Olga Granlöf, Foto: Olle Bjorneholm

Migranten, Flüchtlinge und andere Schweden

Olga Granlöf, Uppsala, Schweden, Feministin, Soziologin, Expertin für Migrationspolitik und den sozialen Staat, Mitglied der Partei „Center“

In Europa nimmt Schweden bei der Zahl der politischen Flüchtlinge auf Tausend Einwohner den ersten Platz ein. Deutschland, zum Beispiel, liegt in diesem Ranking weit hinten - auf dem siebenten Platz. Als Flüchtling hat man es überall schwer. Zuhause - vergessen, in der neuen Heimat - gibt es neue Probleme. Wird das „Festland“ erreicht - beginnt schon ein neuer Kampf. Selbst diejenigen, die keine Flüchtlinge sind, sondern „Glück“ hatten, weil sie einen Einheimischen geheiratet haben, sehen sich Schwierigkeiten gegenüber. Man muss fremde und strenge Behörden aufsuchen, Formulare ausfüllen, eine Wohnung finden, Stütze beantragen, Kinder zur Schule schicken. Und das alles in einer fremden Sprache, in der man höchstens zehn Wörter spricht. Wenden sie sich auf der Suche nach Hilfe an die Diaspora, erwartet sie oftmals nicht viel Gutes.

Wenig ist immer zuviel

Mitte der 80-er Jahre konnte man Flüchtlinge, vor allem aus Osteuropa, an den Fingern abzählen. Einige Nachkommen aus Familien der „Weissen Garde“ - postrevolutionäre Immigranten, Musiker, Dichter und das war’s. Die Situation änderte sich Ende der 90-er, als viele Mädchen aus dem „Post-Sowjetikum“ nach Schweden kamen und hier heirateten. Es sind nicht wenige gewesen.

Heute leben im nördlichen Königreich nach einigen Umfragen etwa 25 000 Russischsprachige. Sogar von einer viertel Million wird unter Schweden gemunkelt und das wären fast drei Prozent der schwedischen Gesamtbevölkerung.

Wenn aber eine Sprachgruppe in einer ethnisch recht homogenen Gesellschaft eine bestimmte Größe erreicht, entsteht der gesellschaftliche Wunsch nach Konsolidierung. Es kommt der Drang sich zu vereinen, um die eigenen ethno-kulturellen Traditionen zu wahren. Die eigene Sprache sprechen, die eigenen Lieder singen und die eigenen Feiertage feiern. Die russischen Muttersprachler waren da keine Ausnahme. 

30 Euro pro Kopf

Schweden ist ein Land, in dem gemeinnützige Vereine aktiv an den verschiedenen Leveln des staatlichen Lebens mitarbeiten. Das wirkt sich positiv auf die Gesellschaft und den Staat aus und unterstützt die demokratischen Prinzipien, die Schweden ausmachen. Und, natürlich, der Staat zahlt dafür. Die Berechnung findet pro Kopf statt. In Schweden sind es etwa 30 Euro im Jahr für jedes Mitglied eines Migrantenvereins oder Gemeinde. Es hört sich nicht nach viel an, aber, umgerechnet auf die ganze osteuropäische Diaspora, gibt der Staat jährlich stolze fünf Millionen Euro aus!   

Die Vorstände berichten Jährlich über die Verwendung der vom Staat zur Verfügung gestellten Mittel. Dieser Bericht ist jedoch, zum Beispiel, im Verband der Russischen Vereine, ein selbst für Mitgliederorganisationen verschlossenes Dokument und es ist unmöglich heraus zu finden wofür die staatlichen Gelder verwendet wurden. 

Ein anderes Problem, bekannt schon seit der Zeit von Nikolai Gogol, sind die „toten Seelen“, die physisch nicht existieren, aber bei den Ausgaben mit einkalkuliert werden. Wenn neugierige Mitglieder Fragen stellen - wie viel, für wen und wofür das Geld ausgegeben wurde - werden sie schlicht aus dem Verband ausgeschlossen. So bekam, beispielsweise, der Verein „8.März“ aus der Stadt Uppsala, eine staatliche Finanzierung für das Projekt „Die Braut“. Das Projekt ist eine Fotoausstellung, in der ausländische, überwiegend in Schweden lebende russischsprachige Frauen abgebildet sind. Der Staat überwies 150000 Kronen auf das Konto des Verbandes Russischer Vereine und das Projekt wurde erfolgreich in zahlreichen schwedischen Städten präsentiert. Die Leiter des Projekts üben jedoch harsche Kritik am Vorstand des Verbands, der zwar nichts für das Projekt getan, aber sich „für den entstandenen organisatorischen Aufwand“ 20000 Kronen abgezapft hatte. 

Unblutige Revolution 

Solche Situationen bringen nicht nur die Migranten auseinander, sondern lassen auch bei der  schwedischen Gesellschaft ein Bild vom korrupten Migranten entstehen. Schweden ist keine Ausnahme - nur ein Beispiel. Es sieht aus, als würden die energischen „Vorstände“ in ganz Europa, die sich der hehren Mission verschrieben haben Migranten zu einen, de-facto nur die eigenen Taschen füllen. „Professionelle Landsleute“ sprechen im Namen der Migranten - Lehrer, Feministen, Amateursportler - dabei sind sie keine „Volksvertreter“. Niemand hat sie gewählt. 

Kein Wunder, dass, laut Eurobarometer, fast 20 % der Schweden ihren Unmut über den massenhaften Zustrom an Migranten ausdrücken. 

Diese Situation haben viele Migranten selbst erkannt und die erste unblutige Revolution in der Diaspora in Schweden hat bereits begonnen. Mehrere Vereine haben sich gegen das „Zentrum“ (Verband) zusammen geschlossen. Die Zeit wird zeigen, ob der „Aufstand“ mit der Zerstörung der bürokratischen Maschinerie enden wird. 

Ob auf deren Ruinen nicht eine andere „Leitung“ aufgebaut wird, die dann von sich behauptet, dass genau sie die Interessen aller Migranten vertritt, bleibt abzuwarten.  

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