Alexander Sosnowski, Journalist, Schriftsteller
Angela Merkel (CDU) durchläuft aktuell die wohl schwierigste Phase ihrer gesamten politischen Laufbahn. Noch vor wenigen Monaten galt die Kanzlerin innerhalb ihrer Partei als unantastbar, eine erneute Kandidatur bei der Bundestagswahl 2017 schien reine Formsache. Inzwischen hat sich der Wind jedoch etwas gedreht und die Kanzlerin bekommt nicht nur den Gegenwind aus der Opposition zu spüren, auch innerparteilich sorgt vor allem die Flüchtlingspolitik für Meinungsverschiedenheiten. Nicht zuletzt wird der diesbezügliche Konflikt mit der Schwesterpartei CSU und deren Chef Horst Seehofer immer offener ausgetragen. Lob für Merkels Politik kommt derzeit nur aus dem Ausland, so wählte das Times-Magazin die Kanzlerin als erste Frau überhaupt zur "Person des Jahres 2015".
Endet Merkels Kanzlerschaft vorzeitig?

Foto: Angela Merkel /dpa
Dieses Szenario gilt trotz aller Differenzen innerhalb der CDU als sehr unwahrscheinlich. Zwar büßte Angela Merkel in den vergangenen Wochen und Monaten einiges an Autorität ein, andererseits leitete sie auf dem Bundesparteitag der CDU in Karlsruhe die Trendwende ein. So fand der gemeinsam mit möglichen Nachfolgekandidaten wie Thomas de Maizière, Wolfgang Schäuble oder Ursula von der Leyen verfasste Leitantrag zur Flüchtlingspolitik die breite Zustimmung der Mitglieder. Das Fehlen einer von Merkel immer abgelehnten "Obergrenze" kann als Punktsieg für die Kanzlerin gewertet werden. Stattdessen einigte sich die CDU-Spitze auf eine "spürbare Verringerung des Zuzugs", womit die Hardliner innerhalb der CDU einen Kompromiss akzeptieren mussten.
Das Rating der Kanzlerin bei den CDU-Mitgliedern dürfte also wieder eine leicht ansteigende Tendenz zeigen und auch Politiker anderer Parteien lassen derzeit keine ernsthaften Bestrebungen nach einem vorzeitigen Sturz Merkels erkennen. Ob Deutschland ab Herbst 2017 jedoch immer noch von Merkel regiert wird, ist eine andere Frage, die sich beim Blick auf mögliche Nachfolger/innen beantworten lässt.
Mögliche Kanzlerkandidaten bringen sich in Stellung
Es gibt eine ganze Menge „Bewerber“, die sich gern in den Sessel des - nach Meinung des Forbes Magazine - einflußreichsten Politikers der Welt setzen würden. Wenigstens fünf mögliche Prätendenten aus der CDU/CSU-Fraktion und dann noch ein Paar Willige von der SPD, den Grünen, der Linken und sogar der AfD. Auch wenn ihre Ambition völlig unrealistisch sind, hat es sie nicht daran gehindert Interesse zu bekunden.
Um uns nicht vergeblich mit den Unrealistischen aufzuhalten, versuchen wir lieber ein kleines Schlaglicht auf die reellen Kandidaten zu werfen.
Noch vor einem Jahr glich die Situation in Deutschland und vor allem innerhalb der CDU jenem Zustand Mitte der 1990er-Jahre. Damals stand mit Helmut Kohl Merkels politischer Ziehvater unangefochten an der Spitze der CDU und eilte von Kanzlerschaft zu Kanzlerschaft. Nach der Ära Kohl fand sich in den eigenen Reihen kein geeigneter Kandidat, so dass man Edmund Stoiber (CSU) ins Rennen um das Kanzleramt schickte.
Wer sind heute also die „Glücklichen“? Der Finanzminister Wolfgang Schäuble, der Innenminister Thomas de Maizière, die CDU-Vize Julia Klöckner und die Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Aus dem Bereich der „Hassfreunde“, selbstverständlich, Horst Seehofer und „The Dark Horse“ - Karl-Theodor zu Guttenberg. Die letzten beiden Kandidaten werden in den nachfolgenden Analysen des Kampfes um den Kanzlersessel näher betrachtet, heute beginnen wir mit der CDU-Parade.

