Interview mit Professor Götz Neuneck, Stellv. Wiss. Direktor der IFSH und Leiter der IFAR, Hamburg
WE:Reden wir über die schmutzige Bombe. Könnten Terroristen eine solche Bombe bauen? Der IS, zum Beispiel? Wäre es generell möglich oder ist es nur ein Märchen?
Prof.Götz Neuneck: Generell kann jeder jede Bombe bauen. Die Frage ist, ob er das Material dafür bekommt.

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Das wäre im Falle einer schmutzigen Bombe radioaktives Material, das müsste man erstmal besorgen - eine Terrororganisation könnte es natürlich tun. Eine schmutzige Bombe kann man allerdings nicht mit einer Atomwaffe vergleichen, weil die Effekte ganz anders sind. Es kommt nicht zu einer Kettenreaktion, sondern es wird lediglich radioaktives Material über eine größere Fläche verstreut. Obwohl es nicht so furchtbar schwer ist, muss man aber eben erstmal das radioaktive Material bekommen, es mit einem Zünder koppeln, mit einem Sprengsatz. Sowas ist selten benutzt worden. Terroristen neigen eher zu Anschlägen, die aufsehenerregend sind, als zu Anschlägen, die perfide sind.
WE: Aber, wenn eine solche Bombe von Terroristen gebaut würde, könnte sie in einer banalen Aktentasche mitgetragen werden?
Prof.Götz Neuneck: Die Menschen sterben nicht daran - an der Wirkung des radioaktiven Materials - jedenfalls nicht sofort, sondern aufgrund der Explosion. Es wird ja nichts weiter gemacht, als einen Explosivstoff zur Detonation zu bringen und über ein bestimmtes Areal zu verstreuen. Das Material, das dann da untergemischt ist, das radioaktive Material könnte unter Umständen bei Menschen, die sie sich in seinem Wirkungskreis aufhalten, zu Strahlungsschäden führen. Das ist ganz einfach und ist im Grunde genommen nicht tödlich, jedenfalls nicht kurzfristig. Aber es hat einen großen psychologischen Effekt, weil eine Gegend, die von einer solchen schmutzigen Bombe kontaminiert worden ist, nicht mehr von Menschen betreten werden wird, das ist das Problem.
WE: Wir hätten dann einen Fall von Verseuchung?
Prof.Götz Neuneck: Ja, schon, aber sie müssen natürlich sehen, dass es trotzdem eine Explosion gibt. Wir hatten ja schon schwere Anschläge in dicht besiedelten Gebieten, wo unter Umständen viele Menschen ums Leben kamen. Und bei diesen Bomben, wie sie heute die Terroristen bauen, die auch perfide sind, mit Nägeln oder Schrapnellen gespickt, die fliegen dann sehr weit, haben eine hohe Anflugsgeschwindigkeit und töten eben auch Menschen. Im Fall einer schmutzigen Bombe wird radioaktives Material drunter gemischt und der zusätzliche Effekt wirkt sich erst im Laufe der Zeit aus und nicht sofort.
WE: Stellen wir uns vor, dass man schon einiges an diesem radioaktiven Material schmuggeln konnte, dann macht sich irgendein Terrorist mit einer Aktentasche im Handgepäck auf den Weg nach Europa. Wie kann man das präventiv entdecken?
