Dr. Sherkoh Abbas / Foto: Dr. Sherkoh Abbas

Interview mit Dr. Sherkoh Abbas, Präsident der Kurdischen Nationalversammlung Syriens: "Die Front hat zwei Seiten".

Die Schlagworte „Flüchtlinge“, „Syrien“, „Peschmerga“ erklingen in Fernsehshows, man hört sie auf der Straße, im Öffentlichen Nahverkehr. Die Beteiligung der beiden Supermächte - USA und Russland - hat die Welt nicht viel sicherer gemacht, jedenfalls bis jetzt.

Der Redaktion von „World Economy“ ist es gelungen von dem Präsidenten der Kurdischen Nationale Versammlung Syriens (Kurdistan National Assembly of Syria), Dr. Sherkoh Abbas, einen Kommentar zu der gegenwärtigen Lage im syrischen Kampfgebiet und zu den kurdischen Positionen zu bekommen. 

WE:Das kurdische Volk nimmt bei allen im Nahen Osten stattfindenden Prozessen einen besonderen Stellenwert ein. Können Sie uns von der Situation in der Region berichten, wo die kurdische Armee an Kämpfen beteiligt ist?

Dr. Sherkoh Abbas: Die Front hat zwei Seiten. Zum Einen - radikale Islamisten, brutale Mörder, wie der IS, von denen viele nicht aus Syrien stammen. Einige sind Syrer, einige waren in der Vergangenheit Teil des syrischen Regimes und haben sich zu der Zeit an der Diskriminierung von Kurden und anderen syrischen Minderheiten beteiligt.

Zum Anderen, anscheinend, eine Splittergruppe der Al-Quida, Al-Nusra und andere mit ihnen in Verbindung stehende Gruppen. Diese Gruppen bestehen zwar ebenfalls aus radikalen Islamisten, bekommen aber gleichzeitig von der Türkei, den Golfstaaten, den USA Unterstützung. Sie sind ja vielleicht etwas „besser“ als der IS, aber verfügen über die gleiche Schlagkraft und ich gehe davon aus, dass sie sowohl besser, als auch härter als der IS auftreten können. Tatsächlich laufen aber viele von ihnen sogar zum IS über.

Foto: Dr. Sherkoh Abbas

In beiden Fällen befinden uns wir, die Kurden, ebenso wie Christen, Armenier, Syrer, Aleviten und andere Gruppen im Einflussgebiet dieser Menschen, sie übernehmen die Macht in Syrien. 

Das Assad-Regime seinerseits, führt einen Überlebenskampf und wird von der Hizbollah, von dem Iran und Russland unterstützt. In jedem Fall ist Assad nicht „gütiger“ als jemand anders. 

Niemand von den oben genannten, ist eine gute Option. Viele Radikale nutzen das aus. 

Die Kurden waren in der Vergangenheit die schwächste Gruppe in Syrien. Im Laufe von sehr vielen Jahren haben viele Völker die Kurden dazu benutzt den eigenen Nationalismus zur Schau zu stellen. 

Es gibt drei kurdische Formationen. Die erste ist die Verteidigungsarmee, die mit der politischen Organisation „Demokratische Union“ verbunden ist und, ehrlich gesagt, auch mit der PKK. Die PPK ist historisch mit dem Iran und Assad verbunden, es gibt also keinen Unterschied zwischen beiden.

Die zweite Gruppe nennt sich „Der Kurdische Nationalrat“, der eine Reihe von politischen Parteien in Syrien gegründet hat. Diese Parteien haben eine Art Pakt mit dem ehemaligen Präsidenten Barzani geschlossen und auch mit den Vertretern der Autonomen Region Kurdistan im Irak. 

Und als drittes, die kurdischen Nationalisten, die im viel höheren Maße mit der Jugend verbunden sind, mit der Bürgerlichen- und der Stammeselite. Sie versuchen in der Region  ein Autonomes Kurdisches Gebiet zu etablieren, nach dem Beispiel des Irakischen Kurdistans. Alle diese Gruppen sind in Syrien vertreten. Die „Demokratische Union“ oder die Selbstverteidigungsarmee sind natürlich bewaffnet, aber sie führen keinen Kampf mit dem Regime.

