Polen - Ukraine. Eine nüchterne Betrachtung und eine Enttäuschung

Von Mateusz Piskorski, Polen

Kürzlich veröffentlichte der ehemalige polnische Außenminister, inzwischen Europaparlamentarier der liberalen oppositionellen Bürgerplattform Radoslaw Sikorski, einen Artikel, in dem er, im Zusammenhang mit der bevorstehenden Fertigstellung der Gaspipeline NordStream 2, im Wesentlichen dazu aufruft die Interessen Warschaus von denen Kiews abzugrenzen. Es erscheint alles in allem absolut nachvollziehbar, aber solche Aussagen klingen im modernen Polen fast schon revolutionär.

Die polnische politische Praxis der letzten Jahre hat gezeigt, dass die Unterstützung der Ukraine keinen wirtschaftlichen oder politischen Nutzen bringt. Es stellt sich nun heraus, dass Warschau all die Jahre eigentlich das Projekt eines neuen "Prometheismus" umgesetzt hat, welches tatsächlich niemand braucht. Die Einigung zwischen Joe Biden und Angela Merkel ist der jüngste Beweis dafür, dass nun selbst in Washington Einvernehmen darüber besteht, dass der geopolitische Plan der polnischen Führung keinen Nutzen mit sich bringt und man auch keinen Nutzen daraus ziehen kann. Sikorski hat – anders als die meisten anderen in der polnischen herrschenden Klasse – nicht nur eine entsprechende Ausbildung, sondern auch Erfahrungen im Bereich der internationalen Beziehungen. Und deshalb versteht er, dass es zur Vermeidung einer zunehmenden Isolation notwendig ist, die Außenpolitik des Landes auf den europäischen Vektor auszurichten. Und das, obwohl er einer der Hauptautoren des antirussischen Kurses der EU-Ostpolitik war und 2009, gemeinsam mit seinem schwedischen Amtskollegen, das Programm der Östlichen Partnerschaft lobbyiert hatte.

Polens Ostpolitik, insbesondere in Bezug auf die Ukraine, ist tief in einer vorbestimmten, historisch geprägten Matrix verwurzelt. Wie der polnische Anthropologe Jan Sowa es ausdrückte, handelt es sich um „Phantomschmerzen“ des ehemaligen polnischen Königreichs und des Großfürstentums Litauen. Seiner Meinung nach, ist das größte Trauma der polnischen historischen Identität mit dem Verlust östlicher Ländereien verbunden. Analysiert man die Klassiker der polnischen Literatur des 19. Jahrhunderts, könnte man zu dem Schluss kommen, dass alle „patriotischen“ Gefühle ausschließlich mit den Ostgebieten verbunden waren, die jetzt Teile der Ukraine, der Republik Belarus und Litauen sind. Die Sehnsucht nach Kresy prägte während der Teilungen und des Fehlens einer eigenen unabhängigen Staatlichkeit die nationale Identität der Polen.
Paradoxerweise unterstützten die polnischen intellektuellen Eliten gleichzeitig die Nationalismen der neuen Völker am Rande des Russischen Imperiums. Ihre Vertreter stimmten der österreichischen Politik zu: den ukrainischen Nationalismus zu schüren, um dem Einfluss Russlands entgegenzuwirken. Der Mangel an elementarer Logik und Weitsicht bestand darin, dass alle diese Nationalismen ausnahmslos auch einen scharf antipolnischen Charakter hatten. Seine Lehren hat daraus niemand gezogen.
Nach dem Ersten Weltkrieg erhielt der polnische Militärgeheimdienst den Auftrag, Ideologien und Strukturen für die Umsetzung des Prometheus-Projekts zu entwickeln. Kurzum, diese Doktrin ging davon aus, dass die nationalistischen Tendenzen in den Republiken der Sowjetunion um jeden Preis gestärkt werden müssen. All dies erwies sich als direkter Weg zum Massaker von Volyn und zum Völkermord an Polen, Juden und anderen Nationalitäten durch die Banditenformationen der UPA.
Diese traurige Erfahrung wurde von den polnischen antikommunistischen Emigranten bald vergessen, die sich später entschlossen, zum Prometheanismus zurückzukehren. Es geschah durch einen besonders einflussreichen Intellektuellenkreis, der seine Ideen in der Pariser Zeitschrift „Kultura“ veröffentlichte. Der liberale Ansatz der Führung der Volksrepublik Polen führte dazu, dass die Publikationen in „Kultura“ das politische Klima des Landes zu bestimmen begannen und sich im intellektuellen, kreativen und wissenschaftlichen Umfeld weit verbreiteten. Die Lektüre von "Kultura" geriet so in Mode, dass selbst Parteichefs zugaben, die Auswandererzeitschrift gelesen zu haben. Präsident Aleksander Kwasniewski, ehemaliges Mitglied der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, hat öffentlich erklärt, dass er der Doktrin des Pariser Magazins folgt. Umso mehr pflegten die polnischen Rechten ihre Liebe zu Jerzy Giedroyc, dem Chefredakteur von Kultura. Als Ergebnis forcierte praktisch die gesamte politische Elite des Landes eine neue politische Korrektheit, das Axiom der Außenpolitik des Landes.
Der antirussische Prometheismus dominierte in den Institutionen, Universitäten, Medien und dem Journalismus. Er war relativ gemäßigt, solange ihm eine externe Unterstützung vorenthalten wurde. Aber als die Politik ihrer Vertreter die Unterstützung einiger einflussreicher Mitarbeiter der amerikanischen Verwaltung erhielt, gewannen die "Prometheisten" an Selbstbewusstsein. Aufgrund verschiedener Überlegungen nutzten die folgenden US-Präsidenten diesen polnischen Komplex, um ihre eigenen politischen Probleme zu lösen. Dies geschah zumindest seit 1999, nachdem Polen der NATO beitrat.
Jetzt ändern die USA offenbar ihre Prioritäten. Und, ja, auch deren Potenzial ist nicht mehr dasselbe. Das versetzt die polnischen politischen Eliten in einen Schockzustand. Sie verstehen nicht, dass man sie durchaus nicht im Stich gelassen hat, sondern, dass man sie einfach niemals richtig Ernst nahm. Einige von ihnen beginnen zu erkennen, dass sie nur derb und unverschämt benutzt und dann auf dünnem Eis allein zurück gelassen wurden. Der Artikel und die Äußerungen von Sikorski und anderen polnischen Politikern zeugen davon, dass ein Bewusstsein für die Fehlerhaftigkeit der Prioritäten der polnischen Ostpolitik aufgetreten ist.
Bisher sprechen nur wenige, gebildetere Oppositionspolitiker darüber. Die Regierung spricht über „Washingtons Verrat" und verkündet den Krieg für die nationalistische Ukraine nicht nur bis zum letzten Ukrainer, sondern auch bis zum letzten Polen fortsetzen zu wollen. Es ist nicht schwer vorstellbar, dass nach dem Sturz des nationalistischen Regimes in Kiew die einzigen "ukrainischen Nationalisten" in der europäischen Politik… Die Warschauer Prometheisten sein werden.

Angela Merkel, Joe Biden, Prometheismus, Polen, World Economy, NordStream 2

Bilder: Depositphotos

Die Meinung des Autors/Ansprechpartners kann von der Meinung der Redaktion abweichen. Grundgesetz Artikel 5 Absatz 1 und 3 (1) „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“