von Gregor Gennelli, Heilpraktiker, Autor
Ohne Essen können wir einige Wochen durchhalten, ohne Wasser - einige Tage. Ohne Sauerstoff - fünf Minuten. Dann stirbt das Gehirn ab, die Veränderungen sind nicht mehr rückgängig zu machen. Der Körper kann noch leben, das Gehirn, der Intellekt, sind schon tot. Im Alltag denken wir darüber nicht nach. Wenn der Mensch neben mir, Zuhause oder auf Strasse, umkippt, sind die erste Minuten entscheidend, ob er je wieder der Alte sein wird. Das geht nicht ohne schnelle Hilfe und damit meine ich das Eintreffen der Rettungsmannschaft und nicht unsere Fähigkeiten eine Herzmassage durch zu führen. Obwohl dies auch ein Muss für alle ist.
Die Zeit in der ein Rettungswagen, z.B., in Moskau zu einem Notfall kommen muss, soll, laut vorgeschriebener Normen, 20 Minuten nicht überschreiten. Bei einem Schlaganfall oder Herzinfarkt dauert es zwei bis drei Minuten bis das Gehirn an Sauerstoffmangel leidet und der Mensch bewusstlos wird. Nach fünf Minuten ist es aus. Berlin ist nicht Moskau, ein Blick in den Mechanismus der Rettungseinsätze lohnt sich trotzdem.
Normalerweise übernimmt die Feuerwehr die Notfallversorgung. Die Mannschaft besteht aus einem Arzt und einem Sanitäter, der gleichzeitig auch der Fahrer ist. Im Wagen ist nur das Nötigste für schnelles Blutdruckmessen, EKG, auch Sauerstoff, Tabletten, Infusionsmittel u.a. Zwei-drei Minuten nach Eingehen des Notrufs muss die Mannschaft vor Ort sein, eine differenzierte Diagnose stellen, Erste-Hilfe leisten und entscheiden, ob der Patient ins Krankenhaus muss. Sollte das der Fall sein, wird der Patient in das nahegelegenste oder in ein spezialisiertes Krankenhaus gebracht. Die Zeit zwischen dem Notruf und dem Einliefern ins Krankenhaus beträgst selten mehr als eine halbe Stunde. In einzelnen Fällen, wenn ein Schlaganfall oder ein Herzinfarkt vermutet wird, kommt auch ein Reanimationswagen hinzu. Kardiologe, Anästhesist, Sanitäter - alle bestens vorbereitet um, z.B., einen Schlaganfall zu behandeln.
Die Fahrer der Rettungswagen können bei Bedarf als Sanitäter oder Pfleger tätig werden. Sie beherrschen die elementarsten Techniken der Notfallrettung - Injektionen und ähnliches. Die Mannschaft muss körperlich fit und psychisch stabil sein. Wenn die Sirene ertönt, drücken sich alle Fahrer an die Seite, drängen sogar auf die Gegenfahrbahn, um Platz frei zu machen und verharren in ihrer Position, bis der Rettungswagen vorbei gefahren ist.
Im Falle eines Unfalls, selbst wenn die Sirene heult, müssen die Fahrer der Rettungswagen trotzdem die volle Verantwortung tragen. Es gibt natürlich auch Ausnahmen. Gerade vor Kurzem bewegte ganz Deutschland ein Fall, bei dem ein Arzt (nicht im Rettungswagen) zu schnell durch die Stadt gerast ist und von einem Blitzer erfasst wurde, als er zur Rettung eines Kindes unterwegs war. Ihm hätte eine Strafe von mehreren tausenden Euro gedroht, aber in den Socialmedia erhob sich eine tausendfache Gemeinschaft zu seiner Unterstützung, Unterschriften wurden gesammelt. Die Strafe wurde aufgehoben.
Bezahlt wird der Rettungseinsatz von der Krankenkasse des Patienten. Ist der Patient aus irgendeinem Grund nicht krankenversichert, erhält er die gleiche medizinische Versorgung wie alle andere. Die Kosten werden dann gesondert behandelt - mit dem Patienten, seinen Verwandten, sozialen Diensten. Wenn der Patient nach der Behandlung im Krankenhaus in der Lage ist nach Hause zu gehen, wird ihm spezieller Transport zur Verfügung gestellt oder, wenn erwünscht, ein Taxi gerufen. Dieses muss dann bezahlt werden.
Und wie läuft es in der Zentrale, wenn ein Notruf eingeht? Zuerst wird die Adresse geklärt, dann der Nachname und erst danach der Grund für den Notruf. Details sind uninteressant.
Diese Reihenfolge ist nicht beliebig. Solange das Gespräch noch dauert, wird die Adresse ins System eingetragen und der am nächsten befindliche Wagen bekommt innerhalb von Sekunden den vorläufigen Auftrag.
Die längste Zeit in der man auf einen Wagen warten muss, beträgt nicht mehr als fünf bis sieben Minuten. Wenn das Unmögliche passiert - man hat es nicht geschafft jemanden zu erreichen, der Wagen kommt nicht, ein Erdbeben - kann man getrost die 110 wählen, die Nummer der Polizei. Ein unglückseliger Vater hat einmal die Polizei gerufen, weil er nicht wusste, wie er den Brei für sein Baby zubereiten sollte. Die Polizei kam mit einigen Packungen Babybrei. Zur Sicherheit bereiteten die Polizisten auch eine Portion zu und zeigten Papa, wie Kleinkinder gefüttert werden.
Ich möchte das deutsche System der Notfallrettung nicht idealisieren und für jedes Beispiel finden sich massenhaft negative Gegenbeispiele.
Und doch: rufen sie Nothilfe an, solange das Gehirn noch lebt.
Foto: ARCHIV- Krankenwagen warten am 04.12.2011 in Koblenz vor einem Seniorenwohnheim, um die Bewohner zu evakuieren. Foto: Fredrik von Erichsen/dpa
