Rothaariger Trumpf… Bzw. Trump

Vor kurzem traf ich meine bezaubernde Bekannte Helen, die schon seit geraumer Zeit in den USA lebt. Wir tranken Kaffee, erzählten einander Kleinigkeiten aus unserem Alltag, aber ihre Augen schienen immer wieder gedankenverloren durch den Raum zu wandern. Ich hielt es nicht lange aus und fragte gerade heraus: „Was ist los mit dir, hast du dich verliebt?“ Sie senkte den Blick und sagte ebenso direkt: „Ja und es scheint etwas ernstes zu sein.“ „Aber deine Familie, dein Ehemann und die Kinder?“  „Weißt Du“ - antwortete meine Amerikanerin - „Familie ist das eine, aber Liebe ist etwas völlig anderes. Das weißt du doch selbst am Besten.“ „Und wer ist der Glückliche?“ - fragte ich eifersüchtig und nostalgisch. „Donald“ - sagte sie leicht atemlos - „Donald Trump.“

Ich habe mich daraufhin etwas entspannt, atmete erleichtert auf und die weitere Unterhaltung mit meiner zauberhaften Freundin verlief mehr oder minder im Rahmen eines politologischen Diskurses: „Interessant, wie hat er es denn geschafft dein uneinnehmbares Herz für sich zu gewinnen?“ - immerhin war die Dame eine Ehemalige europäische „Miss“ und früher bekannt für ihre unnahbare Art. 

„Siehst du, ich bin es leid in einem Schwarz-Weißen-Film zu leben. Früher war es so, dass es von der einen Seite die schwarzen Jungs gab. Ich habe natürlich nichts gegen Farbige. Es ist mit egal, schwarz, gelb, von mir aus sogar regenbogenfarben, solange es nette und interessante Menschen sind. Aber, wenn nachts in einer menschenleeren Straße ein Schwarzer an dich heran tritt, dann weißt du nie, was er von dir will. Wieso? Weil er selbst auch bis zum letzten Augenblick nicht weiß, was er von dir will. Und erst in der letzten Sekunde trifft er, oft überraschend für sich selbst, eine Entscheidung darüber, ob er nun mit dir „Köln“ spielen will und dir unter den Rock greift oder ob er dir die Einkaufstaschen bis zur Tür trägt. Von der anderen Seite gibt es die Weißen. Die sind keinen Deut besser. Wenn die ersten nicht wissen, was sie wollen, dann wissen die letzteren nur, was sie nicht wollen. Die Liste ist lang - sie wollen kein Geld ausgeben, sie wollen nicht in Verdacht geraten, sie hätten jemand sexuell belästigt…

Aber mit echtem „Wollen“ haben sie ein Problem, die einen genau so wie die anderen. Und mit diesem verwaschenen schwarz-weißen Leben habe ich mich die ganzen letzten Jahre herum geplagt. Und dann taucht plötzlich mein Rothaariger auf. 

Die Rothaarigen wissen immer was sie wollen - für sich, von den anderen Leuten, für ihr Land und ihre Familie. Und als dieses Redhead Donald auftauchte, war ich sofort unsterblich in ihn verliebt. Er weiß immer was er will! Und das ist das, was mir gefällt.“

Als ich neulich im Internet die exaltierten Auftritte der hübschen Gouverneurin Sarah Palin gesehen habe, bei denen sie die Trump ihre Unterstützung zusicherte, musste ich an meine Bekannte Helen denken. Dieses verträumte Lächeln, das leichte Keuchen in der Stimme, unbewusste Berührungen der Brust…

Ich dachte mir noch, auch du, Mädchen, hast dich in ihn verknallt. Ebenso wie einige Millionen Amerikanerinnen, die garantiert für das „Redhead“ abstimmen werden.

