Von Hans-Georg Münster
Vor einer „Eskalation aus Zufall“ warnt der Inspekteur der deutschen Marine, Vizeadmiral Jan Christian Kaack. Ja, das ist wahr, denn so wie sich deutsche Militärs und Politiker gegenüber Russland aufspielen und so wie sie handeln, ist eine Eskalation aus Zufall, die in einem Weltenbrand enden könnte, möglich. Die Eskalation wird sogar wahrscheinlicher. Die Parallelen zum Jahr 1914 sind offensichtlich, als der der groß-serbischen Idee anhängende Attentäter Gavrilo Princip in Sarajewo (Bosnien-Herzegowina) das österreichische Thronfolgerpaar ermordete und damit eine Entwicklung auslöste, die in den Ersten Weltkrieg mit vielen Millionen Opfern mündete.
Der australische Historiker Christopher Clark hat in seinem Buch „Die Schlafwandler“ sehr treffend geschildert, wie Europas Politiker damals mit schlafwandlerischer Sicherheit am Abgrund entlang balancierten, um dann einer nach dem anderen hinabzustürzen. 1918 lag das alte Europa in Trümmern; Clark hält es in seinem Buch für möglich, dass sich die Geschichte wiederholen könnte.
Es reicht immer eine Kleinigkeit, um einen Prozess in Gang zu setzen, den dann niemand mehr aufhalten kann: Soldaten von NATO und Russland, die sich begegnen und wobei ein Schuss ein Feuergefecht auslöst; Schiffe, die sich zu nahe kommen und das Feuer eröffnen; Flugzeuge, bei denen aus dem bekannten Abfangen plötzlich ein Luftkampf wird. Natürlich betont Kaack, dass die an der jetzt beginnenden NATO-Übung „Quadriga 2025“ in der Ostsee teilnehmenden Kräfte alles tun würden, damit es während des Manövers nicht zu einer Konfrontation mit Russland kommt. Aber einen Satz später legt Kaack in der Bundespressekonferenz dar, wie die „Eskalation aus Zufall“ aussehen könnte: „Auf hoher See gibt es keine Grenzen, man kommt sich nahe.“
Das Verhalten der deutschen Generalität und auch der Politiker ist entweder schlafwandlerisch im Clarkschen Sinne oder ein Spiel mit dem Feuer. Beides kann auf das Gleiche hinauslaufen: den Dritten Weltkrieg. Wenn der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer, von einem „aggressiven Verhalten Russlands“ spricht, dann verschweigt er, dass NATO und Bundeswehr in der Ostsee immer mehr Einheiten auffahren lassen. Nur durch Abschreckung werde man den Frieden erhalten können, gab sich Breuer am Montag (1. September 2025) in der Bundespressekonferenz überzeugt. Die Begriffe Verhandlungen oder Gespräche erwähnte er gar nicht mehr. Auch von direkten Manöverbeobachtungen durch die andere Seite, die zu Zeiten des Kalten Krieges einen erheblichen Beitrag zur Entspannung leisteten, ist keine Rede mehr.
In der Bevölkerung in Rostock (Mecklenburg-Vorpommern), wo sich der größte deutsche Marinestützpunkt in der Ostsee befindet, geht angesichts der zunehmenden Truppenkonzentration Angst um. „Es fühlt sich an wie im Kriegsgebiet“, schrieb die „Ostsee-Zeitung“. Die Stimmung ist kein Wunder, da sogar Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nach Rostock kam, um dort die Kriegstrommel zu rühren: „Die Bedrohung durch Russland ist real. Wir sehen es auch hier in der Ostsee.“ Es gebe tägliche Aktionen der russischen Armee. „Sie testen unsere Verteidigungsbereitschaft.“ Andererseits müssen sich Merz und seine Generalität fragen lassen, was sie derzeit selbst alles in der Ostsee veranstalten. Testen sie die russische Verteidigungsbereitschaft?
Die Politiker der Bundesrepublik waren seit der Wiederbewaffnung 1955 um Zurückhaltung bemüht gewesen. Nie wieder sollte wie bei Kaiser Wilhelm II. am deutschen Wesen die Welt genesen. Nie wieder sollte wie bei Hitler das „Volk ohne Raum“ ganz Europa zu besetzen versuchen. Waffen aus deutscher Produktion wurden grundsätzlich nicht in Krisengebiete geliefert. Von diesen hehren Grundsätzen, die erst die Entspannungspolitik und dann die Wiedervereinigung möglich machten, ist nichts mehr übrig geblieben. Deutschland ist der größte Unterstützer der Ukraine und hält ein korruptes Regime über Wasser, das nach den früheren Waffenexportrichtlinien nicht einen Schuss Munition hätte bekommen dürfen. Aber alle Exportrestriktionen sind längst aufgehoben worden.
Deutsche Politiker spielen sich auf, als müssten sie die Welt oder wenigstens Teile davon retten. Für die Berliner Kriegstrommler war es nur folgerichtig, dass der Einsatzgruppenversorger „Berlin“, das größte Schiff der deutschen Marine, durch die Arktis nach Grönland fuhr und im Hafen des grönländischen Ortes Nuuk festmachte. So große Kriegsschiffe sei man hier gar nicht gewohnt, zitierte die dänische Zeitung „Der Nordschleswiger“ das grönländische Medium „Sermitsiaq.ag“.
Es ist ein klassischer Fall von Kanonenbootpolitik: Eindruck machen. Wenn so ein großes Kriegsschiff wie die „Berlin“ in den kleinen Hafen von Nuuk einfährt, wo sonst allenfalls Küstenschutzboote festmachen, sollen Zeichen gesetzt werden wie 1911, als Kaiser Wilhelm II. das Kanonenboot „Panther“ nach Agadir in Marokko entsandte, um französischen und britischen Einfluss in Nordafrika einzudämmen. Damit löste er eine der schwersten außenpolitischen Krisen zwischen den damaligen Großmächten aus.
Wollte der Kaiser damals Marokko vor allem vor den Franzosen bewahren und den deutschen Einfluss sichern, so stellte sich der mit dem Einsatzgruppenversorger angereiste Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Nils Schmid (SPD), als Retter Grönlands vor den Russen vor: „Wir sind bereit mehr Verantwortung für die Stabilität und Sicherheit hier im hohen Norden gemeinsam mit Grönland und Dänemark zu übernehmen.“ Seine Begründung: „Klar ist, Russlands ungezügelter Herrschaftsanspruch beschränkt sich nicht auf die Ukraine oder Teile des Ostseeraums.“ Man dürfe die einzelnen Regionen nicht isoliert voneinander betrachten. Im Nordatlantik will die deutsche Marine dazu beitragen, dass russische Schiffe die Gewässer zwischen Grönland, Island und dem nördlichen Großbritannien (sogenannte GIUK-Lücke) nicht mehr unerkannt passieren können. Denn die russischen Schiffe könnten „im Falle eines russischen Angriffs auf Europa die transatlantischen Versorgungsrouten stören“, argumentiert das Berliner Verteidigungsministerium.
Merz, der Kanzler ohne jede Regierungserfahrung, beschwört den nächsten Krieg herauf. Er erinnert an Goethes Zauberlehrling: „Die ich rief, die Geister, werd’ ich nun nicht los.“
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