Irina Tkachenko, Publizistin. Foto: WE

Schwarz und Weiß sind die neue Meinungsfreiheit

Die so genannte Herdprämie soll also per Gerichtsentscheidung abgeschafft, beziehungsweise zur Ländersache gemacht werden. Bayern hat schon angekündigt, die Zahlungen fortzuführen. Und die SPD feiert sich als Siegerin. Sind die Fronten in dieser Frage wirklich so klar verteilt? Die reaktionäre, in der eigenen Vergangenheit steckende CSU zusammen mit den ewig gestrigen von der einen und der Rest, all die fortschrittlichen, modernen SPD-Wähler & Co. von der anderen Seite? Die Verbissenheit mit der diese Diskussion geführt wird, entspricht dem Zeitgeist. So wird es in letzter Zeit oft gehandhabt. Schwarz und Weiß sind die neue Meinungsfreiheit. 

Sinn des Betreuungsgeldes war - Müttern die ihre Kinder selbst betreuen wollen, einen zugegebenermaßen kleinen finanziellen Anreiz zu bieten. Wer sein Kind bis zum Alter von drei Jahren zu Hause betreut und es nicht in die Kita oder zu einer Tagesmutter schickt, bekommt vom Staat 150 €. Was musste sich die CSU für ihr Lieblingsprojekt nicht alles anhören. Eine Herdprämie sei das, ein Schritt zurück, die Frauen würden davon abgehalten ins Arbeitsleben zurück zu kehren, Hartz IV Familien und Migranten würden das Geld missbrauchen können und es würde nicht wirklich den Kindern zugute kommen. Außerdem kann es die Integration verhindern, denn die Migrantenkinder würden nicht schon in der Kita Deutsch lernen. 

Wer erklärte, er würde dieses Lebensmodell gerne für sich übernehmen, wurde prompt als Mutti, rückständig oder gar als faule Socke verunglimpft. Sowas kann nur von einem kinderlosen Hipster kommen, der in seinem Leben noch nie Kleinkinder betreut hat. Ich habe das in den letzten eineinhalb Jahren getan und kann mit ruhigem Gewissen behaupten: ich habe noch nie in meinem Leben so schwer geschuftet. Meine Arbeitszeiten sind 24:7, selbst im Urlaub. Ehrlich gesagt, war das in unserem Fall nicht so geplant. Die Kinder sollten mit einem Jahr in die Kita kommen. Allerdings, obwohl wir uns schon am Anfang der Schwangerschaft um einen Kitaplatz beworben haben, hatten wir erst zwei Jahre später Aussicht auf einen. Ich wollte, sobald die Kinder in der Kita sind, mein Studium wieder aufnehmen. Nun ist die Situation so, dass die Unis zwar gerne Familienfreundlichkeit auf ihre Fahnen schreiben und regelmäßig „Familien-Cafés“ veranstalten, die Realität aber oftmals anders aussieht. Wenn der Partner Vollzeit arbeitet, die Kinder noch nicht in der Kita sind, stehen die Chancen einfach schlecht. 

Glücklicherweise, gehören wir zu den Privilegierten, die sich eine längere Elternzeit (wohlgemerkt der Mutter) leisten konnten. Ich ließ mich also beurlauben und seit nun eineinhalb Jahren bin ich mit den Kindern zu Hause. Ich habe alles miterlebt. Wie sie das erste mal das Köpfchen gehoben haben. Wie sie sich das erste Mal vom Bauch auf den Rücken und dann wieder zurück gedreht haben. Wie der erste Zahn durchbrach. Ich habe ihnen ihren ersten Brei gekocht. Und ich habe als erste gesehen, wie sie zu krabbeln anfingen. Ich war dabei als sie - mächtig stolz - ihre ersten Schritte taten. Und auch das allererste "Mama" habe ich gleich gehört. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie viel mir das bedeutet. Wie froh ich bin, dass ich diese wunderbaren Meilensteine nicht verpasst habe.

Der Kita-Ausbau ist enorm wichtig, das ist überhaupt keine Frage. Eltern müssen eine Möglichkeit haben ihr Kind in die Kita zu schicken, wenn sie keine finanzielle Perspektive haben es länger zu betreuen oder eine berufliche Weiterentwicklung anstreben. Wenn allerdings eine Mutter sich dafür entscheidet, die ersten drei Jahre ihres Kindes mit ihm zusammen zu verbringen, das Kind zu begleiten, wachsen zu sehen, sich mit ihm zusammen über die Fortschritte zu freuen - muss auch das erlaubt und gesellschaftlich akzeptiert sein. 

In unserer heutigen Zeit rühmen wir uns dafür jedes einzelne Lebensmodell akzeptieren zu können. Das muss sowohl für die arbeitende Mutter, als auch für die Mutter, die mit ihrem Kind zu Hause bleibt, gelten. Warum die SPD jetzt dermaßen ihren "Sieg" feiert, ist mir allerdings nicht klar. Über eine halbe Million Menschen haben das Betreuungsgeld inzwischen in Anspruch genommen, Tendenz steigend. Das würde bedeuten, dass es eine  durchaus annehmbare Alternative für eine nicht geringe Zahl von Menschen ist. Warum maßen "die da oben" es sich also an, ein für so viele Bürger funktionierendes Modell als "schlecht" abzustempeln? Und dabei wird nicht einmal die Verfügbarkeit von Kitaplätzen sicher gestellt. 

Aber, man kommt uns Eltern ja in so vielen Dingen entgegen. Das Kindergeld, zum Beispiel. Es wird dieses Jahr um vier Euro erhöht. Und nächstes Jahr noch um zwei. Na super, von dem vielen Geld können sich die Kleinen dann eine Zigarettenschachtel mehr kaufen.