Nach glühender Hitze, zwei Tagen Flugreisen, langen Autofahrten, Bierchen mit Freunden, offiziellen Treffen, sehnt man sich nach starkem Kaffee, Steak mit Bratkartoffeln und einem edlen Wodka. Aber zuerst - in die Sauna!
Das Hotel ist recht bescheiden, aber alles gewünschte, inklusive eines kleinen Fitnessbereichs und einer Sauna, ist vorhanden. Ich schmeiss meine Sachen hin, ziehe mich bis auf die Unterhose aus und, während ich den Saunabereich betrete, überlege ich mir, wem ich wohl in der Gluthitze der kleinen Kabine begegnen werde. Davon wird abhängen, wie meine kurze, aber so sehr herbeigesehnte Erholung ausfallen wird.
Sitzt auf der Bank auf einem riesigen Handtuch ganz ruhig ein strenger Mann, der gleich freundlich grüßt - ein Deutscher, kein Zweifel. Er wird schweigend in der Hitze brutzeln, sorgfältig die beschlagene Brille putzen. Wenn er geht, können sie mit einem kleinen und wieder freundlichen Abschiedsgruß rechnen.
Ruht da ein Stiernacken mit kleinem Bäuchlein - würdigt er sie keines Blickes, verliert kein Wort und legt sich ohne die Badeschlappen auszuziehen auf die oberste Bank - ein Russe, Pole oder Ukrainer. Alle Paar Minuten spannt er seinen Bizeps an, streichelt ihn hingebungsvoll mit der anderen Hand, küsst ihn und flüstert ihm liebevolle Kosewörter zu.
Hat man richtig großes Glück, sitzen in der Kabine zwei Blondinen, die sich nicht mal im Wasser von ihren Smartphones trennen, ohne Pausen und Satzzeichen tratschen und ihrem intellektuellem Gespräch gelegentlich das eine oder andere Schimpfwort beimengen. Blondinen mit Smartphones haben keine Nationalität.
Mein heutiges Glück war von etwas anderer Couleur, im Whirlpool saß ein dicker Mann mit dem Äußeren eines kahlen Gorillas, mit einer „Alles nach Vorne“ - Frisur und dickem Klunker am Mittelfinger. Der Gorilla verteilte den Inhalt einer Tube Shampoo im Wasser und murmelte beim Planschen ein Popliedchen vor sich hin. Das Shampoo hat er vermutlich bei einem Onlinehandel für Automobilpflege erstanden, der Schaum bedeckte nicht nur die Wasseroberfläche des Whirlpools, sondern bewegte sich in seichten Wellen langsam in Richtung Ausgang. King Kong zu maßregeln, wäre vergebliche Liebesmüh, also sprang ich einfach schnell an ihm vorbei in die Kabine. Es wurde warm, hinter der Wand grunzte das zufriedene und harmlose Monster und ich stellte mich auf Entspannung ein. In dem Moment ging die Tür auf und auf die obere Bank fiel ein Schatten. Bei genauem Hinschauen entpuppte sich der Schatten als das lebende Beispiel einer Anorexie-Patientin unbestimmten Alters. Der Schatten hüllte sich in ein Handtuch, die Hände und Füße erschienen im Vergleich zu den schmächtigen Ärmchen und Beinchen riesig. Im Gesicht konnte man lediglich aufgeklebte Wimpern erkennen. Es war unfassbar still, die Wimpern bewegten sich nicht, aber ich konnte sehen, dass sie noch lebt.
Hinter der Wand waren plötzlich Geräusche zu hören, als würde die Brandung an einem Berghang zerschellen - der Gorilla begann sich den Rücken einzuseifen. Die Wimpern kamen in Bewegung und der Schatten fragte mit dünner Stimme: „Was ist das, ein Hamam?“. Ich war so überrascht von dem unerwarteten Geräusch, das irgendwo aus dem Bereich zwischen den Wimpern und dem Handtuch kam, dass ich nur ein erstauntes: „Aha!“ heraus bringen konnte. Die Kabinentür ging wieder auf und ein junger Athlet mit gebrochener Nase, Boxershorts und rasierter Brust kam herein. „Hallo“ - er verbeugte sich höflich vor dem Schatten, nickte meinem Bereich zu und setzte sich vorsichtig auf die untere Bank. Er schwieg eine Weile, dann fragte er: „Wird in den Whirlpool neuerdings Shampoo eingefüllt?“. Beim Wort „eingefüllt“ musste ich wieder an ein Geschäft für Autoliebhaber denken. Der Schatten, in Vorahnung eines intellektuellen Gesprächs von Saunakennern, setzte sich schnell auf, trat dabei mit einem Fuß auf das Handtuch des Boxers. „Ich sag’s ihnen - das ist ein Hamam“ - klimperten die Wimpern. Der Boxer schwieg, versuchte aber sein Handtuch zurück zu ziehen. Der Schatten schloss die Wimpern wieder und legte sich auf die Bank, ohne den Fuß vom eroberten Handtuchterritorium zu nehmen.
Es wurde langweilig, die Luft wurde heiß, die Sanduhr hörte auf zu ticken.
In diesem Moment war der Gorilla mit den Wasserprozeduren fertig und stieg aus dem Wasser. Da sah ich, dass er keine Badehose trug und dachte plötzlich, dass seine Frisur gar nicht so lächerlich gewesen ist.
Ich sah an mir runter. Überlegte, wie unvollkommen die Welt doch ist.
Und machte mich, eigentlich recht gut erholt und mit dem Leben zufrieden, auf den Weg in die Duschen.
WE/AS
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