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Moldawien: Teddybär gegen Barbie

Ich habe mit Leichtigkeit den Ausgang der Präsidentschaftswahlen in Moldawien vorhersagen können. Nein, mit der Soziologie habe ich mich nicht auseinander gesetzt, auch nicht die Wahlprogramme analysiert, ebenso wenig wie die geopolitischen Faktoren. Ich sah mir einfach die Bilder der Hauptkandidaten an, da wurde mir alles klar.

Dmitriy Vydrin, Philosoph, Schriftsteller, Politologe.

Ich hatte schon im Vorfeld eine ähnliche Erfahrung gemacht. Meine Ehemalige Sekretärin Natascha - gleichzeitig die „Miss Ukraine“ - entschied sich eine Abgeordnete des Parlaments zu werden. Sie war das Werbegesicht für Slipeinlagen, die Zuschauer - sprich die Wähler - kannten ihr Gesicht bereits aus dem TV. Wiese also nicht versuchen. „Wer wird denn seine Stimme nicht einer solchen Schönheit geben wollen?“ - fragte sie oft, während sie sich in ihrem Swarovski-Spiegel begutachtete. Sie ging als Kandidatin der Mehrheitspartei in einem Bergarbeitergebiet ins Rennen und fügte meistens noch hinzu: „Alle Bergarbeiterlein werden die meinen sein.“ 

Ähm, Baby, - versuchte  ich ihr vorsichtig ins Gewissen zu reden, - die Bergarbeiterlein haben alle Ehefrauen, die werden auch wählen gehen. So ist es damals auch gelaufen. 

Auch zur Präsidentenwahl sind die moldawischen Frauen gekommen. Und sie waren zahlenmäßig den Männern sogar überlegen (über 53%, wenn ich mich nicht irre). Und da standen sie nun in den Wahllokalen - mollig, ohne Metallkeramik, in abgetragenen chinesischen Jacken und schauten sich Fotos der Hauptkandidaten an. Auf dem einen Bild sahen sie Onkel Dodon, ebenfalls mollig und kahlköpfig, der entweder dem ehemaligen Direktor der Gemüsefabrik (bevor sie geschlossen wurde) ähnlich sah oder dem Vorsteher der Weintrauben-Kolchose (bevor sie aufgelöst wurde). Auf dem anderen Bild - die Nymphette Maja, die Angelina Jolie vor allen ihren Tunings ähnlich sah und dabei jünger wirkte, als die Töchter ihrer gleichaltrigen Landsfrauen. „So gute Schönheits-OP’s, Fettabsaugungen und Zahnchirurgie wird man wohl in der Kennedy Managementschule der Harvard-Uni machen“ - dachten die Tanten bitter. Obwohl, nein, das war eher, was ich mir gedacht habe. Jedenfalls, ist ja wohl klar, wem die Moldauerinnen ihre Stimmen gaben.

Ich will es nicht zu sehr vereinfachen, obwohl man es auch nicht künstlich verkomplizieren sollte. In Moldawien ist man gleichermaßen der ideologischen Wahlen überdrüssig - links gegen liberal - und auch der geopolitischen - Pro-West gegen Pro-Russland. Also wählte man das erste mal existentiell - echt gegen künstlich. Ich gehe davon aus, dass das nur der Anfang ist, das erste Symptom für den Postsowjetischen Raum. Das moldawische Weib - fühlt mit dem Herzen, daher hat es als erstes diese kommende Tendenz enttarnt, gefühlt. 

Die Größe der Westlichen Konsumgesellschaft liegt darin, das sie - im Vergleich zu den Sowjets - wenn schon nicht alle mit den ersehnten Gütern befriedigen konnte, dann doch sehr viele. Das Problem ist, es gibt nicht genug echte Güter für alle. Deswegen kriegen die einen echte Brillanten, die anderen - Glas; die einen Öko - die anderen Chemie. Die einen Macht, die anderen - Demokratie; die einen Angelina Jolie, die anderen - eine Barbie… Das Wahlergebnis in Moldawien ist nicht das Resultat des Neides von ungepflegten, von ihrem Kampf ums Überleben und gegen die Armut verbitterten Frauen, die irgendwann mal mittleren Alters gewesen sind, gegenüber der provozierend erfolgreichen, gepflegten Lady. Das Ist ein „Weiber-Streik“ von Menschen, die der Künstlichkeit müde geworden sind: müde der falschen Versprechungen, müde der synthetischen Kleidung, der falschen Hoffnung, der Simulakren in der Politik und der Simulanten im Bett. Sie wollen alle etwas Echtes. Vielleicht nicht ganz so hübsch, aber dafür greifbar, klar und verständlich. Igor Dodon kommt aus einer Welt, die viele in Moldawien für existentiell echt halten. Er sieht aus, wie eine Kartoffel ohne Nitrate und ist verständlich, wie der Nachbar hinter dem Zaun. Er trägt den Namen von irgendwelchen antiken Fürsten. Während Maja Sandu - aus einer Welt des Films und der Glanzmagazine kommt, aus erdachten Lebensgeschichten und künstlichen Leidenschaften. Sie ist eine Barbie, umringt von Kens und Angelas und nicht von normalen, lebendigen Menschen. Ihr echtes, in die Jahre gekommenes Bild findet sich im Fundus der Kennedy Schule und nicht in Omas „Villa“. 

Es scheint, als käme die Epoche der Renaissance der Echtheit auf uns zu. Moldawien ist erst der Anfang. Als nächstes ist Transnistrien an der Reihe. Dort entfaltet sich bei den nächsten Wahlen bereits die Schlacht um  existenzielle Werte, was übrigens für das Verhältnis mit dem Moldawien des Onkel Dodon ausschlaggebend sein wird. Das Echte beginnt die Simulakren zu verdrängen. Es wird gesucht nach Frauen ohne Silikon, nach Männern ohne rosa Bentley und nach Politkern ohne Genmodifizierung.

Wer hätte gedacht, dass das alles in Moldawien seinen Anfang nimmt!

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