Foto: Bundestag/dpa
1. Wolfgang Schäuble
Der Finanzminister genießt über die Grenzen aller Parteien hinweg einen großen Respekt, dürfte als Kanzlerkandidat aber maximal Außenseiterchancen haben. Einerseits, wäre Schäuble zum Zeitpunkt einer möglichen Amtsübernahme bereits 75 Jahre alt, andererseits, ist es fraglich, ob das CDU-Urgestein überhaupt derartige Ambitionen hegt. Schäuble scheint sich in seiner Rolle als Gegenpol zur Flüchtlingspolitik der Kanzlerin aber zu gefallen, so dass eine Kandidatur im Falle eines Falles nicht ganz ausgeschlossen werden kann. Sollte es zu vorgezogenen Wahlen kommen, wäre Schäuble sogar der aussichtsreichste Kandidat. Dabei sollte man aber auch nicht vergessen, dass das „Vorübergehende“ für gewöhnlich länger dauert als das „Dauerhafte“.
2. Thomas de Maizière

Foto: Jahresrückblick 2015 - Bewegende Bilder/dpa
Das Verhältnis zwischen dem Innenminister und der Kanzlerin gilt seit Monaten als angespannt. Spätestens mit seinen Alleingängen in der Flüchtlingspolitik zog sich de Maizière den Unmut Merkels zu. Diese Vorstöße erscheinen auf den ersten Blick aber derart tollpatschig, dass der Beobachter dahinter ein gewisses Kalkül vermuten muss. Mit seiner Politik rennt de Maizière bei der Kanzlerin zwar alles andere als offene Türen ein, in der Gunst der Mitglieder ist das Rating des Innenministers aber deutlich gestiegen. Seine Chancen den Sessel in einem regulären Kampf zu gewinnen, sind aber minimal. Zum einen, könnte die Situation um die Flüchtlinge ihn zu rigorosen und unpopulären Schritten zwingen, beides würde ihn vom Kanzlersessel weiter entfernen. Zum anderen, würde ihn jede Ausnahmesituation in Berlin, die dem Terroranschlag in Paris auch nur nahe kommt, unweigerlich vor einen Untersuchungsausschuss bringen. Er wird Fragen beantworten müssen, wie er so etwas zulassen konnte, warum das verschlampt wurde, warum keine Maßnahmen ergriffen wurden usw. Das wird seine Beliebtheitswerte kaum steigen lassen.
3. Julia Klöckner

Foto:Angela Merkel und Julia Klöckner/dpa
Die CDU-Vize aus Rheinland-Pfalz erreichte bei den letzten Vorstandswahlen die größte Zustimmung aller Parteivorstände und gilt als große Zukunftshoffnung der CDU. Der erste Härtetest ihrer noch vergleichsweise jungen Karriere steht Klöckner mit den Landtagswahlen 2016 bevor, bei der sie als Spitzenkandidatin ins Rennen geht. Sollte sie die nächste Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz werden, so ist Klöckner spätestens für die Bundestagswahl 2021 fast schon die logische Wahl. Für eine frühere Merkel-Nachfolge, sollte es überhaupt dazu kommen, gilt Julia Klöckner noch als Geheimfavoritin.
4. Ursula von der Leyen
Von allen genannten Kandidaten weist Ursula von der Leyen die größte politische Nähe zur Kanzlerin auf. Die Verteidigungsministerin hat sich bereits auf verschiedenen Themenfeldern der Politik bewiesen und wäre eine denkbare Alternative zu Angela Merkel. Dank ihrer Loyalität zu ihrer Chefin könnte Merkel ihren Einfluss bei der Kür eines Nachfolgers in die Waagschale werfen. Ursula von der Leyen zeigt zwar kein offenes Interesse an einer Kanzlerschaft, was aber nicht zwingend bedeuten muss, dass sie nicht doch zur Verfügung stehen würde.
Ära Merkel auf die Außenpolitik
Ein Kurswechsel in der deutschen Außenpolitik wäre bei einem vorzeitigen Abgang Merkels als Kanzlerin sehr wahrscheinlich. In welche Richtung es dann aber gehen würde, lässt sich derzeit nur schwer sagen, da dies entscheidend von der Person des neuen Kanzlers bzw. der neuen Kanzlerin abhinge.
Während unter Thomas de Maizière oder Wolfgang Schäuble ein abrupter Kurswechsel zu erwarten wäre, insbesondere bei der Flüchtlingspolitik, stünde Ursula von der Leyen in dieser Hinsicht eher für Kontinuität und Verlässlichkeit. Unabhängig davon, werden sich die europäischen Partner jedoch eine weitere Amtszeit von Merkel als deutsche Kanzlerin wünschen, da sie das aktuell wohl größte politische Schwergewicht innerhalb der EU ist.
