Mehr Pipelines gen Westen: Gut für Europa, schlecht für die Ukraine?

Von Jan-Henrik Petermann und Ulf Mauder, dpa

Berlin/Kiew (dpa) - Russland droht die Ukraine komplett von Erdgas
aus dem Osten abzuschneiden - in Deutschland wird die Versorgung dank
milliardenschwerer neuer Pipeline-Projekte dagegen wohl stabiler.

Als der Kreml-gesteuerte Staatsmonopolist Gazprom Mitte Juni beim
Wirtschaftsforum in St. Petersburg verkündete, die Ostsee-Leitung
Nord Stream mit westlichen Partnern um zwei weitere Rohre auszubauen,
war nicht nur in Kiew die Verwunderung groß. In der hohen Politik
mögen sich Russland und der Westen weiter mit Sanktionen überziehen;
gemeinsame Energie-Interessen scheinen davon wenig berührt zu sein.

Auch deutsche Konzerne gehören zu den Profiteuren des Pipeline-Deals
- und ebenso die Bundesrepublik insgesamt, wie etwa Eon erklärt:
«Nord Stream kann mit seiner Erweiterung einen wichtigen Beitrag zur
Versorgungssicherheit Deutschlands und der EU leisten.»

Dies lässt sich mitunter als Seitenhieb auf die notorisch instabilen
Transitwege durch die Ukraine auslegen - wenngleich die Düsseldorfer
sich beeilen zu betonen, man folge «keinen politischen Überlegungen».
Der britisch-niederländische Rohstoffriese Shell und der Ölkonzern
OMV aus Österreich beteiligen sich ebenfalls an den Plänen.

Deutschlands größter Gasförderer Wintershall führt Gespräche, man
habe jedoch «noch nicht entschieden». Der Bundesverband der Energie-
und Wasserwirtschaft lobt: «Grundsätzlich sind neue Transitleitungen
Richtung Europa positiv für den europäischen Gasmarkt.»

Wie auch immer die restlichen Verhandlungen ausgehen: Die Verbraucher
sollen auf eine zuverlässigere Belieferung bauen können. 2014 kamen
hierzulande 38 Prozent der Gasimporte aus Russland. Zwar waren die 51
Speicher in Deutschland Mitte Juli gut zur Hälfte gefüllt, die
Bundesrepublik hat EU-weit die größten Kapazitäten. Weil aber die
heimische Gasgewinnung sinkt, bleibt der Bedarf an Einfuhren hoch.

«Die Fördermenge nahm um 5,8 Prozent auf 10,1 Milliarden Kubikmeter
ab», berichtete das Geozentrum Hannover über 2014. Zudem gingen die
Reserven zurück, und die Niederlande - zweitgrößter Produzent Europas
nach Norwegen - drosseln ihre Förderung nach einigen Mini-Erdbeben.

Dabei brauchen die Europäer insgesamt wohl noch mehr Erdgas, solange
die erneuerbaren Energien nicht die Grundlast in der Stromproduktion
tragen können und das umstrittene Fracking-Verfahren - Treiber der
Schiefergas-Revolution in den USA - sich hier nicht durchsetzen kann.
Experten der Deutschen Bank sehen das Vorhaben einer EU-Energieunion
auch deshalb vor allem im Lichte «großer Sorgen um mögliche
Gas-Lieferunterbrechungen infolge des Ukraine-Russland-Konflikts».

Aus der Perspektive Kiews werden die Karten mit den Pipeline-Plänen
neu gemischt. Zumal ein weiteres Großprojekt hinzukommt: Im Süden
soll die ausgebaute Leitung Turkish Stream durch das Schwarze Meer,
die Türkei und Griechenland zur zweiten Gas-Lebensader Westeuropas
werden. Spätestens nach dem Auslaufen der Lieferverträge mit Russland
2020 könnte die Ukraine dann vom großen Nachbarn abgenabelt sein.

Die Charmeoffensive Moskaus an die Westkonzerne betrachtet das Land
daher mit Argwohn. Seit Anfang Juli kauft man kein Gas mehr von
Russland, sondern leitet nur noch die vom Westen bestellten Mengen
weiter. Dabei hält sich nicht nur in Moskau der Dauerverdacht, dass
immer wieder illegal abgezapft wird - die Ukraine bestreitet das.

Gleichzeitig sollen die Europäer aushelfen. Gazprom kritisiert, dass
ein Teil des Gases wieder rückwärts gepumpt wird. Solche «umgekehrten
Flüsse» seien ein Vertragsbruch. So kaufe die Ukraine etwa über den
Umweg von der Slowakei Gas preiswerter ein als von Russland direkt.
Zugleich benötigt das Land immer weniger Energie - wegen des Kriegs
und der Wirtschaftskrise, die ganze Industriezweige zerstört haben.

2014 hatte sich der Gas-Importbedarf mehr als halbiert, knapp 74
Prozent kamen aber weiter aus Russland. Den Trennungskurs von Moskau
gibt die prowestliche Führung um Präsident Petro Poroschenko vor: «In
zwei Jahren werden wir das russische Gas nicht mehr brauchen.»

Im Vorjahr kam das Gros der westlichen Lieferungen noch von RWE, Eon,
der französischen GDF und der norwegischen Statoil. 2014 brachte der
ukrainische Staatskonzern Naftogaz dann noch die britische Noble
Clean Fuels und die amerikanische TrailStone ins Spiel, die Berichten
zufolge ihr Gas sogar teurer als Gazprom an Kiew verkaufen.

Die Ukrainer wollen wegen des politischen Zerwürfnisses mit Russland
einfach nicht mehr beim rohstoffreichen Nachbarn einkaufen. Rainer
Wiek vom Energie-Informationsdienst in Hamburg glaubt denn auch
nicht, dass Kiew vom West-Gas abgeschnitten wird. Aber: «Russland hat
ein vitales Interesse daran, mit dem Westen im Geschäft zu bleiben.»