Brüssel (dpa) - Wohl kaum ein Spitzendiplomat hat länger bei der Nato
gearbeitet als der Deutsche Martin Erdmann. Nach 15 Jahren in der
Bündniszentrale in Brüssel ist der 60-Jährige in dieser Woche als
Botschafter in die türkische Hauptstadt Ankara gewechselt. In einem
Interview der Deutschen Presse-Agentur sprach er zum Abschied von der
Nato über die Rolle Deutschlands in der Allianz und die Diskussion
über eine mögliche Wiederbelebung des Nato-Russland-Rats.
Frage: Herr Botschafter, hat sich Deutschlands Rolle in der Nato
durch den Ukraine-Konflikt und die neuen Spannungen zwischen dem
Westen und Russland verändert?
Antwort: Die Rolle hat sich insofern gewandelt, als wir heute mit
unseren Streitkräften das Rückgrat der Maßnahmen des sogenannten
Readiness Action Plan sind, also der Rückversicherung unserer
nordöstlichen Bündnispartner. Mit dieser Rolle haben wir im Bündnis
eine ganz entscheidende Aufgabe übernommen.
Frage: Gleichzeitig gibt es jetzt Kritik an der Nato. Es wird gesagt,
dass es zu viel Säbelrasseln gebe, dass Russland mit Übungen in den
östlichen Bündnisstaaten unnötig provoziert werde, dass die Nato die
Ukraine-Krise nutze, um ihre Macht auszubauen. Verstehen Sie diese
Kritik?
Antwort: Die verstehe ich sehr gut. Es ist eine Gratwanderung, auf
die wir uns eingelassen haben. Der Beschluss vom Nato-Gipfel in Wales
lautet, dass wir einerseits Rückversicherungsmaßnahmen hinsichtlich
der kollektiven Verteidigung planen und durchführen, andererseits
aber auch den Dialog mit Russland aufrechterhalten. Was den zweiten
Teil der Gleichung betrifft, sind wir noch nicht an dem Punkt
angekommen, an dem wir ankommen wollen, nämlich wieder in den Dialog
mit Russland einzutreten.
