Und dann wurde der gelbe Stern für die Juden eingeführt…

Alle seine Verwandten väterlicherseits waren Juden und als Mutz – wie ich ihn nennen darf– als er am 27. Juli 1926 in der fränkischen Gemeinde Oberlangenstadt geboren wurde, erhielt er den Vornamen seines Großvaters väterlicherseits. Der Vorname Adolph war damals auch bei den Juden noch nicht belastet, aber als die Nazis Einzug hielten, war er über seinen Vornamen recht unglücklich. Und die weitere politische Entwicklung im Lande machte ihm den Adolph noch unbeliebter.

Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Oberlangenstadt reicht bis in das 16. Jahrhundert zurück. Es waren die Herren von Redwitz, die jüdische Familien auf ihrem Besitz ansiedelten und ihnen großzügig Land zur Verfügung stellten. Eine im 16. Jahrhundert ganz außergewöhnliche Tat. Die Familie von Künsberg hat dann diese Tradition weitergeführt. Und Mutz hat heute noch eine freundschaftliche Beziehung zum jetzigen Spross dieses Adelsgeschlechtes, zu Herrn Manfred von Künsberg. Sein Vater, Joseph Böhm wurde 1897 in Oberlangenstadt geboren. 1914 zog er als 17jähriger freiwillig in den Krieg, wurde einige Male verwundet. Auch erhielt er mehrere Auszeichnungen. Als er achtzehn wurde durfte er über ein finanzielles Erbe aus Amerika verfügen, welches er in Kriegsanleihen anlegte und dabei alles verlor. Nach dem ersten Weltkrieg entstand dann eine Fabrik für Korbmöbel. Auf diese Weise konnte Joseph Böhm viele Mitarbeiter beschäftigen. Bei einer Geschäftsreise lernte er in Konstanz am Bodensee seine Gattin kennen. Sie stammte aus dem oberbayerischen Murnau am Staffelsee hieß Maria und war katholisch. Mit seiner lieben Gattin Christl wohnt auch Mutz heute in Murnau, komponiert großartige klassische Musik, malt und schreibt gute Bücher.

Als sich der Nationalsozialismus in Deutschland etablierte und Adolph – der kriminelle Namensvetter – an die Macht kam, war es ein ehemaliger Freund und beruflicher Konkurrent von Joseph Böhm, der die Gelegenheit ergriff und ab 1931 schnellstens die politische Karriere als Nazi machte. Er wurde Mitglied der SA und NSDAP. Dieser Adam Ruff zeigte Joseph Böhm an. Dieser wurde 1933 inhaftiert, dann in Bayreuth eingeliefert, und von dort in das KZ Dachau überführt. Dort wurde er so brutal gefoltert, dass man dabei seine linke Niere zerstörte. Die Mutter von Mutz, eine unerschrockene, tapfere Frau wandte sich an den Erzbischof von Bamberg. Dieser besuchte in München persönlich Heinrich Himmler und erreichte tatsächlich die Freilassung ihres jüdischen Gatten aus dem Konzentrationslager in Dachau. Dieser musste sich dann allerdings täglich bei seinem ehemaligen Freund, dem jetzigen Nazifunktionär Adam Ruff melden. Bei Ruff, der ab 1933 auch noch das Amt des Bürgermeisters von Oberlangenstadt innehatte. 

Der Antisemitismus wurde flächendeckend in Deutschland, so dass die Familie Böhm beschloss die Flucht nach Paris zu wagen.  Joseph Böhm war im ersten Weltkrieg über vier Jahre lang in Nordfrankreich stationiert und sprach perfekt Französisch. In Paris war es zunächst ein sehr billiges Hotel im berüchtigten Clichy-Viertel. An Finanzen waren es 200 Reichsmark. Mehr durfte die Familie nicht aus Deutschland mitnehmen. Außerdem war es damals auch für Ausländer verboten, eine Arbeit zu verrichten und damit Geld zu verdienen. Und wer seinen Lebensunterhalt nicht finanzieren konnte, wurde von den französischen Behörden nach Deutschland zurückgeschickt. Das war vergleichbar mit einem Todesurteil, denn diese Juden wurden sofort in den Gaskammern der KZs ermordet. Viele begingen daher schon in Paris Selbstmord.

