, die auch mehrere ukrainische Siedlungen versorgt, instand gesetzt wird.

Noch eine kleine Anmerkung zu den Krim-Tataren. Früher wurden sie oft als „Landräuber“ beschimpft, als „Heuschrecken“. Sie würden alles aufkaufen und alle Geschäfte übernehmen. Und auf dem Markt, da würden sie die alle anderen übervorteilen und Wucherpreise ansetzen. Auf der Südseite sind sie nicht mehr so vertreten, wie früher. Und manch einer denkt mit Wehmut an sie zurück, „Bei denen war es zwar teuer, aber wenigstens waren es gute Waren. Saubere Lebensmittel. Jetzt weiss man nie woher der Mist kommt, denn man da kauft. Und die Nichte hat sich diesen Sommer schon zwei mal eine Lebensmittelvergiftung zugezogen“

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Foto: Krim-Tataren / dpa

Und dann holte die Türkei das russische Flugzeug vom Himmel. Die Spirale drehte sich, Eskalation, Sanktionen. Bislang wurden die Geschäftskontakte zwischen der Krim und der Türkei über eine Fährlinie von Jewpatorija aus aufrechterhalten. Nach der Wiedervereinigung der Krim mit Russland wurde auch eine Fluglinie zwischen Simferopol und Istanbul eingerichtet. Auf der Halbinsel sind türkische Bauunternehmen aktiv. Geplant waren Investitionen in die Agrarsparte und in Hotels. Nun haben die Machthaber auf der Krim die Realisierung von etwa 30 Investitionsprojekten türkischer Geschäftsleute eingefroren - im Gesamtwert von etwa 500 Millionen Dollar, meldet die russische Informationsagentur „TASS“. Die Türkei liegt fast in Sichtweite der Krim, auf der anderen Seite des Schwarzen Meeres. Der Handel mit türkischen Waren blühte schon seit Jahren. Gemüse, Fleisch, auch Kleidung. Sie waren erschwinglich und hatten einen viel besseren Ruf als die chinesischen Pendants. Jetzt fragt man sich, ob die Türkei bei der Operation  „Blackout“ nicht vielleicht auch mitgespielt hat.

Als wir die Familie zum Abschied fragten, was sie denn nun als Insider meinen, wie es weitergeht, zuckten sie mit den Schultern. Das Leben sei kompliziert für sie geworden. Fast wie damals, in den 90ern. Die Rente ist schrumpft - die Lebenshaltungskosten explodieren. Ein Teil der Rente wird zur Finanzierung des „Antiterroreinsatzes“ auf dem Donbas einbehalten. Und die Krim muss jetzt ohne Strom auskommen.

Infobox:

Autorin: Irina Tkachenko, Korrespondentin World Economy