Ich bin mal bei diesem Weihnachtsmarkt gewesen.
Das ist allerdings schon sehr lange her. Ein guter Berliner Freund von mir mietete damals eine Wohnung im letzten Stockwerk eines Hochhauses. Im Sommer hörten wir, nachts auf der kleinen Dachterrasse sitzend, das Gebrüll der wilden Tiere. Im Winter - das gedämpfte Getöse von dem Weihnachtsmarkt. Ich habe da sogar mal zwei Feldmützen gekauft - eine nostalgische, russische, khakifarben und eine schwarze - deutsche. Hätten wir an diesem furchtbaren Abend dort gesessen, dann hätten die vom Weihnachtsmarkt kommenden Schreie alles überdeckt - im wahrsten und im übertragenen Sinne. Aber ich befand mich zu der Zeit in einem anderen Land. Und mein Freund ist glücklicherweise in einen anderen Bezirk gezogen und mietet dort nun das ehemalige „Bismarkhaus“.
Dmytry Vydrin, Philosoph, Autor
Und seine Kinder waren nicht, wie üblich, des Abends auf diesem nahegelegenen Weihnachtsmarkt. Übrigens, wo wir gerade von dem „Eisernen Kanzler“ sprechen.
Ich glaube, er war derjenige, der den legendären Satz geprägt hat: „Es ist mehr als ein Verbrechen - es ist ein Fehler.“ Angewendet auf die Berliner Tragödie könnte er sagen: „Es ist mehr als ein Verbrechen - es ist ein terroristischer Fehler!“
Ich erkläre das mal. Die deutschen Behörden haben bei der Klassifizierung der Geschehnisse seltsam gezögert. Obwohl schon relativ früh klar war, dass es sich um keinen simplen Autounfall handelt. Nicht mal um ein Verbrechen. Das Motiv eines jeden Verbrechens ist, für gewöhnlich, der Wille zur Bereicherung. Das hier - war echter Terror! Das Hauptziel war nicht der Gewinn, sondern die Angst. Genau das ist der Sinn und Zweck aller terroristischen Attacken auf der ganzen Welt: Angst, Furcht, Zerstörung des Selbstbewusstseins. Man wollte die Deutschen einschüchtern, ihr Leben in einen Alptraum verwandeln. Und das war ein Fehler seitens dieser - zweifelsohne - Terroristen. Es gibt nur wenige Völker auf der Welt, die sich schwer einschüchtern lassen - Russen und Deutsche. Es gibt noch die Japaner, aber das ist eine völlig andere Geschichte.
Es hat auch nichts mit den Genen zu tun. Die Geschichte ist einfach so verlaufen, dass diese Völker dauernd dazu gezwungen waren, gegen ihre Ängste, Phobien, Alpträume anzukämpfen - um zu überleben. Es formte sich eine Art Kult der Todesverachtung, wenn die Pflicht, ein Eid, ein Großes Ziel und, manchmal, die Spielregeln des „Russischen Rouletts“ es verlangen. Andere Völker entwickelten sich nach dem Paradigma eines „Jahrmarkts der Eitelkeiten“, während die Genannten dem „Jahrmarkt der Furchtlosigkeit“ folgten. Aus dieser Ressource schmiedeten sie ihre Geschichte und bezahlten dafür mit unzähligen Menschenleben. Ihre gesamte klassische Literatur ist eine Hymne, wenn schon nicht der Verachtung, dann doch wenigstens der Geringschätzung des Todes. Nehmen sie einen beliebigen großen russischen Schriftsteller - von Scholochow bis Bondarew oder auch einen deutschen - von Remarque bis Böll und sie werden es selbst sehen.
Heute hat der radikale Islam die schachidische Todesverachtung zu seiner Hauptwaffe der moralischen und psychologischen Überlegenheit über den Rest der Welt erklärt. Es hätte auch klappen können. Aber es gibt da ja noch die Deutschen und die Russen. Ja, auch an ihnen sind die ganzen Bewährungsproben nicht spurlos vorbei gegangen, die ganzen Versuchungen, Partner und Eliten. Aber das Wichtigste ist ihnen geblieben. Warum geben sich die Partner denn so große Mühe Deutschland und Russland zu entzweien, sie gegen einander aufzuhetzen? Weil sie schon seit Urzeiten versuchen die russische Furchtlosigkeit durch die eherne deutsche Gangart zu neutralisieren.
Nach diesem Weihnachtsfest wird sich alles ändern. Natürlich wird sich Deutschland nicht dem Horror des Terrorismus beugen. Es wird sich schnell wieder einfangen. Aber, nachdem es diese Katharsis erstmal durchlebt hat, wird es sich von der ihm aufgezwungenen Trägheit, Formlosigkeit, Verantwortungslosigkeit, der Schutzlosigkeit und Schüchternheit heilen, befreien wollen. Mit den Russen werden sie es sogar noch viel schneller schaffen.
Nein, die Terroristen hätten Deutschland wirklich in Ruhe lassen sollen! Sie hätten feiernde Menschen und lachende Kinder unter dem Weihnachtsbaum nicht umfahren dürfen. Deutsche sind - ebenso, wie die Russen - ein höhst duldsames Volk, aber sowas vergeben sie nicht. Ihr, die globalen Puppenspieler des „Jahrmarkts des Grauens“ - wartet nur ab! Es kommt noch die Zeit und Russen und Deutsche werden sich euch gemeinsam holen. Ja, es ist kein Verbrechen, sondern viel schlimmer - ein fataler Fehler der Terroristen gewesen. Und ich habe erst jetzt verstanden, warum ich damals, auf diesem Weihnachtsmarkt, ausgerechnet diese zwei Feldmützen - russische und deutsche - zusammen gekauft habe.
Bilder: @depositphotos @WE
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