In seinen Aufzeichnungen beschreibt Mutz ein Überleben von teils Almosen und dem Sammeln von Brotresten aus den Mülltonnen hinter dem Hotel. Die Franzosen hatten damals – und auch heute noch – die Gewohnheit nur frisches Baguette zu essen. Trockenes landete dankenswerterweise für die Familie Böhm im Abfall. Sehr nachdenklich macht die Schilderung von Mutz über finanzielle Hilfen, die ihnen am Ende nur von Quäkern zugute kamen. Jüdische Hilfsorganisationen verweigerten sich, weil die Mutter Christin war, und christliche sagten nein, weil der Vater Jude war. Obwohl es für Ausländer verboten war, Arbeiten auszuführen, bekam die Mutter im streng Geheimen und für einen Hungerlohn eine Putzstelle in einem Hotel. Der Vater aber wartete auf einen Eisenbahnwaggon, den ihm ein hilfsbereiter Bahnbediensteter trotz des absoluten Verbotes bis nach Paris nachschickte. Der Container war mit Puppenwagen und Puppen beladen und der Vater fand sogar einen Käufer dafür. Als er sich aber später das ihm zustehende Geld abholen wollte, stritt der Händler es ab, jemals Puppenwagen und Puppen erhalten zu haben.

Zur Rettung aus der existentiellen Notlage kam plötzlich eine Verwandte des Vaters aus den USA. Diese Tante Mattie war herzensgut, etwas vermögend und half sofort. Sie finanzierte die Miete für eine Vierzimmer-Wohnung im 19. Arrondissement. Der ältere Bruder und Mutz konnten eine Schule besuchen und Mutz wollte Filmstar werden ...  

Kurz vor der Besetzung Nordfrankreichs durch die Nazis erhielt der Vater die Stelle eines Buchhalters in der „Pariser Tageszeitung“, die ein jüdischer Emigrant 1939 gegründet hatte. Der Familie Böhm ging es jetzt finanziell besser und die beiden Söhne konnten Musikunterricht nehmen. Kurz nachdem Hitler Polen überfallen ließ, erklärte Frankreich Deutschland den Krieg und sofort wurden selbst die vor denn Nazis geflohenen Juden verfolgt. Der Vater wurde in ein gefürchtetes Lager in den Pyrenäen gebracht und die Mutter versuchte ihn dort mit gefälschten Papieren herauszuholen, was aber nur kurz gelingen durfte. Joseph Böhm wurde als Mitarbeiter der Pariser Tageszeitung entlarvt, war aber bereits erneut auf der Flucht unterwegs. Die Mutter sollte dann unter Androhung von Folter den Ort seines Aufenthaltes preisgeben, was sie nicht tat und damit dem SS-Mann wegen ihrer Tapferkeit so imponierte, dass er sie gehen ließ.

Die Aufzeichnungen des Vaters über die Strapazen, fürchterlichen und wieder zufällig positiven Begebenheiten oder Glücksfälle bei seiner Flucht von Paris bis in die Schweiz sind in einem Büchlein von Mutz nachzulesen. Die Flucht des Vaters in die Schweiz war soweit gelungen, doch fehlten jetzt seine Einkünfte. Und wieder war das Glück im Unglück auf der Seite der Familie Böhm. Die ledige Schwester der Mutter übernahm die Rolle der Ernährerin. Diese Tante Nita besaß einen österreichischen Pass und damit fiel es ihr leicht, eine Stelle als Bedienung in einem Soldatenheim zu erhalten. Bei einer Frau mit deutschem Pass, die im Ausland leben würde, hätte man Fragen gestellt. Die deutschen Besatzer rationierten die Versorgung und gaben Lebensmittelkarten heraus, auf denen die Zuteilungen in geringen Mengen festgelegt waren. Da gab es auch Marken für Kuchen und Zigaretten und Mutz und sein Bruder haben Zigaretten für Kuchen eingetauscht, der allerdings nicht gut schmeckte. Mit seinem Zeichentalent hat Mutz Kuchenmarken zu Brotmarken gemacht.

