Dr. Michael Rohschürmann, Politik-und Islamwissenschaftler

Rationalität im Herzen der Finsternis - Die Effektivität des Terrorismus

Von Dr. Michael Rohschürmann

Am 09. Juni brachte der Focus unter der Überschrift „Erfolgsquote gleich null“ die erfreuliche Nachricht, dass Terroristen mit Anschlägen niemals ihre Ziele erreichen würden. Hintergrund war die kürzlich veröffentlichte Studie der U.S. Forscherin Virginia Fortna, nach der Rebellengruppen, die in Bürgerkriegen terroristische Mittel  - definiert als Angriffe gegen die Zivilbevölkerung – einsetzten, ihre politischen Ziele niemals durchsetzen können. Was heißt das für den amerikanischen Krieg gegen den Terror? Kann der Westen aufatmen?

Wie bei allen wissenschaftlichen Untersuchungen, ist es auch hier wichtig die Prämissen einer Untersuchung nicht zu übersehen: Frau Fortna untersucht lediglich Rebellengruppen, die in Bürgerkriegen kämpfen. Phänomene, wie der transnationale Terrorismus des Islamischen Staates, ideologisch motivierter Terrorismus oder gar Staatsterrorismus, werden a priori ausgeblendet. Das ausgewertete Datenmaterial umfasst nur die Jahre 1989-2004, ist damit, m. E., wenig aussagekräftig und blendet eine ganze Reihe sehr erfolgreicher Rebellen/Freiheitskämpfer mit terroristischen Taktiken aus. Ich denke hier spontan an jüdische Untergrundorganisationen im Kampf gegen die britische Mandatsherrschaft, den Vietcong, den algerischen Unabhängigkeitskampf, den Kampf der Mudschahidin gegen die Rote Armee in Afghanistan und viele mehr.

Was heißt dies jedoch für den transnationalen, ideologisch motivierten Terrorismus, der nicht an Konsenslösungen interessiert ist, welcher den Terror nicht nur als taktisches Mittel einsetzt, sondern das Grauen durchaus biblisch im Sinne eines göttlichen Strafgerichtes verstehen will, also kurz: für die Formen des Terrorismus, welche die Welt in der Gegenwart beschäftigen? 

Im zweiten Buch Mose (Kapitel 23, Vers 27) verspricht der Gott des Alten Testaments seinem Volk „Ich will meinen Schrecken vor dir her senden und alle Völker verzagt machen.“ Es ist dieses Verständnis von der Rationalität und dem Nutzen des Schreckens, um welches es hier gehen soll.

Frau Fortna konstatiert, dass keine der von ihr untersuchten terroristischen Rebellengruppen in der Lage gewesen sei, die Regierung zu stürzen oder eine Übereinkunft auszuhandeln. Ich behaupte nun, dass dies auch gar nicht das Ziel der ideologisch motivierten Terroristen ist. Terrorismus ist immer auch ein Mittel der Kommunikation; nach außen, sowie nach innen, sprich zu dem jeweiligen Gegner und zu der eigenen Unterstützerbasis. 

In den Aufsätzen „Why strict churches are strong“ und „The Marketplace of Martyrs“ untersucht Laurence Iannacone (scheinbar) irrationales Verhalten auf der Grundlage des ökonomischen Akteurmodels. Danach verhalten sich Menschen grundlegend nutzen-maximierend. Wie passt dies aber zu dem Phänomen des weltweiten Wachstums einer immer strikteren Religiosität oder der Bereitschaft sich selbst für eine Ideologie zu opfern? Er kommt zu dem Ergebnis, dass es im Kontext von Ideologien durchaus rational sein kann, den äußersten Preis zu zahlen, wenn die Alternative in einem Verlust des eigenen positiven Selbstbildes bestünde. Unter diesem extremen Beispiel führen hohe Beitrittskosten zu einer Gemeinschaft auch dazu, dass diese ideologisch geschlossener bleibt und sich das soziologische Trittbrettfahrerproblem eher vermeiden lässt. Der Gewinn, welchen der Einzelne aus dieser Gemeinschaft Gleichgesinnter, auch im Sinne der gegenseitigen Vergewisserung der eigenen Selbstwahrnehmung, ziehen kann, ist damit viel höher als bei weniger „kostspieligen“ Gemeinschaften. Exzessive Gewalt, wie sie uns bei vielen gegenwärtigen Aktionen des IS begegnet, dient letztendlich diesem Ziel. Nach innen greifen die beschriebenen Mechanismen der Selbstversicherung, sowie der Gruppenbindung. Beim Beispiel IS potenzieren sich diese Ermächtigungsphantasien durch eine Kämpfer-Generation deren Gewalt-Gewohnheitslevel anhand von Hollywood und Videospielen geschult wurde. 

