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Notizen am Seitenrand - Kontrovers und Wahr

Von Roland R. Ropers

Roland R. Ropers, Begründer der ETYMOSOPHIE, der Sprachdeutung als Tor zur Weisheit, beschreibt in Randnotizen, persönlich und offenherzig, Persönlichkeiten, die eine wichtige Spur in der deutschen Geschichte hinterlassen haben. Der Philosoph beschreibt Menschen, die er kannte, Verflechtungen zwischen der eigenen Familiengeschichte und der Geschichte des Landes. Auch, wenn seine Bewertungen gelegentlich nicht so ausfallen, wie in unserer politisch korrekten Gesellschaft üblich, bleibt er dabei immer aufrichtig. 

General Erich Ludendorff

„Wehe dem Volke, dem Geschichte so vorgetragen wird, dass sie zur Verdummung führt.“ Das obige Zitat stammt von General Erich Ludendorff, der zusammen mit Adolf Hitler am 9. November 1923 im Münchner Bürgerbräukeller den Marsch auf die Feldherrnhalle beschlossen hatte, um die Regierungsmacht zu stürzen. Man spricht vom Hitler-Ludendorff-Putsch. Adolf Hitler musste ins Gefängnis und wurde leider vorzeitig aus der Festungshaft Landsberg, wo er sein Buch „Mein Kampf“ schrieb, entlassen.

Zehn Tage nach dem Putsch in München erschien im TIME-Magazine, New York eine Titelgeschichte mit einem Bild des grimmig blickenden Generals, dessen Name irrtümlicher-weise mit einem „von“ versehen war. 

Erich Ludendorff zog im Jahr 1926 nach Tutzing an den Starnberger See, wo er in zweiter Ehe die Ärztin Mathilde von Kemnitz heiratete. In demselben Jahr 1926 zog unser Großvater mütterlicherseits, ein berühmter Seeoffizier der Deutschen Kriegsmarine im 1. Weltkrieg, Spanischen Bürgerkrieg und 2. Weltkrieg von Stade/Elbe ebenfalls nach Tutzing und heiratete im Jahr 1926 im Alter von 39 Jahren in zweiter Ehe die Tochter von Mathilde von Kemnitz. Aus dieser Ehe stammte ein Sohn, der sehr bekannt gewordene Chemiker und Schriftsteller Walter Richartz (1927 – 1980).

Erich Ludendorff fühlte sich in Tutzing sehr wohl; die unweit des Starnberger Sees gelegene Villa des „völkischen Generals“ ist ein Traum. Am 10. Dezember 1937 starb Ludendorff, er ist in Tutzing begraben, Ehrenbürger wurde er nicht, aber der Gemeinderat hatte im Jahr 1961 eine Straße nach Ludendorff benennen wollen.

Die Politische Akademie Tutzing, nur wenige Hundert Meter von der Ludendorff-Villa entfernt, protestierte erfolgreich. Das Grab Erich Ludendorffs steht unter Denkmalschutz. Im Arbeitszimmer der Villa mit Kamin steht noch Erich Friedrich Wilhelm Ludendorffs Schreibtisch, ein Jahrhundertwende-Möbel. Daneben, auf einer Konsole, ein Abguss seiner Sterbemaske, ein Gästebuch und ein alter Globus, vermutlich aus den 1930-er Jahren. Eines der vielen Bildnisse zeigt den General mit seiner Frau Mathilde. Das Landesamt hat das Anwesen inzwischen nachträglich in seine Liste aufgenommen. 

Damit steht nun ein Haus unter Denkmalschutz, das dem Verein Ludendorff Gedenkstätte gehört, als eine Art Schrein für einen Steigbügelhalter Hitlers dient und außerdem Sitz einer rechtsextremen Glaubensgemeinschaft ist: des Bundes für Gotterkenntnis (Ludendorff) e.V. 

Er steht nach wie vor unter Beobachtung des Verfassungsschutzes und wird als "rechtsextrem, antidemokratisch und antipluralistisch" eingestuft.