In der Nachbarschaft lebte die Familie Faust. Das waren orthodoxe polnische Juden. Auch sie durften als Emigranten in Paris keiner Arbeit nachgehen. Und so gingen die beiden Töchter mit koscheren Würsten hausieren. Die Familie Böhm konnte ihnen immer mal wieder etwas abkaufen oder ihnen französische Kunden vermitteln. Doch plötzlich wurde die Gestapo auf diese Familie aufmerksam und verschleppte die Mutter mit den beiden Töchtern. Alle drei wurden ermordet und der Vater Hermann Faust blieb alleine in der Wohnung zurück. Allerdings wollte die Gestapo ihn dann auch noch  abholen. Diese Männer schlugen gegen die Eingangstüre, doch der taube Herr Faust hörte dieses Klopfen nicht. Die Gestapo brachte ein Siegel an der Türe an und verschwand. Herr Faust war somit drinnen gefangen. Zusammen mit seinem Freund hat Mutz jedoch eine Lösung gefunden, um Faust über ein zum Hof gelegenes Küchenfenster mit Lebensmitteln zu versorgen. Die beiden konnten diese in einem von oben heruntergelassenen Korb von Herrn Faust nach ob ziehen lassen. Der Bürgermeister des ausgesprochen kommunistischen Vorortes von Paris Pré-Saint-Gervais, ein Herr Sybille hatte schon vielen Juden geholfen und besorgte Hermann Faust ein sicheres Parterrezimmer im Hinterhof eines alten Wohnhauses. Mutz hat dann das dadurch aufgebrochene Siegel in seiner alten Wohnung wieder repariert. Aber Faust sollte auch seine neue Bleibe auf keinen Fall verlassen. Die Gestapo ging immer und verstärkt auf Jagd nach Juden.

Hermann Faust war ein sehr frommer Jude und feierte lautstark das Laubhüttenfest, indem er auch tanzend und hebräisch singend im Hof herum sprang. Es war ein Wunder, dass ihn die Mieter des Hauses nicht an die Gestapo verrieten. Wer damals Juden versteckte, wurde mit dem Tode bestraft. Und trotzdem hat die Familie Böhm, die jüdische Familie Rosenstiehl bei sich aufgenommen, verköstigt und mit Kleidung versorgt. Da gab es auch drei Töchter und zwei Söhne mit zu versorgen. Die Familie stammte aus dem Elsass. Und dann wurde der gelbe Stern für die Juden eingeführt und Mutz hat sich Ausweisrohlinge im Schreibwarengeschäft besorgt. Mit Zirkel und Spezialtinte hat er Stempeldrucke auf die Vorderseite gezeichnet und als Geburtsorte für die Juden diejenigen Gemeinden mit Namen angegeben, die vorher von den Deutschen bombardiert wurden. Dort waren auch die Rathäuser zerstört, und deshalb konnten die falschen Angaben auf den gefälschten Passpapieren nicht kontrolliert werden. Damit konnte Mutz mit dieser höchst gefährlichen Tätigkeit so manchen Juden das Leben retten und wurde – wie ein Wunder – dabei nicht entdeckt oder denunziert. Jetzt wurden immer mehr französische Kollaborateure von den Nazis eingesetzt, um Juden ans Messer zu liefern. Auch Freund Raoul Rosenstiehl ging so einem Verbrecher ins Netz. Er wurde zuerst als Zwangsarbeiter eingesetzt und musste Güterwagen putzen. Ihm konnte Mutz auf ziemlich abenteuerliche Weise einen Rucksack mit Lebensmitteln durch die offene Türe des Wagons werfen, in dem Raoul gerade beschäftigt war. Mutz wurde entdeckt und konnte trotz der Verfolgung auf seinem Fahrrad entkommen. Raoul überlebte Auschwitz und kam nach dem Krieg zurück nach Paris.

