Kurz vor Weihachten habe ich ein fürstliches Geschenk erhalten - ich wurde zu den „Gefter-Lesungen“ eingeladen. Michail Gefter war einer der rätselhaftesten Philosophen des vergangenen Jahrhunderts.
Dmytry Vydrin, Philosoph, Autor
Vielleicht war er sogar mehr als nur ein Philosoph. Es gibt Denker, die sich ihre Weltanschauungen nicht zurecht- oder ausgedacht haben, sie haben ihre intellektuellen Früchte durch persönliches Leid erringen und vor unvorstellbaren Bewährungsproben retten können. Er war Martin Heidegger in dieser Hinsicht sehr ähnlich. Sie gehörten zu einer, wie Gefter es nannte, „Ruinierten Generation“, deren Zeitgenossen, Gefährten und Freunde vom Krieg ruiniert worden sind. Darum sind ihre Gedanken so durchdringend - sie mussten nicht nur für sich, sondern auch für alle anderen mitdenken, die die Generation zu früh verlassen haben. Diese Art von Denkern verorte ich bei den zeitgenössischen Derwischen - Überphilosophen, die nicht nur lehrten, sondern noch eine glühende Mission verfolgten - zu warnen, zu retten. Zu Gefters machtvollsten Thesen gehörte der Gedanke, dass die Geschichte zu Ende gegangen ist, obwohl sie noch nicht vollendet wurde. Viele Jahre später brachte Fukuyama in seinem Buch „Das Ende der Geschichte“ ein ähnliches Konzept hervor und wurde sofort weltberühmt.
Ich habe ihn übrigens besucht in seinem winzigen Arbeitszimmer, kurz nach der Veröffentlichung des Buches. Es war ein Zimmer ohne Fenster, mit nur einem Tisch und einem Stuhl. „Wie konntest du sehen, dass die Geschichte zu Ende gegangen ist, wenn du nicht mal ein Fenster hast?“ - habe ich ihn gefragt. „Dmytry, wenn dein Zimmern kein einziges Fenster hat, dann bist du der letzte Mensch auf Erden und die Geschichte ist für dich zu Ende.“ Tatsächlich ist es so, dass er später, als er ein großes Arbeitszimmer mit riesigen verspiegelten Fenstern bezogen hatte, seine Ansichten überdacht hat. Berühmt blieb er trotzdem.
Gefter kam komplett ohne Arbeitszimmer aus, ohne Anstellung, ohne Zuschüsse, ohne Berühmtheit. Die Welt stand ihm komplett offen und er sah - die Geschichte geht zu Ende und man kann das nicht überdenken. Es liegt daran, dass Geschichte die Entdeckung der Außenwelt durch den Menschen bedeutet (die Entdeckung des Seins, würde Heidegger sagen). Und die Menschheit hat die Welt inzwischen komplett entdeckt, besiedelt, verdaut. Wahrscheinlich, hat es deshalb in den letzten Jahrzehnten auch keine bahnbrechenden Entdeckungen oder Erfindungen gegeben, die unser Sein fundamental beeinflußt hätten. Es ändern sich nur die Zahlen vom IPhone. Das ist traurig („trostlos“ nach Heidegger), aber unvermeidbar. Unvermeidbar, weil nicht der Mensch die Geschichte erschafft, sondern die Geschichte den Menschen formt (Gefter).
Nicht der Mensch seine Freiheit erkämpft, sondern die Freiheit Besitz vom Menschen ergreift (Heidegger). Der Gedankengang ist einfach, aber unheimlich tiefgründig. Ausgehend davon, müssten sich alle unsere Probleme bald in Luft auflösen, denn sie alle sind nur der ungeschickte Versuch die bereits tote Geschichte zu vergewaltigen. Die geopolitische Nekrophilie geht eindeutig auf ihr Ende zu. Selbst Trump habt schon eingesehen, dass gewaltsame „Regime changes“ gleichbedeutend mit der Vergewaltigung einer verblichenen Witwe sind. Zum einen, wozu die Anstrengung, zum anderen - null Befriedigung und, letztlich: ein Kind wird man eh nicht zeugen können, weil ja schon alles zu Ende ist. Sobald alle das verstanden haben, wird es in der Welt gleich viel ruhiger werden, die Kriege um die Umgestaltung der Welt werden aufhören, Flüchtlinge werden an ihren traditionellen Stätten Einheimische bleiben, es wird keine künstlichen Entmachtungen geben, nur den natürlichen Gang der Dinge…
Traurig oder gar trostlos sollte man sich deswegen aber nicht fühlen. Ja, die Geschichte ist in einer Sackgasse, aber gleichzeitig ist es der Beginn von etwas Neuem. Warum sprach Gefter vom Ende der Geschichte, aber nicht von ihrer Vollendung? Weil die Menschheit, nach dem sie endlich mit der Erkundung und Besiedlung der Außenwelt fertig geworden ist, die Zeit haben wird sich der eigenen Innenwelt zuzuwenden. Und das ist schon die Philosophie. Wir verabschieden die Geschichte und begrüßen die Philosophie! Dafür braucht man nur einen kühlen (denkenden) Kopf und ein heisses (mitfühlendes) Herz. Ich bin mir sicher, dass eine Reise in die Tiefen der Seele genau so interessant ist, wie die Erkundung der Außenwelt. Und übrigens auch billiger als jeglicher Transportdienst, sei es mit einem Mercedes oder einem Panzer. Es wäre bei den Festlichkeiten also angebracht, ein Glas auf die großen Derwisch zu erheben, die uns darauf aufmerksam machen wollen, dass alle Grüße und Wünsche zu den Feiertagen ein Modell der Neuen Welt sind, in der man das Wichtigste in seinem Innren suchen sollte und nicht in der Außenwelt.
Kurz gesagt: Schöne Feiertage!
Bilder: @depositphotos @WE
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