Gabriel Burho, Autor , Journalist
„Bereuen, was? Diese Geheimoperation war eine ausgezeichnete Idee. Sie hatte den Effekt die Russen in die afghanische Falle zu locken und Sie verlangen von mir das zu bereuen. [...] Was ist wichtiger für die Geschichte der Welt? Die Taliban oder der Kollaps des Sowjetimperiums? Ein paar aufgestachelte Muslime oder die Befreiung von Zentraleuropa und das Ende des Kalten Krieges.“ 
Mit diesen Worten antwortet Zbigniew Brzezinski, von 1977 bis 1981 Sicherheitsberater der Carter Regierung und noch von Barack Obama, als „einer unserer überragendesten Denker“ bezeichnet, noch kurz vor 9/11 auf die Frage eines Journalisten ob er, nach dem Aufstieg der Taliban in Afghanistan, die U.S. Unterstützung der afghanischen Mudschahedin gegen die Sowjetunion nicht kritisch sähe.
Kurz darauf wurden die paar aufgestachelten Muslimen zu einer neuen globalen Herausforderung und der Krieg gegen den Terror begann. Nach Afghanistan war der Irak das zweite große Projekt des „Nation Building“. In der Vorstellung der Falken im Weißen Haus sollten diese Länder in kürzester Zeit zu westlichen Demokratien umgestaltet werden und als Leuchtfeuer der Freiheit und Wehrtürme der westlichen Interessen gleichzeitig in der Region dienen. Eine Dekade können wir feststellen, dass beide Projekte auf ganzer Linie gescheitert sind. Die afghanische Regierung, die noch nie über viel Rückhalt in der Bevölkerung verfügte,
verliert immer mehr Einfluss an die Taliban, ISIS und lokale Warlords. Der Irak ist de-facto in 3 Gebiete, Kurdistan, das ISIS Gebiet und den schiitischen Süden, zerfallen und gerade droht eine Regierungskrise auch noch einen innerschiitischen Bruderkrieg auszulösen.
Die lokalen Bedingungen, kulturellen Gegebenheiten und historisch gewachsene Feindschaften, welche von den globalen Strategen in ihrem Fokus auf metatheoretische Erklärungen und quantifizierbare Daten ignoriert wurden, haben sich in einen Treibsand aus widersprüchlichen Interessen und geteilten Loyalitäten verwandelt, in welchem der westliche Interventionismus langsam aber sicher versank – eine Lektion, welche die Sowjetunion auch blutig in Afghanistan lernen musste.
Der arabische Frühling, der nochmals die Hoffnung auf eine nachhaltige Demokratisierung in den Ländern um das Mittelmeer sprießen ließ hat gleich mehrere Länder nachhaltig destabilisiert und die noch bestehenden Herrschaften in höchstem Maße verunsichert und lange gehegte Feindschaften wieder neu entfacht.
Saudi Arabien, seit seiner Gründung mit dem Anspruch ausgestattet die Vorreiternation des sunnitischen Islam zu sein, befindet sich immer noch in einem gefährlichen Drahtseilakt zwischen der engen Bindung zu den USA und der Notwendigkeit den eigenen, häufig radikalen Klerus zu befriedigen. Der wichtigste Partner der USA am Golf hat ein Rechtssystem, welches sich nicht groß von dem des verteufelten IS unterscheidet und ist zudem dafür bekannt, dass eine ganze Reihe reicher „Privatpersonen“ den internationalen islamischen Terrorismus mit erheblichen Mitteln finanzieren. Zudem befindet sich die Golfmonarchie seit der Revolution von 1979 in einem kalten Krieg 
mit dem Iran in der Frage der Deutungshoheit in religiösen Fragen. Ein kalter Krieg, welcher immer öfter zu „heißen“ Stellvertreterkriegen führt.
Der Iran wiederum hat sich seit dem Krieg gegen den Irak stabilisiert, ist zu einer Regionalmacht geworden und hat, nach dem Atomabkommen, auch gute Chancen – zumindest regional – zu einer führenden Wirtschaftsmacht aufzusteigen, während Saudi Arabien die Endlichkeit seines Ölreichtum durch die gegenwärtige Ölkrise immer bewusster wird.
