Von Hans-Georg Münster
Nur die Vereinigten Staaten von Amerika horten mehr Gold. Doch eigenartig an den insgesamt 270.316 Barren, die die Bundesbank als ihr Eigentum laut Pressemitteilung vom 7. Oktober 2015 nennt, ist die Verwahrung des größten Teils der Goldreserven im Ausland, genauer gesagt in den USA, Großbritannien und Frankreich. Es dürfte kein Zufall sein, dass das Gold ausgerechnet bei den westlichen Siegermächten des Zweiten Weltkriegs eingelagert wurde.

Goldreserven der Fed in New York/dpa
Die Bundesrepublik war ein Kind der westlichen Alliierten. Die wollten sicher gehen, dass die Spardose des jungen Staates möglichst in ihrer Nähe steht, damit die Deutschen keine Dummheiten begehen würden. Außerdem bestand damals die Sorge vor einem sowjetischen Angriff. Den Sowjets könnten die Goldreserven in die Hände fallen, wurde befürchtet.
Man sollte meinen, das sei alles spätestens seit den Zwei-Plus-Vier-Verhandlungen und der deutschen Einheit 1990 Geschichte ist.
Die schon vor Jahren angekündigte Rückholung des Goldes nach Deutschland verläuft jedoch schleppend. Längst gibt es Gerüchte, der deutsche Goldschatz bestehe zum großen Teil nur auf dem Papier. Und daran könnte sogar einiges dran sein.
Die Bundesbank gehört zu den verschwiegendsten Institutionen in Deutschland. Transparenz ist bei den Frankfurter Bankiers, die einst für die Deutsche Mark, die stabilste Währung der Welt, zuständig waren, ein Fremdwort. Heute bilden die Bundesbanker faktisch nur noch eine Nebenstelle der Europäischen Zentralbank (EZB), für die deutschen Währungsreserven und somit für das Gold haben sie aber die Zuständigkeit behalten.

