Edward Snowden. Foto: Christian Charisius/dpa

Medien: Russland und China entschlüsseln Snowden-Dateien

London (dpa) - Russland und China sollen nach Medienberichten streng
geheime Daten der Geheimdienste Großbritanniens und der USA
entschlüsselt haben. Die Spionagedaten sollen nach Darstellung der
britischen «The Sunday Times» und der BBC aus dem Fundus des
US-Informanten Edward Snowden stammen. Der britische
Auslandsgeheimdienst MI6 sei dadurch gezwungen gewesen, Agenten aus
Einsätzen in «feindlich gesinnten Ländern» abzuziehen, berichtete das
Blatt am Sonntag unter Berufung auf Quellen beim Sitz des
Premierministers, im Innenministerium und in Sicherheitsbehörden.

Der Snowden-Vertraute und Enthüllungsjournalist Glenn Greenwald wies
die Darstellung zurück. Der Bericht in der «Sunday Times» sei
gespickt mit vielen nachweislich falschen Fakten und ein Beispiel für
schlimmsten Journalismus. Wer Behauptungen glaube, die anonym im
eigenen Interesse von Regierungen vorgetragen würden, sei dumm,
schrieb Greenwald im Kurzmitteilungsdienst Twitter. In einem Beitrag
für «The Intercept» schreibt Greenwald, für keine Behauptung der
anonymen Quellen gebe es auch nur einen Beleg. Aufrührerische
Beschuldigungen würden gegen jeden Whistleblower vorgebracht.

Nach Darstellung der «Sunday Times» verschaffte sich etwa Russland
Zugang zu mehr als einer Million Geheimdokumenten aus dem
Snowden-Fundus. Auch China soll verschlüsselte Dokumente gehackt
haben, die Informationen und Methoden von Geheimdiensten enthielten
und zur Enttarnung von britischen und US-amerikanischen Spionen
führen könnten.

Ein hochrangiger Regierungsvertreter sagte der britischen
Rundfunkanstalt BBC, Agenten seien versetzt worden, weil Russland und
China Snowden-Dateien lesen können. Es gebe keine Hinweise darauf,
dass einem von ihnen geschadet worden sei.

Russlands und Chinas «Wissen darüber, wie wir arbeiten», habe
verhindert, dass Großbritannien an «wichtige Informationen» gelange,
zitierte die BBC den Regierungsvertreter. Nach Darstellung eines
hochrangigen Mitarbeiters im Innenministerium hat Snowden «Blut an
seinen Händen».

Snowden hat im Sommer 2013 eine der größten Geheimdienstaffären ans
Licht gebracht. Der Computerspezialist hatte zunächst für den
US-Geheimdienst CIA gearbeitet und war unter anderem in Genf
stationiert. Später wechselte er zu der Vertragsfirma Booz Allen
Hamilton. Für Booz arbeitete er als externer Mitarbeiter bei der
National Security Agency (NSA). Als Systemadministrator hatte er
Zugriff auf viele Dokumente - und kopierte Tausende Unterlagen.

Insgesamt soll der heute 31-Jährige sich 1,7 Millionen Datensätze
beschafft haben und diese an Journalisten seiner Wahl weitergereicht
haben. Seit zwei Jahren werden daraus immer neue Informationen über
die weltweiten Überwachungsaktivitäten des Dienstes NSA und seines
britischen Verbündeten GCHQ bekannt.

Snowden wird von den USA gesucht. Auf seiner Flucht war er in
Russland gestrandet und genießt dort Asyl. Der Zeitung «New York
Times» hatte er im Oktober 2013 gesagt, er habe keine geheimen
Dokumente mit nach Russland genommen. Er habe im Juni in Hongkong vor
der Weiterreise nach Russland alle Unterlagen an Journalisten
übergeben. Er habe keine Kopien behalten. «Die Wahrscheinlichkeit,
dass Russen oder Chinesen irgendwelche Dokumente bekommen haben,
liegt bei null Prozent», betonte Snowden in dem Interview.

Foto: ARCHIV - Wistleblower Edward Snowden ist am 07.01.2015 in Hamburg bei einer Pressevorf¸hrung der NDR-Dokumentation ´Schlachtfeld Internet - Wenn das Netz zur Waffe wirdª auf einer Video-Leinwand zu sehen. Foto: Christian Charisius/dpa