Die Nazis erfanden eine neue Schikane. Arische Frauen, die mit Juden verheiratet waren, mussten sich scheiden lassen. So auch die tapfere Mutter, die sich einem Herrn Liebeskind gegenüber widersetzte. Dieser Nazi Liebeskind – nomen est omen – war tatsächlich ein liebes Kind und zeigte Verständnis für die Mutter und ihre Familie. Er schob das betreffende Dossier immer wieder unter den Stapel der anderen Papiere. Sein Vorgesetzter wurde allerdings darauf aufmerksam und forderte, den Fall Böhm abzuschließen. Herr Liebeskind schrieb ihm dann, dass der ältere Sohn, Gerhard Böhm gerade dabei sei, sein Examen als Arzt zu machen, Dann beabsichtige die Familie nach Deutschland zurückzukehren. Liebeskind warnte auch die Mutter, dass die Gestapo arische Frauen ohne Vorwarnung abholte und auf Lastwagen weg transportierte. Glück war im Spiel, denn irgendwann war der Fall Böhm vergessen. Die Familie Mutz hat sich jetzt mit den Rosenstiehls zusammen ein Versteck geteilt. Allerdings waren die Amerikaner mit den Engländern und Charles de Gaulle zusammen dabei, Paris zurück zu gewinnen. Mutz schreibt in seinen Erinnerungen, dass der Albtraum so zu Ende ging und schildert dabei ein neues großes Problem auf die Familie zukommen. Sein Bruder und er wurden öffentlich als Kollaborateure denunziert, so dass eine wütende Meute der Franzosen sich anschickte die Brüder auf der Strasse zu fassen und vermutlich zu lynchen. Der erneute Zufall wollte es, dass der Vater des Freundes von Mutz dazukam und die Leute über die Brüder und ihre Situation unterrichten konnte. Und den jetzt folgenden Bericht in seinem Buch möchte ich Mutz selber zitieren lassen:

„Eines Tages wurden wir von acht bewaffneten Männern aufgesucht und in das Rathaus unseres Stadtviertels gebracht. Wir mussten den Weg zu Fuß zurücklegen. Der gesamte Weg war von aggressiven Schaulustigen gesäumt. Im Rathaus wurden wir von Inspektor Fleury zum Verhör empfangen. Auf einmal erschien Raymond Rosensthiel, der jüngere Bruder meines Freundes Raoul. Er war mittlerweile zum Offizier avanciert. Der Inspektor sprang sofort auf und salutierte gehorsam. Und Raymond fragte ihn: Warum sind diese Leute hier, sie haben nie kollaboriert! Im Gegenteil, sie haben Juden das Leben gerettet! Der Inspektor meinte dann: Aber doch nur deutschen Juden. Da irren Sie sich, Monsieur, entgegnete Raymond, Diese Leute haben ihr Leben riskiert und meine Eltern, die französische Juden sind, in ihrer eigenen Wohnung versteckt. Dazu haben sie auch noch andere französische Juden vor den Gefahren gewarnt, die sie riskieren, wenn sie sich nicht verstecken. Alle, die ihren Rat befolgten, wurden vor der Deportation gerettet.

Durch diese Erklärungen von Raymond änderte sich das Blatt und Fleury händigte uns ein wundervolles Schreiben aus. Es war voll des Lobes und wir durften wieder nachhause gehen. Und dann erfuhren wir einige Wochen später, dass uns eine französische Nachbarin angezeigt hatte. Sie wollte auf diese Weise unsere Wohnung erhalten.“ Und dann geht Mutz in seinen Aufzeichnungen nach dem Krieg auch einmal zurück an seinen Geburtsort Oberlangenstadt. Niemand aus der Bevölkerung hatte damals  den Böhms geholfen oder es gewagt gegen diesen Nazi Adam Ruff etwas zu unternehmen. Jetzt, nach dem Krieg war dieser sogar wieder als Bürgermeister eingesetzt. Und er verweigerte Joseph Böhm die kleine Rente, die ihm für die Misshandlungen im KZ Dachau zustehen sollte. (Exzerpte aus Adolph Kurt Böhm (2014): Musik und Menschlichkeit. Morisken Verlag München.)

Große Mitmenschlichkeit, Mitleidensfähigkeit, unendlich viel Mut und Selbstlosigkeit zeichnen diesen wunderbaren Mann aus. Ich bin sehr dankbar, dass ich ihn meinen Freund nennen darf. Ich habe ihm mein neues Buch gewidmet.

(Orthographie und Interpunktion des Autors wurden beibehalten)

Bilder: @ Bernd Weikl @depositphotos

Die Meinung des Autors/Ansprechspartners kann von der Meinung der Redaktion abweichen. 

Grundgesetz Artikel 5 Absatz 1 und 3 (1) „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. 

Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt