Im ersten Teil unserer Recherche haben wir die gesamte Lage um den ukrainischen Anführer der nationalistischen ukrainischen Bewegung OUN-UPA, Stepan Bandera beleuchtet. Nun sind wir soweit, etwas mehr Licht in die Legenden um seinen angeblichen Märtyrertod als KGB-Opfer zu bringen.
Im einen Lagebericht an seinen CIA-Führungsoffizier, schreibt der Mitarbeiter von Banderas Sicherheitsdienst, Miroslav Stiranka, dass das Verhältnis zwischen Bandera und dem Anführer des Antibolschewistischen Völkerblocks „AVB“ Jaroslav Stezko bis zum Zerreissen gespannt sei.Die aggressive Konkurrenz innerhalb der Bewegung ging nicht spurlos an Banderas Gemütszustand vorbei: in seinen persönlichen Beziehungen wurde er aufbrausend, neigte zu Melancholie und reagierte in Alltagssituationen oft inadäquat.
Prof. Dr. Alexander Sosnowski, Chefredakteur von World Economy
Jan Tscherny, Politologe, Autor bei World Economy
Kampf um Geld und Macht
Agent Stiranka berichtete seinen Chefs, dass 100.000 D-Mark, die jährlich für den AVB gebraucht würden, komplett durch die OUN zur Verfügung gestellt wurden. Das gefiel Bandera nicht. Nach Stirankas Informationen, wurden die Gelder hauptsächlich für den Unterhalt der freien

Mitarbeiter, den Druck von Broschüren und Flugzetteln, ebenso, wie für die Verwaltung des AVB, inklusive Nebenkosten für das Büro verbraucht.
Bandera drohte die Finanzierung einzustellen, wenn Stezko keine zusätzlichen Geldquellen finden sollte. Dieser wiederum verbat sich strikt eine Diskussion über diese Fragen.
„…Sollte der AVB versuchen aus den Verbänden der Diaspora und anderen nationalen Gruppen Geld raus zu leiern, werden sie einfach die Bewegung verlassen und sich andere Partner suchen“ - berichtet Stiranka weiter.
Stezkos Argumente vermochten Bandera jedoch nicht zu überzeugen und er stellte seinem Partner ein Ultimatum: Innerhalb von drei Monaten ist der AVB verpflichtet andere Geldquellen zu finden. Anderenfalls drohte Bandera seine Finanzierung mindestens zu halbieren. Die Drohung verfehlte ihre Wirkung nicht und Stezko wies seine Emissäre an, Gelder in der ukrainischen Diaspora zu sammeln. Viel gebracht hat es allerdings

nicht. Der Agent schreibt weiter: „Es kam sehr wenig zusammen“.
Aber, obwohl Gelder mit Sicherheit die Basis aller Basen sind, die zweifellos wichtigste Frage war: Wem gehört die Macht?
„Bandera fürchtet, dass Jaroslav Stezko mit jedem Jahr immer populärer werden wird. Er hat Kontakte zu General Franco, er traf sich mit Chiang Kai-shek, unterhält Briefwechsel mit vielen Politikern. Und Stepan Bandera führt immer mehr ein Schattendasein.“ - steht es weiter in dem Bericht.

Bandera scheute davor zurück seine Ansprüche öffentlich kund zu tun, aber Stezko schwächen, konnte er nur durch eine Kürzung der Finanzierung. Die er im Februar 1956 dann tatsächlich veranlasst hatte.
„Wie dieser Konflikt ausgeht, ist bis jetzt noch nicht klar“ - endet der Bericht des Agenten. Wie wir inzwischen wissen, endete der Konflikt am 15. Oktober 1959 mit dem Tod Banderas. Ob Stezko tatsächlich aktiv am Tod seines Konkurrenten beteiligt gewesen sein könnte, ist bis jetzt ungewiss. Ob dieser Kampf den psychischen Zustand Banderas negativ beeinflusst hat, kann allerdings mit Sicherheit mit einem „Ja“ beantwortet werden.
Banderas Tod
Es gibt mindestens fünf Versionen über Tod von Stepan Bandera, die von den amerikanischen Geheimdiensten und der deutschen Kriminalpolizei untersucht worden sind. Zu ihnen gehört auch die Version, die sich bei den zeitgenössischen ukrainischen Historikern der grössten Beliebtheit erfreut - Bandera wurde angeblich von dem KGB-Agenten Bogdan Staschinski ermordet,
der ihn mit einer Giftspritze mit Zyankali angeschossen hat. Nach eingehendem Studium der CIA-Papiere - manche Kopien können nicht bis zum letzten Buchstaben entziffert werden - neigen wir eher zu der Version, dass der Tod des Nationalisten kein Gewaltverbrechen war, sondern ein Freitod - Selbstmord.
Gehen wir um einige Jahrzehnte zurück.
15. Oktober 1959. Westdeutschland, München.
Etwa zu 13:00 Uhr Mittags machte sich Bandera wie immer auf den Weg nach Hause - zum Mittagessen. Er nahm seine Sekretärin mit, die ihm auf dem Markt bei den Einkäufen behilflich sein sollte. Vom Markt aus trat er allein den Heimweg an, erst am Hauseingang traf er seine Leibwächter, die ihn eigentlich rund um die Uhr bewachen sollten. Allerdings blieben sie, nachdem sie den Chef begrüßt hatten, draußen stehen. Bandera parkte den Wagen in der Garage, öffnete die Tür zum Hauseingang mit seinem Schüssel und ging herein. Warum die Leibwächter ihn gerade an diesem Tag alleine ließen und nicht mit rein kamen, ist bis heute ungeklärt. Die weiteren Ereignisse beschreiben verschiedene Quellen in etwa gleich.
Um 13:05 Uhr kam Bandera in der dritten Etage an, wo der „KGB-Agent“ Staschinski ihn bereits e

rwartete und ihm Blausäure ins Gesicht spritzte. Bandera fiel zu Boden, die gerufenen Notärzte stellten den Tod fest. Als sie jedoch an Bandera einen Halfter mit Pistole sahen, riefen sie die Kripo dazu. Hier machen wir erstmal einen Punkt, wenden uns von der Beschreibung bei Wikipedia und sonstigen Informationsportalen ab und den CIA-Dokumenten zu.
Schon in den ersten Stunden nach seinem Tod schaltete sich die CIA aktiv in die Untersuchen ein. Es wurde beschlossen einen Spezialagenten unter dem Tarnnamen „Dogma-1“ nach München zu schicken. In einem der Berichte schreibt der einheimische Resident: „Der Agent Dogma-1 wurde nach München geschickt, um eine eigenständige Untersuchung der Todesumstände von Stepan Bandera durch zu führen… Am 23. Dezember 1959 lieferte er seine Ergebnisse auf 18 Seiten“. 
Und hier die erste Sensation. Die Version mit dem mörderischen KGB-Agenten mit der Giftspritze, die aktiv von den OUN-UPA Mitgliedern verbreitet wurde, fand damit keine Bestätigung. Dogma-1 sagt, er wäre überzeugt, es handele sich um einen Selbstmord.
„Meine Überzeugung wurde nach zwei langen Gesprächen mit dem Vertreter der Sonderkommission der Kripo Adrian Fuchs am 10. und 17. noch weiter bekräftigt“ - schreibt der Agent. Die detaillierte Beschreibung der Gespräche mit dem deutschen Kripobeamten ist eine genaue Betrachtung wert. Es ist die „Anlage A“ zu dem Bericht des Agenten „Dogma-1“.
Adrian Fuchs spielt eine gesonderte und sehr wichtige Rolle in dieser Geschichte, obwohl sein Name in den historischen Dokumenten, die massenweise in der Ukraine publiziert werden, kaum erwähnt wird.
Der junge, ehrgeizige Kommissar ging mit typisch deutscher Sorgfältigkeit an den Fall heran. Er lutschte nicht den Drops, der ihm freundlicher weise von Banderas Gefährten gereicht wurde, die auf der Version von „der Hand des Kreml“ beharrten. Er befragte nacheinander alle, die mit Banderas Tod zu tun hatten oder zu tun haben könnten. Daher wird der Name Fuchs in unserer Untersuchung noch mehrmals auftauchen. Erstmal nur eine Zahl: Er befragte über 100 Leute, darunter Banderas Ehefrau, seine Leibwächter, Geheimdienstmitarbeiter, selbst Verkäufer in den Läden, in denen Bandera einkaufen war. „Experten der deutschen Kriminalpolizei sind sich sicher, dass kein Gewaltverbrechen im Hausflur statt fand“ - berichtet Agent „Dogma-1“ nach seinem Gespräch mit Fuchs.
Er scheut nicht vor der Untersuchung der Version über die „Hand des KGB“, kommt aber zum Schluss, dass sie sich nicht halten lässt.
In den ersten Tagen nach Banderas Tod kamen die Theorien eine nach der anderen. Skurril ist die, über die mit Zyankali vergiftete Tasse Kaffee. In einem der Dokumente wird Banderas Treffen mit einem Mann beschrieben, der ein Mitarbeiter der sowjetischen Geheimdienste sein könnte. Das Treffen fand in einem Münchener Café statt und in Banderas Tasse soll ein unbekanntes Gift geschüttelt worden sein, das von seiner Wirksamkeit her bis zu 15 Menschen hätte vergiften können. Diese Theorie entsprang Banderas Sicherheitsdienst, fand bei der Obduktion aber keine Bestätigung.
Dafür schrieb der Arzt, der die Autopsie durchführte, dass ein Schlaganfall den Tod verursacht hat.
Auch interessant: weder die Witwe noch die Mitstreiter aus der OUN-UPA haben zuerst diese erste Version des Todes bestritten oder angezweifelt. Erst einige Zeit später - etwa drei Tage nach seinem Tod - kamen andere Thesen ins Spiel, darunter, die über den heimtückischen Mord.
In den CIA-Archiven gibt es ein hochinteressantes Dokument, das anhand eines Berichtes der Organisation Gehlen - heute bekannt als der BND - erstellt wurde. Laut dieses Dokuments berichten Gehlens Informanten, die ihrerseits eng mit ukrainischen Politikern verbandelt waren, dass die Aktivisten der OUN-UPA folgende Warnung von Ihrer Zentrale erhalten haben: „Im Zusammenhang mit Banderas Tod werden Gerüchte verbreitet, dass er im Auftrag seines politischen Rivalen Nikola Lebed beseitigt wurde“.
Allerdings zweifelten Gehlens Informanten an dieser Version und sie fand im weiteren Verlauf auch keine Bestätigung.
Solche Versionen gab es zuhauf, aber wirklich Aufmerksamkeit verdient, unserer Ansicht nach, nur eine. Es geht um die Zeugenaussage von Iwan Kaschuba, dem Stellvertretenden Leiter von Banderas Sicherheitsdienst. In den CIA-Archiven findet sich ein Vermerk unter der Nummer EGMA 488744 vom 04. Januar 1960.
Er ist in Ukrainisch verfasst worden und zwar anscheinend von einem nicht namentlich genannten CIA-Agenten, der angeblich Iwan Kaschuba recht nahe stand und bei ihm diente. 
Dieser Agent wurde am 17. Dezember 1959 durch den oben bereits erwähnten Kommissar Fuchs ebenfalls befragt. Später wanderte der Bericht zum Agenten Dogma-1 weiter. Fuchs war von der dreistündigen Befragung des Agenten dermaßen beeindruckt, dass er meinte, diese Befragung hätte ihn weiter gebracht, als alle Zeugengespräche und -befragungen davor. Also, nach Kaschubas Auskunft - noch mal zur Erinnerung: er selbst befand sich faktisch rund um die Uhr in Banderas Nähe - sah die gesamte Situation um den zukünftigen Helden der Ukraine recht banal und einfach aus.
Selbstmord
Der Agent schreibt: „Im Erdgeschoss von Banderas Haus lebten zwei jüdische Familien. Eine der Familien beschäftigte eine Nanny, die rund um die Uhr für die Kinder zuständig war. Bandera war in sie verliebt.“
Zum ersten mal seit Beginn unserer Ermittlung gibt es so etwas wie ein Motiv. „Er war so unsterblich in sie verliebt, dass er immer nur an sie denken konnte und jeden Vorwand zum Anlass nahm, um ihr vor dem Eingang oder im Treppenhaus zu begegnen.“
Wir haben die Worte nicht zufällig markiert, denn genau dort fand Bandera seinen Tod, im Treppenhaus.
