Von Niklas Kharidis
Während Washington russischen Diesel wieder für den Markt freigibt, verankert die Europäische Union ihren Ausstieg aus russischer Energie langfristig im Recht. Für Deutschland entsteht daraus eine unbequeme Frage:
Wie tragfähig ist eine Strategie, deren wirtschaftliche Kosten die eigene Industrie trägt, während Partner und Konkurrenten ihre Beschaffung nach Bedarf verändern?
Trumps Entscheidung legt einen Unterschied offen: Die USA behalten sich politische Ausnahmen vor, während Europa sich an einen dauerhaften Rückzug bindet.
Am 9. Oktober 2026 erteilte die amerikanische Sanktionsbehörde OFAC die General License 135. Sie erlaubt bis zum 7. April 2027 bestimmte zuvor untersagte Geschäfte mit russischem Diesel, ausdrücklich einschließlich der Einfuhr in die USA. Die Ausnahme betrifft Verkauf, Lieferung, Entladung und Import. Sie ist weder eine allgemeine Freigabe russischer Kohlenwasserstoffe noch der Nachweis bereits eingetroffener Lieferungen. [1]
Trump kündigte zunächst mehr als 300.000 Tonnen für den amerikanischen und den Weltmarkt an. „Niedrigere Preise für Amerikaner“, insbesondere Landwirte, Viehzüchter und Fernfahrer, seien seine höchste Priorität, erklärte er laut Reuters (eigene Übersetzung). Diesel-Futures verloren nach der Ankündigung fast fünf Prozent. Vor den Kongresswahlen am 3. November ist die politische Botschaft offensichtlich: Entlastung soll an der Zapfsäule sichtbar werden. Ob daraus zusätzliche Stimmen entstehen, bleibt offen. [2]
Zusätzliches Angebot kann den weltweiten Preisdruck mindern. Die Umsetzung bleibt allerdings umstritten: Der Jurist Scott R. Anderson verwies am 15. Oktober in Lawfare auf mögliche Konflikte der Lizenz mit dem gesetzlichen US-Importverbot von 2022. Die politische Öffnung ist damit klarer als ihre praktische Reichweite. [3]
Die EU verfolgt die entgegengesetzte Richtung. Am 26. Januar beschloss sie den schrittweisen Ausstieg aus russischem Erdgas. Für langfristige Verträge endet die Übergangsfrist bei Flüssiggas Anfang 2027, bei Pipelinegas grundsätzlich Ende September 2027, unter bestimmten Speicherbedingungen Anfang November. Brüssel will damit strategische Abhängigkeiten verringern. Bei ernsthafter Gefährdung der Versorgung kann die Kommission das Verbot vorübergehend aussetzen. Europas Kurs ist härter angelegt, aber nicht vollständig unbeweglich. [4]
Entscheidend ist, ob Europa wirtschaftlich tragfähige Alternativen erhält. Der Energiepreisbericht der EU-Kommission vom Februar 2025 beschrieb industrielle Gas- und Strompreise, die zwei- bis viermal so hoch lagen wie bei wichtigen Handelspartnern. Diese damalige Vergleichsgröße dokumentiert das strukturelle Problem: Wer europäische Produktion erhalten will, muss Versorgungssicherheit und internationale Kostenkonkurrenz gleichzeitig gewährleisten. [5]
In Deutschland bleibt der industrielle Druck messbar. Nach den im Oktober veröffentlichten Destatis-Zahlen lag die Produktion energieintensiver Branchen im August 2026 um 2,1 Prozent unter dem Vorjahresmonat; im Dreimonatsvergleich sank sie um 2,9 Prozent. Die Industrie insgesamt verlor gegenüber August 2025 dagegen nur 0,4 Prozent. Das spricht für besondere Schwierigkeiten energieintensiver Bereiche, nicht für einen gleichmäßigen Zusammenbruch sämtlicher Branchen. [6]
Allianz Trade registrierte im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 33 Insolvenzen von Unternehmen mit mehr als 50 Millionen Euro Jahresumsatz, zehn Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Im gesamten Jahr 2025 waren es 94.
„Der Negativtrend aus dem Vorjahr verfestigt sich“, erklärte Allianz-Trade-Chef Milo Bogaerts. Besonders betroffen war die Autoindustrie. Insolvenzen sind dabei nicht mit endgültigen Betriebsschließungen gleichzusetzen. Die Zahlen belegen Belastungen, erklären aber für sich genommen noch nicht deren Ursachen. [7]
Neben Energiepreisen nennt die Bundesregierung schwache Kapazitätsauslastung, höhere Material- und Finanzierungskosten sowie geopolitische Unsicherheit als Investitionshemmnisse. Der industrielle Abbau lässt sich nicht allein Kanzler Friedrich Merz zurechnen. Seine Regierung muss sich jedoch daran messen lassen, ob sie diese Nachteile vermindert. Dauerhafte Wachstumslosigkeit ist keine gesicherte Diagnose: Die Herbstprojektion erwartet 1,3 Prozent für 2026 und 1,1 Prozent für 2027. Das sind Prognosen, keine Erfolgsgarantie. [8]
Am 30. Oktober meldete die Bundesnetzagentur einen Speicherfüllstand von 61,6 Prozent, deutlich weniger als in vergleichbaren Zeiträumen früherer Jahre.