Dmitri Vydrin, Philosoph und Schriftsteller

Es scheint, als würde sich der Schwarz-Weiß-Film in den USA dem Ende zuneigen und der Start eines geladenen Actionfilms in grell orangenen Farben kurz bevor stehen. Daher beschäftigt mich als Politologe gerade dieses „Rotschopf-Phänomen“. Es ist ein grundsätzlich neues Ereignis in der Amerikanischen Politik und die Rothaarigen-Politik an sich ist überhaupt noch nicht erkundet, analysiert oder in ihre Einzelteile zerlegt worden. Das steht noch bevor, aber das Thema möchte ich jetzt schon eröffnen. Auch, wenn ich mit dem kurzen Essay nicht die Tiefenproblematik erkunden oder besonders vielseitig agieren kann, möchte ich mich einem Aspekt zuwenden - Gründe und Quellen für die Anziehungskraft, die Widerstandsfähigkeit und die Favoritenrolle der Rothaarigen-Fraktion. 

Intuitiv würde ich annehmen, dass die innere Kraft von Rothaarigen in ihrer Substanz der inneren Kraft der Sizilianer ähnelt. Ich habe mich mal gefragt, wie diese kleine, sonnenversengte Insel Sizilien eine weltumfassende Korporation namens „Mafia“ zustande bringen konnte, die seit zwei Jahrhunderten der ganzen Welt Alpträume bereitet, die Politik von zig Ländern und die Finanzen von hunderten von Staaten beeinflusst. 

Ich war viel auf Sizilien unterwegs, betrachtete die Landschaft, Architektur, Gesichter der Menschen, studierte ihre Geschichte und Lebensweise. Aber eine umfassende Antwort auf meine Fragen gab mir letztendlich ein älterer Mann in einem heruntergekommenen Café, in dessen Blick mehr Charisma mitschwang, als bei allen europäischen Oberhäuptern zusammen und dessen Zigarre bedrohlicher aussah als ein startbereiter „Tomahawk“. Nach dem fünften Limoncello wurde er gesprächig und nach dem siebenten lüftete er das Geheimnis: „Wir Sizilianer haben vom Leben selbst die drei wichtigsten Geheimnisse eröffnet bekommen: Vitalität, Unbesiegbarkeit, Unzerstörbarkeit. Wir alle leben unter dem Etna, der jeden Moment in die Luft fliegen kann und haben deswegen gelernt trotz der Gefahr weiter zu leben und die Gefahr nicht zu beachten. Kein Europäer würde ruhig schlafen können, wenn er wegen einer Geschwindigkeitsübertretung eine Vorladung zum Gericht bekäme. Aber wir, wir schlafen und sehen die süßesten Träume, selbst, wenn der Nachthimmel über unseren Köpfen im Vulkanfeuer aufgeht. Das ist das eine.

Und das andere: Wir wissen um die Kraft der Familie, gegen die alle zivilisatorischen Gesetze und Regeln machtlos sind. Ist eine Familie groß genug, dann werden, selbst wenn alle erwachsenen Männer verhaftet und verurteilt werden, unsere schwangeren Frauen und die minderjährigen Kinder die Geschäfte weiter führen, denn sie sind zu jeder Zeit über alle unsere Unternehmungen auf dem Laufenden. Daher läuft unser „Business“ immer. 

Und drittens: Wir sind alle mit dem Terrassenweinbau groß geworden und können für die Zukunft vorarbeiten: Der Vater trägt sein Leben lang die Erde in Körben zu den Berghängen, der Sohn pflanzt die Rebe ein, der Enkel zerquetscht die Weintraube und macht wunderbaren Wein…“

