Ein Flugzeug aus Tel-Aviv ist gerade gelandet.
Eine Familie, acht oder auch zehn Leute, beeilt sich mit Koffern, Taschen und Tüten zum Terminalgebäude. Ganz vorne ein Mann, etwa um die 60-zig, groß, korpulent, fast kahl, die Brille fest an die Stirn geklemmt.
Dahinter bewegt sich im Gänseschritt eine Frau, seines Alters und seiner Größe, an ihrer Hand hängt ein kleines Mädchen, vermutlich die Enkelin, das laut und ohne Pause fragt: “Sind wir schon in Berlin?“
Der Mann geht direkt auf die Wartenden zu, schaut sich um, guckt jedem ins Gesicht und ruft plötzlich mit einer unerwartet tiefen Stimme: „Schlmuuuulik!“
Die wartende Menschenmenge macht Platz und alle schauen sich um, aber Schlmulik ist augenscheinlich noch nicht da. Der Korpulente brüllt in Richtung seiner Familie: „Ich gehe mal draußen gucken, ob er vielleicht da ist!!“.
Darauf die Frau: „Bleib! Schlmulik ist nicht hier, siehst du. Fehlt noch, dass du verloren gehst!“.
Die gesamte Mischpoke fängt an sich laut darüber zu streiten, ob es besser wäre hier zu warten oder sich doch lieber auf die Suche nach Schlmulik zu begeben.
Ohne eine Einigung zu erzielen, beugen sie sich dem Stärkeren, nämlich der alten Dame und entscheiden, am Platz stehen zu bleiben.
Der Mann schiebt die Brille weiter auf die Glatze und ruft wieder mit voller Kraft, so, dass die Stimme der Ansagerin im Flughafen nicht mehr zu hören ist:
„Er ist tot! Er hat uns vergessen! Schmulik, wenn du kommst, bin ich nicht mehr da!“ - und rennt raus auf die Straße.
Eine Sekunde später stürmt ein junger, schlaksiger junger Mann so um die zwanzig in die Halle, springt zu der Familie und schreit mit sehr zufriedener Stimme: „Onkelchen, Onkelchen, ich bin hier - Schmulik!“. In die Menschenmenge in der Halle kommt Bewegung und in Vorahnung eine neue dramatische Entwicklung zu erleben, drehen sich alle wieder zu der Familie um. Dabei feuern sie Schmulik mit Ausrufen wie - „geh' schon“, „guter Junge“ und „Ist es Schmulik?“ an. Scheinbar ist Schmulik bei den Wartenden zum Mann des Tages geworden.
Ganz anders bei seiner Tante. Sie dreht sich zur Familie, tätschelt seinen Kopf mit der von der Enkelin freien Hand: „Oh, weh mir! Das fängt ja gut an. Schmulik kommt, der Papa ist aber verschwunden!“ Und weiter - „Schmulik, geh’ und sag deinem Onkel Bescheid, dass du noch lebst!“.
