Von Susanne Kupke, dpa
Remchingen (dpa) - Es hätte ein Zuhause für vier bis fünf
Flüchtlingsfamilien werden können: solide Bauweise, neue Fenster,
umgeben von Büschen und einem Nussbaum vor der Tür, direkt am
Flüsschen Pfinz. Der Bürgermeister der badischen Gemeinde Remchingen,
Luca Prayon (CDU), steht inmitten des Grüns. «Es war ein schönes
Objekt», sagt er. Davon ist allerdings nur eine traurige Hülle
geblieben. Verkohlte Balken ragen ins offene Dach, verrußte
Fensterhöhlen mit geschmolzenen Rollläden starren nach außen.
Aus dem geplanten Asylheim am Rande des Remchinger Industriegebietes
Meilwiesen ist ein Mahnmal geworden. Jemand hat in der Nacht auf den
18. Juli Benzin im Obergeschoss verschüttet und das Haus angezündet.
Von dem oder den Tätern fehlt bislang jede Spur.
Mehr als 200 Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte in der ersten Hälfte
dieses Jahres listete Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) kürzlich
auf. In die «schreckliche und beschämende Bilanz» fremdenfeindlicher
Angriffe hat sich mit Remchingen erstmals Baden-Württemberg
eingereiht.
Das hat die grün-rote Landesregierung kalt erwischt. Und das zwischen
Karlsruhe und Pforzheim gelegene Remchingen erst recht. Bis dahin
stand der 12 000-Einwohner-Ort für Fachwerk-Idylle mit Römer-Museum
und einem regen Unternehmertum.
«Remchingen ist nicht fremdenfeindlich», betont Prayon. Und die
Buchhändlerin an der Hauptstraße sieht dies ebenso wie Peter Farr vom
Netzwerk Asyl, einem lokalen Zusammenschluss ehrenamtlicher Helfer.
Hier waren italienische Gastarbeiter schon willkommen, als man
andernorts über die armen Neuankömmlinge die Nase rümpfte. 34
Flüchtlinge aus Afghanistan, Syrien, Iran, Serbien, Algerien und
anderen afrikanischen Staaten leben in der badischen Gemeinde. Im
Fußballclub Wilferdingen spielen Asylbewerber aus Pforzheim mit.
«Ich habe hier keine Angst», versichert Djilali Meriane. Der
algerische Asylbewerber lebt seit neun Monaten mit seiner Familie in
Remchingen. Er arbeitet in einer Gärtnerei, seine Kinder spielen mit
deutschen Freunden. «Alle sind sehr freundlich», sagt der 38-Jährige.
Die Polizei hat in Remchingen eine «niedrige einstellige Zahl» von
Anhängern der rechten Szene ausgemacht. «Eine offene Szene, die sich
gegen Ausländer richtet, gibt es aber nicht», so der Rathauschef.
Unter dem Motto «Remchingen zeigt Flagge!» sind nach der Feuerattacke
700 Bürger auf die Straße gegangen. Das bis dahin aus 50
Ehrenamtlichen bestehende Netzwerk Asyl von Farr hatte auf einmal 40
Helfer mehr. «Es gibt eine große Offenheit für das Thema, die vorher
so nicht sichtbar war.»
Fünf Alternativ-Wohnungen wurden der Verwaltung angeboten; die werden
nun geprüft. Auch die Unternehmer aus dem Gewerbegebiet Meilwiesen
haben sich Gedanken gemacht. Einer könnte Container-Wohnungen bauen.
Einen alternativen Standort - etwas weiter weg - hätten sie auch im
Blick.
Asylbewerber gleich nebenan? «Ich kann mir vorstellen, dass es
vielleicht nicht gut für das Geschäft wäre», meint vorsichtig Helmut
Schwenk, Inhaber einer Werkzeugbaufirma. Über den Brand ist er
gleichwohl entsetzt: «Egal, wer es gemacht hat: Ich verurteile dies.»
Doch wer war’s? Die Polizei überprüfte rund 100 Hinweise. Eine heiße
Spur war nicht dabei. Die Remchinger können sich nicht vorstellen,
dass es einer von hier war. Die Sicherheitsbehörden halten einen
fremdenfeindlichen Hintergrund für wahrscheinlich. Prayon hingegen
sagt: «Es gibt auch Pyromanen und Mutproben.» Und Farr ergänzt: «Wir
haben als Jugendliche auch viel Blödsinn gemacht.»
In Baden-Württemberg rechnen die Kommunen mit 80 000 bis 100 000
neuen Asylbewerbern im laufenden Jahr. Das wäre eine Verdreifachung
im Vergeich zu 2014. Bis jetzt konnte Remchingen die Flüchtlinge alle
gut unterbringen, sagt Prayon. Wenn «größere Flüchtlingsströme»
kommen, hat aber auch der Jurist «ganz nüchtern betrachtet Sorgen».
Das betrifft alle Kommunen. So gesehen könnte Remchingen überall
sein.