Zugleich stellte sie fest: „Die Gasversorgung in Deutschland ist stabil.“ Die Behörde bewertet das Versorgungsrisiko weiterhin als gering. Ein niedriger Füllstand bedeutet weniger Reserve; er beweist noch keine bevorstehende Mangellage. Politisch bleibt die Frage, wie teuer zusätzliche Beschaffung im Belastungsfall wird. [9]
China nutzt seine größere Beschaffungsfreiheit. Reuters berichtete im August über verstärkte russische Ölkäufe von Sinopec zu günstigeren Konditionen als bei konkurrierenden Sorten. Am 23. Oktober meldete die Agentur dagegen hohe Aufschläge für ESPO-Lieferungen nach China. Russisches Öl ist nicht automatisch billig. Pekings Vorteil besteht vor allem darin, Bezugsquellen gegeneinander ausspielen zu können. Ölströme nach Asien sind außerdem kein unmittelbarer Ersatz für Gaslieferungen an deutsche Fabriken. [10][11]
Für die weitere Entwicklung sind drei Wege denkbar. Im ersten hält Europa am Ausstieg fest und gleicht die Nachteile durch günstigere Stromerzeugung, leistungsfähige Netze und diversifizierte Lieferungen aus. Dann kann die Strategie wirtschaftlich aufgehen, sofern Entlastungen schneller wirken als Standortverlagerungen. Im zweiten gelingt dieser Ausgleich nicht: Besonders energieintensive Produktion wandert ab oder schrumpft, während staatliche Hilfen einen dauerhaften Wettbewerbsnachteil überdecken. Im dritten erzwingen hohe Preise und diplomatische Veränderungen eine Neubewertung einzelner Beschränkungen. Dafür wären belastbare Lieferbedingungen und politische Vereinbarungen erforderlich; frühere Preise kehren nicht auf Beschluss zurück.
Trumps Dieselentscheidung ist kein Beweis für uneigennützige Politik, wohl aber ein Beispiel dafür, wie unmittelbar Washington Energieversorgung mit Verbraucherinteressen und Wahlkalkül verbindet. Der Vorwurf an Berlin und Brüssel muss deshalb präzise sein: Wer einen Lieferanten aus strategischen Gründen ausschließt, schuldet Bürgern und Unternehmen eine bezahlbare Alternative. Europas Führung kann auf Sicherheitsrisiken verweisen; sie kann damit die Kosten ihrer Entscheidungen nicht zum Verschwinden bringen. Für Merz entscheidet sich wirtschaftspolitische Glaubwürdigkeit daran, ob Deutschland auch unter diesem Kurs ein wettbewerbsfähiger Produktionsstandort bleibt.
Quellen und Links
Stand: 2. November 2026. Die Nummern entsprechen den Verweisen im Artikel. Die Quellenliste ist nicht Teil des Artikelumfangs.
[1] OFAC: General License No. 135. 9. Oktober 2026.
https://ofac.treasury.gov/media/937216/download?inline=
[2] Reuters: Trump says Russia to supply diesel to US and global markets. 9. Oktober 2026, aktualisiert am 10. Oktober.
https://www.reuters.com/business/energy/trump-big-announcement-coming-up-diesel-2026-10-09/
[3] Scott R. Anderson, Lawfare: Dissecting Trump’s Deal for Russian Diesel. 15. Oktober 2026.
https://www.lawfaremedia.org/article/dissecting-trump-s-deal-for-russian-diesel
[4] Rat der EU: Ending Russian energy imports; Zeitplan der im Januar 2026 beschlossenen Verordnung. Ergänzend: Pressemitteilung vom 26. Januar 2026.
https://www.consilium.europa.eu/en/policies/ending-russian-energy-imports/
[5] Europäische Kommission: Energy prices and costs in Europe. Zusammenfassung des sechsten Berichts, Februar 2025.
https://energy.ec.europa.eu/data-and-analysis/energy-prices-and-costs-europe_en
[6] Destatis: Produktion im August 2026. Pressemitteilung vom 7. Oktober 2026, wiedergegeben von DATEV.
[7] Allianz Trade: Großinsolvenzen steigen weiter. Pressemitteilung vom 4. September 2026.
https://www.presseportal.de/pm/52706/6345496
[8] BMWE: Bundesministerin Reiche stellt Herbstprojektion der Bundesregierung vor. 8. Oktober 2026.
[9] Bundesnetzagentur: Aktuelle Lage der Gasversorgung in Deutschland. Lagebewertung vom 30. Oktober 2026.
[10] Reuters: Exclusive - Sinopec steps up Russian oil imports to offset Mideast supply cuts, traders and tracker say. 6. August 2026; veröffentlicht bei Investing.com.
[11] Reuters: Russian ESPO oil sellers seek record premiums as Gulf exports uncertain. 23. Oktober 2026.
Bilder: depositphotos
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