Damit erzeugen die betreffenden Gruppen eine intensivere innere Bindung, Motivation, sowie eine höhere Widerstandsfähigkeit gegen Rückschläge – welche sie oft hinnehmen müssen. Terrorismus bleibt eine Taktik der Schwäche. Ideologisch motivierte Terroristen sind in der Minderheit und selten überhaupt in der Lage konventionelle militärische Taktiken anzuwenden. Ausnahmen bestätigen hier die Regel. Sowohl Hizbollah als auch der Islamische Staat haben gezeigt, dass sie in ihrer Geschichte immer wieder zwischen beiden Taktiken wechseln bzw. beide Taktiken parallel anwenden können – bisher sowohl politisch als auch militärisch sehr effektiv. 

Nach außen kommunizieren sie Überlegenheit und schüchtern ihre Feinde ein. Gerade der IS hat, unterstützt durch westliche Medien, die Projektion einer geradezu diabolischen Drohkulisse perfektioniert. Von Bin Laden wird berichtet, er habe einmal gesagt, dass er durch den Abzug der U.S. Streitkräfte aus Somalia die moralische und psychische Schwäche des Westens erkannt und darin den Weg zum Sieg erkannt habe – während die Amerikaner wegen „einiger Toter“ fluchtartig das Land verließen, suchten die „Mudschahidin“ freudig den Tod.

Im Film „Apocalypse Now“, der an das Buch „Herz der Finsternis“ angelehnt ist, berichtet einer der beiden Protagonisten von einem Massaker des Vietcong (ebenfalls einer in Fortnas Studie nicht berücksichtigten Rebellengruppe) an Zivilisten, die mit den Amerikanern zusammengearbeitet hatten: „Dieser Wille, das zu vollbringen, vollkommen unverfälscht, vollendet, makellos. Und dann wurde mir klar, dass sie viel stärker waren, als wir es waren, weil sie alles ertragen konnten, das waren keine Ungeheuer, das waren Männer... dass sie die Kraft haben, das zu vollbringen... ohne Gefühle, ohne Leidenschaft...“

Darüber hinaus erreichen Terroristen ihre Ziele sozusagen über die Bande: Sie nötigen ihren Gegnern Reaktionen auf, die mitunter gegen deren Interessen gerichtet sind. Der Schutz unserer Freiheit kann auf Kosten genau dieser Freiheit gehen. Gezielte Tötungen und Drohnenangriffe beschädigen das Selbstverständnis der westlichen Wertegemeinschaft und führen den Terroristen weitere Anhänger zu. Das Misstrauen zwischen den Religionsgemeinschaften wird immer geschürt. Nicht nur im Irak, wo die Aktionen des IS Sunniten und Schiiten aufeinander hetzen, sondern auch zwischen Christen und Muslimen in Deutschland.

Am Ende von „Apocalypse Now“ sagt Colonel Kurtz zu seinem designierten Henker: „Sie haben kein Recht, mich einen Mörder zu nennen – sie haben das Recht mich zu töten, sie haben das Recht, das zu tun, aber sie haben kein Recht, ein Urteil über mich zu fällen.“

Terrorismus zieht Grenzen, verhärtet Positionen und beendet einen Austausch von Meinungen. Das und nicht die Toten, so tragisch diese auch sind, ist die eigentliche Gefahr die vom Terrorismus ausgeht. Im Erreichen eben dieses Ziels ist Terrorismus ein hochgradig effektives Werkzeug – wenn die Gesellschaften, die Opfer des Terrorismus werden, dies zulassen.

Autoreninformation:

Dr. Michael Rohschürmann ist Politik- und Islamwissenschaftler und seit 2011 in verschiedenen islamischen Krisenländern tätig. Zu seinem Schwerpunkten gehören islamische Geschichte und Ideengeschichte sowie Terrorismusforschung. Er ist unter: <link>michael@rohschuermann.de erreichbar.