Die geheime Liebesgeschichte lief schon einige Monate - der Chef der ukrainischen Nationalisten traf sich zu heimlichen Rendezvous mit seiner Geliebten. Diese Treffen wurden streng geheim gehalten, sowohl vor der Familie, in der die Nanny eingestellt war, als auch vor Banderas Ehefrau. Die Treffen fanden meistens Abends statt, oft im selben Haus. Dann ließ Bandera seine Leibwächter vor dem Eingang stehen - während der Treffen war es ihnen strikt untersagt rein zu kommen.

Das wäre ein weiteres Detail, welches die Abwesenheit des Personenschutzes im Moment seines Todes erklären könnte. Es ist auf Dauer allerdings nicht gelungen die Liaison geheim zu halten. Ob jemand der Ehefrau die Information über die Geliebte gesteckt hat oder sie selbst die Turteltäubchen in Flagranti erwischte, ist ebenfalls nicht bekannt.
Bekannt aber ist, dass sie am Morgen des 15. Oktober - also an Banderas Todestag - einen lautstarken Streit mit ihrem Ehemann hatte. Die Leibwächter haben die Schreie der wütenden Frau hören können. Der Agent schreibt weiter: „Bandera floh regelrecht aus der Wohnung, sich auf dem Weg nach draußen anziehend. Seine Frau brüllte ihm hinterher: ‚Warte nur, komm du mir mal zum Mittagessen heim, ich werd‘ dir da was flüstern!’“
Das Ende der Geschichte ist bekannt, besser, wir lassen den Agenten zu Wort kommen, der sich auf die Worte von Iwan Kaschuba selbst beruft: „Fakt ist, er ist vor der Tür der jüdischen Familie zusammen gebrochen“ - und nicht, wie in der von den OUN-UPA-Aktivisten verbreiteten Version - im dritten Stock.
„Die besagte Nanny stand gerade neben ihm im Treppenhaus. Sie war eine qualifizierte Krankenschwester und versuchte Hilfe zu leisten, während aus seinen Mund und Nase Blut lief. Bandera war noch am Leben und hielt ihre Hand. Vielleicht wählte er den Ort seines Todes bewusst - vor ihrer Tür.“
„Wählte den Ort seines Todes“ - sprich, Kaschuba zweifelte nicht daran, dass es ein Selbstmord gewesen ist. Und - das Wichtigste - im Moment seines Todes waren außer ihm, der Nanny und etwas später auch seiner Ehefrau, keine anderen Menschen im Treppenhaus. Auch die Leibwächter, die direkt vor dem Hauseingang standen, haben Niemanden gesehen. 
Übrig bleiben - Unglückliche Liebe, eine Giftkapsel im Zahn, nach dem Vorbild der SS-Bonzen und keine Agenten mit Spritzen weit und breit.
Unsere Recherchen nehmen nicht für sich in Anspruch die Wahrheit in letzter Instanz entdeckt zu haben, wir haben schlicht verschiedene Fakten aus Leben und Tod von Stepan Bandera zusammen getragen.
Eben dieser Stepan Bandera, der für den Tod von Tausenden Juden, Polen, Ukrainern, Russen verantwortlich war, brachte sich selbst auch um. Und weder schluckte er das Gift aus politischen Motiven, noch für die Freiheit der Ukraine, sondern, weil er in den Wirren seinen finanziellen, politischen und familiären Beziehungen unter zu gehen drohte.
Ihn also zu einem Helden der Ukraine zu erklären, ganze Straßen und Plätze nach ihm zu benennen, entspricht irgendwie so gar nicht dem Bild, das er in den geheimen CIA-Papieren abgibt.
Quelle:
<link https: www.cia.gov>www.cia.gov
<link http: nik191-1.ucoz.ru publ novosti_dnja ehtot_den_v_istorii>nik191-1.ucoz.ru/publ/novosti_dnja/ehtot_den_v_istorii/15_oktjabrja_1959_goda_byl_ubit_lider_ukrainskikh_nacionalistov_stepan_bandera/5-1-0-470
Bilder: @depositphotos
@ The EU-U.S. Tug Over Ukraine Policy
Grundgesetz Artikel 5 Absatz 1 und 3
(1) „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“