Prof.Götz Neuneck: Das Problem der schmutzigen Bombe ist eigentlich schon seit zehn Jahren bekannt. Es hatte ja in Russland den Fall gegeben, dass tschetschenische Terroristen in einem Park radioaktives Material freigesetzt haben. Es ist aber nicht zu einer Explosion gekommen und hat entsprechend keine lokale Verseuchung verursacht. Es gibt aber natürlich mehrere Möglichkeiten. Erstens: muss man die radioaktiven Quellen, die gefährlich werden können, weg schließen. Oft sind ja auch im industriellen oder medizinischen Bereich radioaktive Quellen zu finden. Diese Quellen dürfen nicht unbeobachtet gelassen werden, sie müssen weg geschlossen werden. Man darf sie nicht in den Müll werfen und man darf sie auch nicht verkaufen. Da gibt es natürlich auch Material, das sich mehr dazu eignet und manches, das sich weniger dazu eignet. Es sollte, zum Beispiel, nicht aus Metall bestehen, denn das würde schlecht streuen. Es sollte eine Art von Pulver sein, aber ich will jetzt keine Bautips geben. Es hängt auch stark mit den radioaktiven Eigenschaften zusammen. Es gibt ja unterschiedliche Strahler: Alpha, Beta, Gamma. Dementsprechend muss man dieses Material auch wirklich sachgerecht behandeln. Die IAEO hat ein großes Programm gestartet und versucht gerade Organisation, Universitäten, Krankenhäuser, Industriebetriebe darauf aufmerksam zu machen, damit so ein Material nicht in die falschen Hände gerät. Es ist die erste Verteidigungslinie, wenn sie so wollen, die erste Präventionslinie. Wenn solches Material dann doch in die falschen Hände gerät, dann hängt es sehr von den Fachkenntnissen ab, die diese Leute haben. Die Al-Quaida hat sich ja auch schon oft dafür interessiert, aber den entscheidenen Schritt einfach nicht vollzogen, weil Anschläge auf verschiedene Ziele mit Explosivstoffen einfach viel spektakulärer sind. Und wir wissen ja, dass bei einem klassischen Terrorismus-Phänomen der spektakuläre Effekt viel wichtiger ist, der psychologische Effekt viel wichtiger ist, als die unmittelbare Zerstörung. Radioaktives Material kann zwar in der Aktentasche transportiert werden, aber das sind dann auch sehr kleine Mengen.
WE: Zitat: „Wie werden alle uns zur Verfügung stehenden Ressourcen nutzen, auch für die Entwicklung effektiver Waffen. Ob es nun saubere oder schmutzige Waffen sind, ist eine separate, rein technische Frage“. Das hat Oleh Turtschinow, der Generalsekretär des Nationalen Sicherheitsrates der Ukraine gesagt. Was passiert, wenn ein Staat eine solche Bombe baut?

Prof. Götz Neuneck/ Foto WE
Prof.Götz Neuneck: Das ist eine gute Frage. Natürlich kann ein Staat so etwas tun. Aber es ist eine Frage, ob man die Fähigkeit dazu hat und auch das radioaktive Material oder ob man das technisch einsetzt. Weil der Einsatz von radioaktivem Material mit einem sehr starken Tabu behaftet ist. Die Öffentlichkeit macht dann oft keinen Unterschied zwischen Atomwaffe und schmutziger Bombe. Die Frage wäre natürlich, was eine saubere Bombe ist. Dieser Begriff ist unsinnig. Sauber ist da gar nichts. Sie zerstören und kosten Menschenleben. Das sind Begriffe, die aus der politischen Propaganda stammen. Ich kann den Staaten nur raten davon dringlichst Abstand zu nehmen, wenn sie sie tatsächlich einsetzten würden, dann würden sie die Weltöffentlichkeit, die Medien gegen sich haben. Weil das als unfaire Art der Kriegsführung gilt. Allerdings hat es diese unfaire Art natürlich auch immer gegeben. Die Ukraine würde sagen, was Russland uns antut, ist eine unfaire Kriegsführung. Und Russland würde sagen Separatisten als Terroristen zu bekämpfen, sei unfair. Das Problem ist viel eher die Tatsache, dass, weil man mit normalen militärischen Mitteln seine Ziele nicht erreichen kann, immer mehr auf irreguläre Kriegsführung umschaltet. Das beinhaltet auch übrigens die Propaganda, die Ankündigung von solchen Dingen. Ob man sie dann auch wirklich einsetzt, ist dann doch eher fraglich. Ich glaube, die Öffentlichkeit würde sehr, sehr negativ darauf reagieren.
WE: Herr Neuneck, vielen Dank für dieses Gespräch.