Die demokratischen Wahlen im Irak haben die unterdrückten Schiiten des Landes an die Regierung gebracht, wo sie nun ihrerseits die sunnitische Minderheit im Norden und Westen marginalisieren und damit der Ausbreitung des IS Raum geschaffen haben. 
Das Assad Regime in Syrien, das viele Strategen im Westen durch den so genannten Arabischen Frühling schon gestürzt sahen, hält sich immer noch – auch deshalb, weil es kaum anders kann und eine Kapitulation der alawitischen Elite in Regierung und Armee zu einem massenhaften Morden seitens der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit führen würde. Gerade Syrien hat wieder deutlich vor Augen geführt, dass Aufstände im Nahen und Mittleren Osten – auch wenn sie von bürgerlichen Kräften getragen werden – immer zu einem Erstarken der extrem Religiösen führen und Bürgerkriege unweigerlich entlang ethnisch-religiöser Bruchlinien geführt werden.
Ganz in diesem Sinne bestätigte auch Gary Sick, der unter den Präsidenten Ford, Carter und Reagan im U.S. Sicherheitsrat arbeitete, bereits „Wir waren alle Gefangene unserer eigenen kulturellen Annahmen, mehr als wir bereit waren zuzugeben. […] Die Beteiligung einer Religion in einer revolutionären Bewegung war weder neu noch besonders beunruhigend, aber die Vorstellung eines Volksaufstandes der zur Etablierung eines theokratischen Staates führt schien so unwahrscheinlich das die geradezu absurd war.“ Leider hat diese Erkenntnis bis heute wenig Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger, wenn es um Interventionen in islamischen Ländern geht.
Durch den Aufstand der Houthi Rebellen ist dem Iran, nach Libanon, Syrien und Irak, ein weiterer natürlicher Verbündeter in den Schoß gefallen, was die Paranoia der saudischen Führung nur weiter verstärkt.
Das NATO-Partnerland Türkei ist heute weiter denn je entfernt vom großen Ziel seines Gründers Mustafa Kemal Atatürk „Frieden in der Heimat, Frieden in der Welt“. War die Türkei bis vor kurzem „von Freuden umzingelt“ befindet sie sich nun mitten in einem Regionalkonflikt und führt einen blutigen Bürgerkrieg im Südosten des eigenen Landes. Die Konfrontation mit Russland wird sich zudem dauerhaft schädigend auf die türkische Wirtschaft auswirken.
So seltsam es dem westlichen Leser erscheinen mag resultieren die Machtkämpfe der ersten beiden islamischen Jahrhunderte und ihre bis heute andauernden Auswirkungen letztlich aus einem Familienstreit. Nach dem Tod Mohammeds waren es drei Familien seiner Verwandten, welche um den Anspruch auf Führung kämpften und die islamische Umma im Bruderkrieg zerrissen. Diese Spaltung und das gegenseitige Misstrauen ist über gelebte Traditionen und sozialisiertes Misstrauen hinaus bis heute lebendig und eine wichtige Triebfeder vieler gegenwärtiger Konflikte.
Auch in den nächsten Jahren wird der Stellvertreterkrieg zwischen Iran und Saudi Arabien eine wichtige Determinante nahöstlicher Politik darstellen, während der sunnitsch-schiitischen Konflikt durch den radikalen Sunnismus (Dschihadismus) weiter an Schärfe gewinnen wird.
Nach einem Sieg über ISIS werden Verteilungskämpfe, sowie Neugruppierungen des Nahen Ostens entlang religiöser, konfessioneller und ethnischer Bruchkanten das Szenario weiter verkomplizieren.
Vor diesem Hintergrund möchte ich mit einem Zitat des großen Afghanistan Kenners und Wissenschaftlers Antonio Guistozzi enden: „Jedes Zeitalter hat seine Torheiten: Möglicherweise kann der unvergleichliche Ehrgeiz die Welt zu verändern, ohne sich die Mühe zu machen sie zunächst zu studieren und zu verstehen, als die Torheit unserer Zeit erkannt werden!“
Info: Gabriel Burho ist Islamwissenschaftler, Autor und freier Journalist mit dem Schwerpunkt Politik des Nahen und Mittleren Ostens.
Bilder: @depositphotos
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