Diese einfachen, unbestreitbaren Prinzipien gelten in erstaunlicher, fast mystischer Weise auch für den Lebenswandel der Rothaarigen. Denken sie darüber nach. Jeder Rothaarige lebt von Kindheit an in einer Atmosphäre von erhöhter Gefahr und Hetze. Praktisch von Geburt an sehen sie sich furchtbaren und grundlosen Beschuldigungen ausgesetzt, wie in dem alten Sowjet-Zeichentrickfilm: „Rotschopf, Rotschopf, Sommersprosse, erschlug Opa mit dem Spaten!“ Und er muss seine Ehre ganz allein, ohne Helfer, Zeugen oder Geschworene verteidigen und seine Unschuld beweisen: „Ich hab’ den Opa nie geschlagen, ich habe den Opa immer geliebt“. Er lebt wie die Sizilianer in einer stets feindlichen Umgebung von ständigen hanebüchenen Beschuldigungen und Repressalien. Das ist sogar ein Zacken härter als am Fuße des Etna zu leben. Während sie lernen mit diesen Gefahren fertig zu werden und sie nicht weiter zu beachten, trainieren sich die Rothaarigen gewisse Führungseigenschaften an und auch ein Talent dafür Menschen zu beeinflussen, die sie dann im Angesicht einer potenziellen Gefahr verteidigen würden. Daher kommt das starke Charisma der Rothaarigen.

Ich bin mir völlig sicher, dass der rothaarige Kadett der Militärakademie Trump mit Absicht eine besondere Marschart erfunden hat, damit er vom Kollektiv nicht ausgelacht wird, sondern dieses anführt und ihm Befehle erteilt. Und vom Befehligen eines Kadettenkorps ist es schließlich nur ein Katzensprung bis zum Regieren eines Landes. 

Wie auch die Sizilianer haben Rothaarige große Familien. Ich kenne keinen Rothaarigen, der nicht mindestens zwei-drei Ehepartner hat und mit jedem dieser Partner auch Kinder. Trump ist keine Ausnahme. Rothaarige überleben leichter innerhalb einer rothaarigen Familie. Ihre Gemeinsamkeit - die feuerroten Haare - sind wie ein gemeinsames Geheimnis. Rothaarige Kinder verprellen nie ihre rothaarigen Eltern und führen meistens das Familienunternehmen weiter. Vielleicht ist das der Grund, warum Trumps Söhne bereits jetzt eine Riesenstütze für sein Business sind und seine bezaubernde rothaarige Tochter vermutlich eine Schlüsselrolle in der Administration spielen wird, wenn Papa die Präsidentenwahlen gewinnt. Ich habe den Verdacht, dass sie Tante Hillary bei dem Fernsehduell auch jetzt schon locker in Streifen hätte reissen können, wenn Papa das nur erlaubt hätte. 

Und zuletzt, wie auch die Sizilianer, denken die Rothaarigen strategisch voraus. Sie verstehen, dass ihre rothaarigen Nachkommen es genau so ungemütlich und ungastlich haben werden wie sie selbst, daher muss ein Maximum an Lebensressourcen angesammelt werden, um ihnen in Zukunft ein möglichst leichtes Leben zu ermöglichen. Daher wahrscheinlich Trumps Sorgen um die Zukunft Amerikas, die Pläne zur Wiederherstellung der ehemaligen Vormachtstellung, Projekte von neuen fantastischen Städten und Freundschaften mit anderen Ländern, wie Russland, wo übrigens ebenfalls das Saatgut der rothaarigen Politik aufgeht…

Das ist der Grund warum die Rothaarige-Trump-Bestie mit einer solchen Leichtigkeit so ernstzunehmende Jungs wie Marco Rubio, Ben Carson und selbst den aufmüpfigen Jeb Bush aus dem Weg fegt. Sie können es mit dem Rotschopf nicht aufnehmen. Schon morgen wird er vermutlich Tante Hillary mit einem kleinen Tritt beiseite schubsen, denn das ist es was er will und er weiß, dass er es will. Einen Rothaarigen in seinen Wünschen zu stoppen, ist fast unmöglich. Und genau das ist es, was Amerikas Frauen wollen und deswegen fassen sie sich unbewusst an die Brust.