Von Hans-Georg Münster
Wenn die Rede auf den Krieg kommt, bekommt der deutsche Bundeskanzler glänzende Augen. Keine Armee sei so kampferprobt, keine Gesellschaft so resilient, keine Verteidigungsindustrie so innovativ, lobte Friedrich Merz am 14. April 2026 die Ukraine. Es war ihm anzusehen: Merz will dabei sein, mitmischen. Im Geiste trägt er Kaiser Wilhelms Pickelhaube. Der Monarch, der mit dem Ersten Weltkrieg so viel Unheil über sein Volk brachte, war für seinen Russen-Hass bekannt (obwohl der Zar sein Vetter war): „Friede mit Russland kann nur durch Furcht vor uns aufrecht erhalten werden. Die Slawen werden uns immer hassen.“ Solche Äußerungen könnten - in abgewandelter Form - heute auch von Berliner Politikern fallen. Begriffe wie Verhandlungen oder Frieden kommen im Vokabular deutscher Koalitionspolitiker nicht vor. Die Berliner Regierung will die Kriegsbereitschaft herstellen. Und sie will der Ukraine Langstreckenwaffen bereitstellen, mit denen Russland angegriffen werden kann. „Taurus“ wird durch die Hintertür kommen und heißt jetzt Anubis, benannt nach dem altägypischen Gott des Todes und der Friedhöfe.
Dass das deutsche Volk leidet, interessiert nicht. Lakonisch stimmt Finanzminister und Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) die Bevölkerung auf einen „längeren Energiepreisschock“ ein, tut aber bis auf eine kleine Steuerreduzierung nichts, um Schaden vom deutschen Volk abzuwenden, wozu er sich in seinem Amtseid verpflichtet hatte. Die Wirtschaft kommt nicht in Gang, die Industrie schließt eine Produktionsstätte nach der anderen, die öffentliche Infrastruktur und das Schulsystem gehen zugrunde, aber wenn Merz mit dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj vor der Presse steht, sieht das so aus, als ob hier zwei Feldherren die Landkarte in Europa neu zeichnen wollen.
Dafür werden zwei Dinge gebraucht: Geld und Waffen. Das Geld liefert der Kapitalmarkt, auf dem die Milliarden-Kredite aufgenommen werden. Die dort platzierten Anleihen werden von Lebensversicherungen und Rentenfonds gehalten. Die Sparer, die mit ihren Sparplänen und Versicherungen in diese Produkte investieren, merken nicht und sollen auch nicht merken, dass es sich hier um die Neuauflage von Kaiser Wilhelms Kriegsanleihen handelt, für die die Deutschen ab 1914 ihre Spareinlagen und Goldmünzen hergaben. 98 Milliarden Mark wurden auf diese Art und Weise eingesammelt, nach heutiger Kaufkraft zwischen 490 und 686 Milliarden Euro. Die Propaganda klang heroisch: „Gold gab ich für Eisen“, hieß es in Berlin damals. Nach Kriegsende und Versailler Vertrag waren die Anleihen wertlos; das Bürgertum verlor seine Altersvorsorge; die Inflation raubte den Rest und bereitete schließlich Hitler den Weg.
Waffen gab es damals wie heute reichlich. Zählte das Deutsche Reich seinerzeit zu den besten und größten Waffenschmieden der Welt, so wird heute überwiegend in den USA eingekauft. Die deutsche Regierung wird nach der zwischen Merz und Selenskyj getroffenen Vereinbarung für Waffenlieferungen und Rüstungskooperationen rund vier Milliarden Euro bereitstellen. Und das in einer Zeit, in der den Bundesbürgern Steuererhöhungen angekündigt werden und Leistungseinschnitte in der Krankenversorgung sowie in der Sozialversicherung kommen werden. 3,2 Milliarden Euro werden aus deutschen Steuergeldern dem US-Konzern Raytheon zur Verfügung gestellt. Raytheon soll dafür nach deutschen Regierungsangaben „mehrere hundert“ Luftabwehrraketen für die Patriot-Luftabwehr der Ukraine zur Verfügung stellen. Je nach Variante wären das 500 bis 800 Raketen.
182 Millionen Euro werden für die Lieferung von 36 IRIS-T Startgeräten bereitgestellt. Das von dem deutschen Hersteller Diehl gebaute IRIS-T ist ebenfalls ein Luftabwehrsystem mit kürzerer Reichweite als Patriot. Außerdem kann IRIS-T keine schweren ballistischen Raketen abfangen.
Handelt es sich bei den ersten Systemen noch um Luftabwehr, so werden mit dem Serienproduktionsauftrag für das Joint Venture Auterion Airlogix zur Herstellung von tausenden autonomen Strike-Drohnen pro Jahr in Deutschland Angriffswaffen für die Ukraine produziert. Die Drohen werden in der Rüstungsindustrie als „Mini-Taurus“ bezeichnet. Sie sind von GPS und Funk unabhängig und somit gegen Abwehrmaßnahmen wie Jamming immun. Mit künstlicher Intelligenz identifizieren sie das überflogene Gebiet und erkennen das Ziel, das ein Operator vorher auf einem Tablet markiert und in das Zielsystem eingespeist hat. Das komplizierte und veraltete „Taurus“-System wird nicht mehr gebraucht.
Auterion Airlogix hat zwei Systeme: Das Modell „Seth X“ hat eine mittlere Reichweite von 80 bis 150 Kilometern und soll Artilleriestellungen und Kommandozentralen ausschalten. Auch Seth ist nach einer altägyptischen Gottheit benannt, die für Chaos, Stürme und Gewalt zuständig war. Tief nach Russland hinein wird das Modell „Anubis“ reichen, eine „Deep Strike“-Waffe. Seine Reichweite beträgt bis 1.600 Kilometer. Damit kann „Anubis“ strategische Ziele wie Ölraffinierien, Flugplätze und Nachschubzentren tief in Russland und weit über Moskau hinaus erreichen. Zwar kann „Anubis“ nur Sprengmittel von höchstens 45 Kilogramm (Taurus 480 Kilogramm) tragen, aber der Vorteil für die Angreifer liegt darin, dass das System „schwarmfähig“ ist und angesichts niedriger Herstellungskosten zahlreiche Drohnen gleichzeitig abgeschickt werden können. Durch die KI-gesteuerte Zielerfassung können Schwachstellen in Gebäuden wie Lüftungsschächte und schwach gesicherte Tore direkt durchstoßen werden. Geht eine Drohne aus dem Schwarm verloren, übernimmt eine andere ihre Aufgabe. Durch die Zielgenauigkeit kann eine Drohne mehr Schaden anrichten als Taurus es jemals hätte tun können. 300 Millionen Euro sollen zudem aus deutschen Kassen gezahlt werden, damit in der Ukraine weitere „Deep Strike“-Waffen mit großer Reichweite gebaut werden können.
Ja, es stimmt immer noch, was Ida Ehre, die große alte Dame des deutschen Theaters, 1988 beim Gedenken an die Pogromnacht von 1938 im Deutschen Bundestag aus Paul Celans Todesfuge vorgetragen hatte: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.“
Bilder: depositphotos / screensh
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