Warschau (dpa) - Nicht Brüssel oder Berlin, sondern Tallinn: Mit
seiner ersten Auslandsreise als polnischer Präsident am kommenden
Sonntag beschreitet Andrzej Duda Neuland. Dass er nach Estland, in
den äußersten Osten der EU, in die kleine Baltenrepublik mit Grenze
zu Russland reist, hat in Warschau für Überraschung gesorgt.
Symbolträchtig ist schon der Reisetag: am 23. August 1939 wurde der
deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt unterzeichnet. In dessen
geheimen Zusatzprotokoll teilten Nazi-Deutschland und die Sowjetunion
die ostmitteleuropäische Region in Interessengebiete auf - faktisch
eine neue Teilung Polens nach dem deutschen Überfall auf Polen und
dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Ostpolen nur wenige Wochen
später.
Angesichts des Konflikts im Nachbarland Ukraine hat Duda von Tag eins
seines Amtsantritts stets wiederholt, dass er eine deutliche
Ausweitung der Nato-Präsenz in Polen und in der Region sehen will. In
Tallinn dürfte er mit solchen Forderungen offene Türen einrennen. Die
baltischen Staaten drängen ähnlich wie Polen seit Beginn der Kämpfe
in der Ukraine auf möglichst dauerhafte Nato-Truppen und betrachten
die Rolle Russlands in dem Konflikt mit Sorge. Es kann als sicher
gelten, dass Duda in Tallinn über regionale Sicherheit sprechen wird.
Die nächste Reise führt Duda am 28. August nach Deutschland - das
Land, in das die meisten polnischen Staats- und Regierungschefs ihre
erste Auslandsreise unternahmen. «Die Deutschen sind heute
strategischer Partner Polens», sagte Krzysztof Szczerski, der
außenpolitische Berater Dudas, bei der Vorstellung der Reisepläne.
«Wir erkennen ihre Rolle in Europa und der atlantischen Welt an.» In
Berlin trifft Duda nicht nur seinen deutschen Amtskollegen Joachim
Gauck, sondern den Planungen zufolge auch Bundeskanzlerin Angela
Merkel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier.
Die Bedeutung der Zusammenarbeit mit Deutschland wird also gleich zu
Beginn der Präsidentschaft demonstriert. Der polnische Außenminister
Grzegorz Schetyna wunderte sich allerdings öffentlich darüber, dass
der «wichtige, symbolische Besuch in Berlin» nicht durch eine Reise
nach Frankreich ergänzt wird. «Das ist immer wichtig. Das rundet das
Weimarer Dreieck ab», betonte er die Bedeutung der
deutsch-polnisch-französischen Zusammenarbeit für Europa.
Erstaunt reagierte auch Bronislaw Komorowski, Amtsvorgänger des
nationalkonservativen Duda. «Tallinn ist eine hübsche Stadt,
zweifellos wichtig unter dem Gesichtspunkt der Nachbarschaft mit den
baltischen Staaten, wichtig als Partner in EU und Nato», sagte er.
«Aber ich denke, dass es wichtig gewesen wäre, (das Reiseprogramm) um
einen entschieden europäischen Akzent zu vervollständigen.» Denn ein
Besuchstermin Dudas in Brüssel steht noch nicht fest. Andererseits
sah der liberal-konservative Vorgänger auch viel Kontinuität: «Eine
außenpolitische Revolution ist ausgeblieben», stellte er zufrieden
fest.
Mit der dritten Auslandsreise nach London nimmt Duda am 15. September
den schon lange feststehenden 75. Jahrestag der Schlacht um England
wahr, auch der Besuch der UN-Vollversammlung in New York Ende
November steht schon lange auf dem politischen Reisekalender.
Allerdings könnte Duda auch in London jenseits des historischen
Gedenktages neue Akzente setzen. Großbritannien ist schließlich seit
dem EU-Beitritt Polens zum Zentrum polnischer Auswanderer geworden -
und Duda hat bei Amtsantritt angekündigt, den Polen in der Emigration
Aufmerksamkeit schenken zu wollen.