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«Nur ein Revolutiönchen» - Fleischkonsum trotz Veggie-Trends konstant Von Amelie Richter, dpa

Hannover (dpa) - Frikadellen, Bratwurst und Schnitzel ohne
Blutvergießen - fleischlose Ersatzprodukte auf Soja-, Weizen- oder
Lupinenbasis sind präsent wie nie zuvor. Selbst bekannte
Wursthersteller stocken ihr Produktportfolio mit Fleischersatz auf.

Die deutsche Fleischindustrie lässt das kalt - der Verbrauch an Wurst
und Fleisch ist laut dem Bundesverband der Deutschen
Fleischwarenindustrie (BVDF) in den vergangenen drei Jahren konstant
geblieben. Der Deutsche Fleischer-Verband sieht die bewusste
Auseinandersetzung mit dem Thema Ernährung positiv. Sie bringe den
Fleischern neue Kundschaft an die Wursttheken.

Seit gut einem halben Jahr bietet der niedersächsische
Wursthersteller Rügenwalder Mühle vegetarische Wurst, Frikadellen und
Schnitzel an. Mit der Idee hatte das Unternehmen auch den eigenen
Kundenbeirat überrascht: «Wir waren überwältigt, dass uns ein
Wursthersteller mit vegetarischen Produkten konfrontiert», sagt
Carsten Heusig, der Rügenwalder Mühle aus Kundensicht berät.
Natürlich habe es vorab viel Kritik gegeben. Die Verkostung habe den
Beirat dann aber überzeugt. «Wir entscheiden aus dem Bauch heraus, ob
das ein Kunde im Kühlschrank haben möchte», sagt Heusig. Ein
wirtschaftliches Interesse habe der Beirat dabei nicht.

Die Produktionskosten der vegetarischen Wurst seien «eins zu eins mit
der Wurst aus Fleisch», sagt der Entwicklungs- und Marketingchef von
Rügenwalder, Godo Röben. Auch im Supermarkt kosten die Packungen
gleich viel - jeweils 1,29 Euro. Die Herstellungskosten hätten das
Unternehmen damals selbst überrascht. Man habe mit einer günstigeren
Produktion gerechnet, sagt Röben. Eier aus Freilandhaltung, Rapsöl
und gentechnikfreies Soja kämen aber nicht günstiger als Fleisch für
das herkömmliche Produkt.

Das vegetarische Konzept kam in den deutschen Läden gut an: «Wir
hatten uns ursprünglich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2020 rund ein
Drittel unseres Umsatzes mit fleischfreien Artikeln zu erzielen»,
sagt Röben. «Wenn es so gut weiterläuft wie bisher, werden wir dieses
Ziel jedoch viel früher erreichen.» Bereits im kommenden Herbst
sollen die vegetarische Produkte 30 Prozent der Wochentonnage
ausmachen. Damit wolle Rügenwalder Mühle den Wurstmarkt
«revolutionieren». 

Der Geschäftsführer des BVDF, Thomas Vogelsang, sieht das nicht als
Kampfansage: «Es ist eher ein Revolutiönchen.» Der Marktanteil der
fleischlosen Produkte sei noch sehr klein. Zwar werde die
vegetarische Ernährung in den Medien sehr verbreitet. «Die
Einkaufsrealität ist aber eine andere», sagt Vogelsang.

«Die Fleischersatz-Branche ist eine sehr kleine Nische», sagt
Vogelsang. Dass sich gerade traditionelle Wursthersteller dafür
interessieren, überrascht ihn aber nicht: «Das Knowhow und die
Anlagen dafür sind da. Es ist also naheliegend.»

«Es gibt sicher einen Markt dafür», sagt Gero Jentzsch, Sprecher des
Deutschen Fleischer-Verbands, der bundesweit rund 14 000 Betriebe
vertritt. Auch im Handwerk sei das Thema Fleischverzicht angekommen -
vor allem im Bereich Catering und Partyservice müssten die Fleischer
umstellen. «Es gibt kein Buffet mehr ohne vegetarische Angebote»,
sagt Jentzsch. Im Verkauf sei das Fleischerhandwerk noch in einer
Experimentierphase. Er könne sich aber auch von Hand hergestellte
vegetarische und vegane Produkte in den Theken vorstellen. «Warum
sollte eine Tofu-Wurst nicht handgemacht werden?»

Gerade die sogenannten Flexitarier seien für das Fleischerhandwerk
eine neue Kundengruppe. Sie setzen sich bewusst mit dem Fleischkonsum
auseinander, wollen aber nicht auf ein Steak oder Grillwurst
verzichten. «Sie gehen häufiger ins Fleischfachgeschäft und nicht zum
Discounter», sagt Jentzsch.

 

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ILLUSTRATION - Ein Blatt mit der Aufschrift "Wie & was essen wir 2030?" liegt am 16.04.2015 am Rande einer Pressekonferenz des NestlÈ Zukunftsforums in Frankfurt am Main (Hessen) auf einem Porzellanteller. Die Ernährung und die Essgewohnheiten der Menschen in Deutschland werden sich einer Studie zufolge in den nächsten 15 Jahren deutlich wandeln. Das Nestle Zukunftsforum hat wahrscheinliche Szenarien erarbeitet und Verbraucher dazu befragt. Foto: Arne Dedert/dpa