Goldreserven der Deutschen Bundesbank/dpa
Besonders aussagekräftig war die Bilanz der Bundesbank nie. Zwar wurde das Gold in Tonnen aufgeführt, aber übersehen wurde oft die Überschrift: „Gold und Goldforderungen“. Der frühere CSU-Bundestagsabgeordnete Peter Gauweiler, der jahrelang für die Heimholung des deutschen Goldes gekämpft hat, erläuterte, was das bedeutet: „Goldforderungen haben Sie auf dem Papier. Das Gold dagegen haben Sie physisch in Händen. Jeder weiß, dass auf der ganzen Welt viermal mehr Goldforderungen herumschwimmen als körperlich vorhanden ist.“ Gauweiler hält die Buchführung der Bundesbank für einen Verstoß gegen den Grundsatz der Bilanzwahrheit.
Zur Erklärung:Eine Goldforderung ist ein Wertpapier. Der Verkäufer verpflichtet sich in dem Papier, dem Käufer zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Menge Gold zu einem bestimmten Preis zu verkaufen. Es ist durchaus möglich und üblich, dem Käufer statt des physischen Goldes eine neue Goldforderung auszuhändigen. Der Käufer nimmt sie gerne an, wenn er durch den Tausch mehr Gold bekommt oder weniger bezahlen muss. Auf diese Weise lässt sich der internationale Goldpreis drücken, weil das „Papiergold“ immer billiger wird. Steigt jedoch der Preis durch Nachfrage von anderen Staaten oder Privaten und weil Käufer Metall statt Papier sehen wollen, bricht das System zusammen.
Gerüchte, dass das Gold der Bundesbank physisch möglicherweise nur zum kleineren Teil vorhanden ist und der Rest aus Forderungen besteht, werden durch zwei Fakten gestützt: So war es 2013 nicht möglich, die geplanten 50 Tonnen nach Frankfurt zurückzuführen. Zurückgebracht wurden nur 37 Tonnen. Außerdem wird jedes Kilogramm Gold, das aus Frankreich, Großbritannien und den USA zurückgebracht wird, erst in die Schweiz transportiert und dort mit großem Aufwand und hohen Kosten in neue Barren umgeschmolzen.
Die Bundesbank behauptet, das Umschmelzen sei notwendig, weil die Barren alt seien und den heutigen Handelsmaßstäben nicht entsprechen würden. Das steht im Gegensatz zu einer Behauptung der Bundesregierung. In einer Antwort auf eine Anfrage von Abgeordneten (Bundestagsdrucksache 18/3891) heißt es, es sei kein weiterer Goldhandel mehr geplant. Selbst die Bundesbank erklärt, „keine weiteren Verkäufe oder auch Zukäufe“ vornehmen zu wollen. Dann könnte sie sich das teure Umschmelzen sparen. Auch die von der Bundesbank veröffentlichten Nummern der im Ausland angeblich verwahrten Barren sind kein Beweis dafür, dass sie sich auch faktisch in der Verfügungsgewalt der Bundesbank befinden. Die Barren können genau so gut verpfändet oder verliehen sein. Das Verleihen von Wertpapieren und Edelmetallen ist international üblich.
Hätte die Bundesbank tatsächlich vollen Zugriff auf „ihr“ Gold gehabt, dann hätte sie einer unabhängigen Institution wie der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) den Auftrag erteilen können, die Bestände zu sichten und zu bilanzieren. Statt dessen wurde sogar Abgeordneten des Deutschen Bundestages der Zutritt zu den amerikanischen und anderen Tresoren verweigert.
Auch um die Herkunft des deutschen Goldes ranken sich Gerüchte. Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) hatte eine Anfrage an die Regierung gestellt, woher das Gold stamme. Die Regierung verwies darauf, dass Gold sehr oft umgeschmolzen werde und man daher wirklich nicht wisse, woher es stammen könne. Roth formulierte giftig: „Die Bundesregierung ist nicht in der Lage nachzuweisen, woher das Gold in ihren Beständen stammt. 70 Jahre nach Auschwitz ist das ein bitterer Befund.“
Doch um Nazi-Gold dürfte es sich beim Goldschatz der Bundesbank wohl nicht handeln. Die Reichsbank, die Vorgängerinstitution der Bundesbank, hatte ihre Goldbestände zum Ende des Krieges in Stollen unter der Erde eingelagert. Was danach nicht geplündert wurde, nahmen die Besatzungsmächte als Reparationen mit. 337 Tonnen Reichsgold wurde an ausländische Regierungen zum Ausgleich für Besatzungslasten der deutschen Wehrmacht verteilt. Auch Griechenland erhielt Gold aus Beständen des Reiches. Weiteres Gold ging als Entschädigungsleistung an jüdische Organisationen.
Was kaum jemand weiß: Die Regierungen der im Krieg neutralen Länder wie Schweiz und Schweden mussten den Alliierten das vom Deutschen Reich für Geschäfte gelieferte Gold nach Kriegsende wieder aushändigen.
Die von der Bundesrepublik Deutschland angehäuften 3.394,1 Tonnen Gold (oder Goldforderungen) sind das Ergebnis des westdeutschen Wirtschaftswunders. Die „Bank Deutscher Länder“, aus der später die Bundesbank hervorging, startete 1951 mit gerade einmal 25 Tonnen Gold. Die westdeutschen Überschüsse im Außenhandel wurden zum Teil in Gold angelegt, so dass sich die Vorräte im Jahr 2000 auf 3.469 Tonnen beliefen. Die Bundesbank kauft und verkauft zwar nicht mehr, macht aber eine kleine Ausnahme: Jedes Jahr erhält der Bundesfinanzminister einige Tonnen, um damit die zwei pro Jahr erscheinenden deutschen Goldmünzen (Nennwert 20 und 100 Euro) prägen zu lassen. Im letzten Jahr wurden dafür sieben Tonnen verbraucht.
Von den Ende 2014 angegebenen 3.384 Tonnen befanden sich 1.192 Tonnen in Deutschland. 1.447 Tonnen sind nach Angaben der Bundesbank bei der Federal Reserve Bank in New York eingelagert, 438 Tonnen befinden sich angeblich bei der Bank of England und 307 Tonnen bei der Bank of France in Paris. Der Wert der gesamten deutschen Goldreserven belief sich Ende 2014 auf 107,475 Milliarden Euro.

Bundesbank holt deutsches Gold aus dem Ausland zurück/dpa
Bundesbank-Vorstandsmitglied Carl-Ludwig Thiele sagt, „spätestens 2020 wird die Hälfte der deutschen Goldreserven in Deutschland lagern.“ 37 Prozent sollen bei der amerikanischen Fed bleiben und 13 Prozent in London. Der Bestand in Paris wird aufgelöst. Damit bleiben natürlich die Zweifel, ob der im Ausland liegende Teil des Goldvermögens tatsächlich physisch existiert.
Dass die Bundesbank Außenhandelsüberschüsse nicht mehr in Gold anlegt, ist grob fahrlässig. Die Forderungen aus dem Außenhandel in Papiergeld gegen Italien, Frankreich und andere Länder könnten beim Zusammenbruch des Eurosystems schnell wertlos sein. Nur Gold hat seinen inneren Wert nie verloren.
Die deutschen Bürger schätzen Gold übrigens viel mehr als ihre Bundesbank: Sie kauften im letzten Jahr die Rekordmenge von 120 Tonnen Gold auf dem Weltmarkt beziehungsweise sieben Tonnen Münzen vom Bundesfinanzministerium und packten es in ihre Schließfächer oder ließen es einlagern. Neben der Emotionalität, die im Kauf von Gold liegt, ist es ein klares Misstrauensvotum gegen die Europäische Zentralbank und ihren Euro, für den es nicht einmal mehr Zinsen gibt.
