ARCHIV - Eine moderne strategische russische Atomrakete vom Typ Topol-M führt am 09.05.2011 bei der Militärparade zum Tag des Sieges über den Roten Platz. EPA/YURI KOCHETKOV dpa

Putin zelebriert Siegeskult und Stärke mit Militärparade Von Thomas Körbel und Ulf Mauder, dpa

Zum wichtigsten russischen Feiertag am 9. Mai sind Millionen Menschen
in Moskau auf den Beinen. Viele harren für einen guten Blick auf die
Militärtechnik stundenlang aus. 70 Jahre nach dem Triumph über Hitler
erfüllt der Siegestag die Russen mit Stolz.

Moskau (dpa) - Soldaten, Panzer und Kampfjets - die Atommacht
Russland führt mit der größten Waffenschau ihrer Geschichte der Welt
ihre Stärke vor Augen. Bei blauem Himmel und Sonnenschein nimmt
Kremlchef Wladimir Putin auf dem Roten Platz die mit Pomp und Pathos
inszenierte Militärparade um 70. Jahrestag des Sieges der Sowjetunion
über Hitler ab.

Hunderte Kriegsveteranen sind dabei. Sie seien die Haupthelden,
betont der russische Präsident. Ihnen verdanke die Welt ein Leben in
Frieden und Freiheit. Zum ersten Mal überhaupt ruft er auf dem Roten
Platz zu einer Schweigeminute für die Opfer des Faschismus auf. Doch
seine Ansprache in Moskau richtet sich auch an jene, die fehlen.

Die westlichen Alliierten der Anti-Hitler-Koalition im Zweiten
Weltkrieg sind weder mit Staats- noch Regierungschefs vertreten - aus
Protest gegen Russlands Politik im Ukraine-Konflikt. Und auch wenn
Putin sie nicht beim Namen nennt, so ist seine Kritik an USA und Nato
unüberhörbar. Trotz der Lehren der dunklen Geschichte gebe es weiter
Versuche, eine «monopolare Welt» mit neuem Blockdenken zu schaffen.

Der Oberbefehlshaber Putin nutzt die Bühne, um für eine neue globale
Sicherheitsarchitektur zu werben. Sicherheit eines Landes auf Kosten
eines anderen soll es nach seiner Vorstellung nicht geben. Doch der
Tag des Sieges in Moskau offenbart auch, dass die Gräben zwischen
West und Ost wieder tief sind. Putin wirft dem Westen vor, was EU und
USA sonst Russland vorhalten: die Verletzung der Nachkriegsordnung.

Im Blick haben dürfte er damit nicht nur die Osterweiterung der Nato
bis an die Grenzen Russlands, sondern einmal mehr die US-Pläne für
eine US-Raketenabwehr in Europa. Die auf der Parade präsentierten
atomar bestückbaren Interkontinentalraketen sollen klipp und klar
zeigen, dass Russland gegen alle Gefahren gewappnet ist.

«Mein Herz schlägt schneller, wenn ich diese Technik sehe», schwärmt
die Zuschauerin Tatjana Sawinkowa am zentralen Puschkin-Platz. In
Zeiten, in denen alle mit Russland streiten würden, sei die Parade
ein wichtiges Zeichen der Stärke, meint die 58-Jährige. «Wir spüren,
dass wir verteidigt werden. Das ist wichtig, denn aus den Nachrichten
bekommt man das Gefühl, dass uns alle angreifen wollen», sagt die
61-jährige Galina Pikul über die martialische Waffenschau.

Nicht zuletzt soll auch Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping an
der Seite von Putin auf der Ehrentribüne zeigen, dass Russland nicht
allein ist im Streben gegen eine Vormachtstellung der USA. «Die
Annäherung zwischen Russland und China ist ein Zeichen dafür, dass
sich die Weltordnung verändert», twittert der Moskauer Politologe
Dmitri Trenin vom Carnegie Center.

Der Experte teilt aber auch eine Spitze gegen den Kreml aus - wegen
«unkluger Staatspropaganda». Gemeint ist die veröffentlichte Liste
der etwa 20 Staatsgäste, die aus Sicht Trenins zeigt, dass Russland
ziemlich alleine ist an seinem Feiertag. Noch zum 60. Jahrestag des
Kriegsendes waren rund 40 Staatsgäste bei der Parade, darunter
US-Präsident George W. Bush und Kanzler Gerhard Schröder.

Der Feierlaune tut dies dennoch keinen Abbruch. Die Moderatoren des
Staatsfernsehens schwärmen verzückt, die Militärparade habe alle
Erwartungen übertroffen. «Ich kann meine Gefühle kaum beherrschen»,
schwärmt ein junger Moderator.

Stolz, Freude und Dankbarkeit für den Sieg über den Faschismus bewegt
die Menschen, die viele Stunden vor Paradenstart an der Twerskaja
Straße ausharren. Kinder und junge Männer klettern drei Stunden vor
Beginn auf Bäume, um einen Blick auf die Kriegstechnik zu erhaschen.

«Großartig» und «wunderschön», jauchzen Zuschauer, als Kampfjets fast
zum Greifen nah über die Dächer der Hauptstadt donnern. «Russland,
Russland», jubelt die Menge im Chor einer Flugzeugformation zu, die
am Himmel eine 70 zu Ehren des Jubiläums formt.

Außer den Flugzeugen können Tatjana Sawinkowa und ihre Freundinnen
nur wenig von der Waffenschau sehen. Hunderte Menschen stehen vor
ihnen, als die Panzer und Raketen mit knatternden Motoren und einer
dicken Abgaswolke vorbeirollen. «Im Fernsehen ist es besser zu
erkennen, aber hier spüren wir die Energie, hier kommen alle
Patrioten zusammen», sagt Sawinkowa.