Irina Tkachenko, Publizistin
Erst als bekannt wurde, dass die Opfer fast ausschließlich Deutsche sind, begann der Entrüstungssturm. Fernab von den Nachrichtenkanälen entwickelten sich bei Facebook und Twitter "off-topic-threads".
Dabei ging es nicht um den Anschlag per se. Scheinbar interessierten die Öffentlichkeit zuallererst die Themen „Schuld und Scheinheiligkeit“. Es wurde hitzig darüber debattiert, ob die Türkei nicht selbst an dem Anschlag schuld sei. Schließlich hat Präsident Erdogan ja dauernd mit dem IS geflirtet, um die Kurden in ihre Schranken zu weisen - so die Behauptung einiger Experten. Aber auch der Westen wird beschuldigt. Man sollte jetzt nicht weg schauen, schließlich muss die Türkei den Westen in der Flüchtlingsfrage und auch bei dem Kampf gegen den IS unterstützen. Und dann, erst einige Stunden nach dem Anschlag, begann die detaillierte Analyse von allen Seiten.

Foto: Terror in Istanbul - Trauer in Berlin /dpa
"Wo sind denn jetzt die türkischen Fahnen in Profilbild?" fragten viele Facebook-Nutzer nicht ganz unberechtigt. "Wo ist der 'Je suis Istanbul' oder 'Pray for Istanbul' Hashtag?“, hallte es bei Twitter. Ist das nicht scheinheilig? Warum gäbe es für die Türkei nicht die gleiche Anteilnahme, wie für Frankreich? Soll das etwa bedeuten, dass Istanbul nicht auf die gleiche Stufe mit Paris gestellt werden kann?
Geht man nüchtern an die Sache heran, muß man trocken fest stellen, dass nicht mal in den Sozialen Netzwerken der Version der türkischen Offiziellen viel Glauben geschenkt wurde. Nach der von Ankara verhängten Nachrichtensperre, wurden mehrere darauf folgende Meldungen nicht beachtet. Die einen haben sie gar nicht glauben wollen, die anderen meinten die Türkei würde wieder versuchen die Wahrheit zu vertuschen.
Inzwischen ließ die Türkei verlauten, dass IS-Terroristen aus Russland den Anschlag verübt haben sollen. Es ist bekannt, dass Ankara und Moskau gerade jetzt eine ganz scharfe Phase der bilateralen Beziehungen durchlaufen, aber solche Behauptungen grenzen schon hart an die berühmten konspirologischen Thesen über eine Weltverschwörung.

Archiv: Putin und Erdogan /dpa
Solche Informationen helfen bei der Aufklärung nicht, aber sie werden noch mehr dazu veranlassen die Informationen von den türkischen Offiziellen von verschieden Seiten aus zu überprüfen. Fremdeinwirkung im eigenen Verantwortungsgebiet zu suchen hilft nicht. Schuld ist, wer inmitten von Zivilisten eine Bombe zündet.
Ankara schuldet aber der Öffentlichkeit und, vor allem, den Familien der Opfer aus Deutschland eine präzise und schnelle Aufklärung des Anschlags.
Alles andere ist scheinheilig.
