Interview mit Baron Dr. Norbert van Handel
WE: Die heutige Situation in Europa und der Welt ist eher weniger erfreulich. Wohin gehen wir? Wie könnte sich die momentane Lage weiterentwickeln?
Dr. Norbert van Handel:
Das ist eine ganz wichtige Frage. Ich glaube, dass die Europäische Union, in jeder Weise, ihre eigentlichen Wurzeln - Frieden in Europa und die vier großen Freiheiten - verlassen hat.
Dr. Norbert van Handel:
Es sind in Europa sehr viele Strömungen, die - leider Gottes - antirussisch sind. Die nicht objektiv sind. Und die den gesamten westlichen Kontinent in Schwierigkeiten bringen.
WE: Wie kann man diese Schwierigkeiten umreißen? Sanktionen? Oder die Waffenlieferungen?
Dr. Norbert van Handel:
Da müssen wir ein bisschen früher ansetzen. Die Ukraine ist mehr oder minder ein Kunststaat. Ob sie nun korrupt ist oder nicht, spielt hierbei keine Rolle. Jedenfalls hat seinerzeit die Sowjetunion, nun aber Putin ganz klar seine Interessen mit dem Westen positioniert: in einem konstruktiven Bewerb, was die Wirtschaft betrifft, zu sein. Putin war niemals ein Autokrat in der Hinsicht, dass er nicht die wirtschaftlichen und rechtlichen Konsequenzen gesehen hat. Sondern er wollte mit dem Westen koalieren und der Westen hat das total verletzt.
WE: Warum kann der Westen eigentlich nicht mit den politischen Experimenten aufhören und mit Russland, und auch mit Putin, wieder normale wirtschaftliche Beziehungen herstellen?
Dr. Norbert van Handel:
Weil die USA das nicht wollen. Die USA wollen monopolar, das hat auch Präsident Putin entsprechend kritisiert, die Welt beherrschen. Und Russland sagt - zurecht - dass die kulturelle Zusammengehörigkeit mit Europa wichtig sei. Aber man hat ihn nicht gehört.
WE: Können wir das so interpretieren, dass die europäischen Länder nicht mehr souverän und völlig von den Vereinigten Staaten abhängig sind?
Ich würde das total unterstützen. Europa ist inzwischen zu einer Kolonie von Washington geworden. Das ist sehr, sehr schlecht für die globale Wirtschaft. Und vor allem auch, weil Russland, über kurz oder lang, wieder zu einem wesentlichen Player in der internationalen Politik werden wird. Das hat man total verschlafen, man wollte das nicht, man hat in ungerechter Form Russland negativ behandelt. Und das sehen wir ja auch in den Medien.
WE: Inwieweit kann man die Lage denn noch ändern? Kann die Sanktionspolitik noch zurück gedreht werden?
Dr. Norbert van Handel:
Wenn ich als neutraler Mensch spreche, dann muss man das sogar tun! Man muss endlich wieder sagen, dass wir seit Jahrzehnten mit Russland ausgezeichnete Beziehungen hatten. Und es ist völlig ungerechtfertigt und auch völkerrechtswidrig diese Beziehungen nicht weiter fortzuführen oder, wenn sie zerstört wurden, sie dann nicht wieder aufzubauen.
WE: Wo wir gerade über Neutralität sprechen. Wo steht Österreich in all dem?
Dr. Norbert van Handel:
Österreich hätte seine Neutralität niemals dadurch verletzen sollen, dass die Sanktionen gegen Russland mitgetragen worden sind. Das war total falsch. Wir müssten jetzt eine Basis für Friedensgespräche zwischen Russland und der Ukraine etablieren. Das wäre unsere eigentliche Aufgabe.
WE: Ist Österreich gerade politisch geteilt? Wo stehen die einzelnen Parteien?
Dr. Norbert van Handel:
Ich würde sagen, dass die Nationalkonservative FPÖ heute auf einem Standpunkt von 30-40 % ist, in allen Umfragen, ist sie die stärkste Partei. Und wir können nur hoffen, dass in der nächsten Regierung die FPÖ entsprechend stark ist, um das, was zwischen Russland und Österreich - ich muss das leider sagen - passiert ist wieder herzurichten.
Ich persönlich bin außenpolitischer Berater des Nationalratspräsidenten Hofer und bin der Meinung, dass die Österreichische Neutralität entsprechend gestärkt werden müsste. Und wir die ausgezeichneten Kontakte, die wir mit Russland seit 1955 hatten, wieder stärken sollten.
WE: Lieber Dr. Norbert van Handel, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Bilder: depositphotos
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