Aus Sicht des Denkmalschützers Dr. Burkhard Körner ist es allerdings "primär uninteressant, was in diesem Gebäude geschieht", wie er sagt. "Die Nutzung können wir nicht berücksichtigen, selbst wenn wir sie als komisch empfänden. Wir müssen nur schauen, welche Bedeutung gibt es dort?" Und am Rang der Tutzinger Villa sei nicht zu rütteln: "Man kann zu Ludendorff stehen, wie man mag, vielleicht wird er auch manchmal zu negativ betrachtet. Aber er ist eine wichtige historische Persönlichkeit, fast gleichzusetzen mit Hindenburg."

Die Ludendorff-Eiche, die 1935 zum 70. Geburtstag des einstigen Reichstags-abgeordneten der Deutschvölkischen Freiheitspartei gepflanzt worden war, steht noch immer in dem weitläufigen Gartengelände der 1922 gebauten Villa, in der zuletzt sehr lange Zeit die Haushälterin von Mathilde Ludendorff gewohnt hatte. 

Notiz am Seitenrand: Ich selbst habe mich längst von dieser Familiengeschichte distanziert, die in unserer Kindheit ein Dauerthema war. In der Villa meines Urgroßvaters, Lederfabrikant Leonhard Richarz, bin ich in Stade an der Elbe am 11. Juli 1945 zur Welt gekommen. Mein Großvater, Fregattenkapitän Karl Richarz, sein ältester Sohn, wohnte mit uns damals unter einem Dach. Ich vergesse nie das recht große Ölgemälde des Preußenkönigs Friedrich des Großen und ein bedrohlich wirkendes Foto von Generalfeldmarschall Erich Ludendorff, Schwiegervater unseres Großvaters. Bereits in frühester Kindheit - Konfrontation mit abenteuerlichen und oft verherrlichten Kriegsgeschichten, die meiner Seele geschadet haben. Ich bin der älteste von fünf Brüdern, mein nächst jüngerer Bruder war Vize-Admiral, zuletzt in höchsten Funktionen bei der NATO in Brüssel.

Pianistin Elly Ney

Die berühmte deutsche Pianistin Elly Ney (1882 – 1968), der man erst post mortem ihre Hitler-Begeisterung vorgeworfen hatte, lebte seit 1937 bis zu ihrem Tod mehr als 30 Jahre in Tutzing. Anfang der 1950-er Jahre wurde sie zur Ehrenbürgerin ernannt; die Ehrenbürgerschaft wurde aufgrund historischer Recherchen im Jahr 2008 von der Gemeinde mit Unterstützung des Münchner Musikkritikers Professor Dr. Joachim Kaiser in Frage gestellt. Eine absurde Kampagne. Die Stadt Bonn hatte zu keiner Zeit die Ehrenbürgerschaft Elly Neys in Frage gestellt. Die Orte rund um den Starnberger See, wo König Ludwig II. entweder ermordet oder sich selbst umgebracht hat (der Streit der Experten hält bis heute an), können von zahlreichen Schicksalen berichten.

Notiz am Seitenrand:Ich hatte mich im Januar 2009 auf die Seite von Elly Ney gestellt, die ich noch im Konzertsaal erlebt hatte. Nach heftigen Diskussionen hatte man sich durchgerungen, Elly Ney die Ehrenbürgerschaft nicht abzuerkennen, jedoch musste bei ihrem Denkmal am Tutzinger Brahmsufer eine Hinweistafel angebracht werden: „…Elly Ney war jedoch auch bekennende Anhängerin des Nationalsozialismus, überzeugte Antisemitin und genoss die Förderung durch die Nationalsozialisten. Der Gemeinderat hat sich im Februar 2009 von ihren antisemitischen Äußerungen sowie ihrer national-sozialistischen Gesinnung distanziert und jede Form des Antisemitismus, Rassismus und der Menschenfeindlichkeit verurteilt…“