Und noch eins. Noch dieses Jahr wird das kurdische Volk wenigstens nach Autonomie verlangen, wenn schon nicht nach völliger Unabhängigkeit, denn, sie sehen es bestimmt auch, Syrien zerbricht. Die Kurden sind um Damaskus versammelt, in der Nähe der libanesischen Grenze, entlang des gesamten Mittelmeers. Und diese kurdische christliche Minderheit Syriens, die sich nicht aus diesem Gebiet vertreiben lässt, wird von dem IS vernichtet. 

WE:Es ist ganz klar, dass es in einer solchen Situation Opfer gibt, selbst unter der Zivilbevölkerung. Haben sie genaue Zahlen?

Dr. Sherkoh Abbas: Nach den letzten Angaben der UNO, war von einer viertel Million getöteter friedlicher Menschen die Rede. Aber es gibt noch etwa an die 800.000 Tausend Menschen, die vermisst werden, die also nicht in den Gefängnissen zu finden sind. Ich würde sagen, dass die richtigen Zahlen die Angaben der UNO um das doppelte übertreffen. Ganze Familien wurden ausgerottet - wer wird da die Statistik führen? Wegen der ganzen Ereignisse in Syrien ist von einer halben Million ziviler Opfer und etwa drei Millionen Schwerverletzter auszugehen.

Foto: Dr. Sherkoh Abbas

Das ist eine Katastrophe! Das Ergebnis ist: die Hälfte der syrischen Bürger ist geflohen, etwa 12 Millionen wurden umgesiedelt, mehr als vier Millionen befinden sich außerhalb der syrischen Staatsgrenzen. Und, nicht zu vergessen sind auch die mehr als 300.000 Kurden im Irakischen Kurdistan, über die auch niemand sprechen mag. Viele sind nach Europa geflohen, in den Libanon, in andere Nachbarländer. 

Es ist also eine Katastrophe und sie wird zu einem Anstieg von Terroristen und Radikalen führen. Leider, helfen die USA der falschen Seite und unterstützen eine islamistische Gruppierung. Sie sollten eher die Kurden unterstützen, die Minderheiten, die demokratisch eingestellte Gruppe, Christen, die alle eher gemäßigt und in der Lage sind ein demokratisches Syrien aufzubauen.

Syrien sollte frei sein, mir einem zentralisierten Föderalen System, Schutz bieten, sowohl für die regierenden Alaviten, als auch für die Kurden, Christen, Sunniten. Wenn jede dieser Gruppen in einem System ihren Platz bekommt, Mittel der Selbstverwaltung und Schutz, dann wird es keinen Krieg geben. Die USA jedoch helfen den Status-Quo für die radikalen Sunniten aufrecht zu erhalten, für die Arabischen Staaten und auch für die Türkei. Und es hilft nicht. Russland macht genau das gleiche für Assad. Und Menschen werden weiter sterben. 

WE:In der letzten Zeit kamen zu den politischen Statements um Syrien noch die Debatten um die russische Militäroperation hinzu. Hat sich die Situation seit dem Beginn der Russischen Luftoffensive verändert?

Dr. Sherkoh Abbas: Ja und nein. Wir wussten bereits, dass Syrien dabei ist sich aufzuteilen, ob wir das nun wollen oder nicht. Wir sehen, dass Assad seine Kräfte um Damaskus bündelt, entlang der libanesischen Grenze. Das ist der Beginn von dem, was man gemeinhin Sektorale Säuberung nennt, mit dem Ziel Alavistan zu errichten und die Kurden im Norden machen da mit. Leider, sind die Kurden bestrebt es allen recht zu machen, der Türkei, Iran, Irak und Syrien, weil Kurdistan auf alle diese Länder verteilt ist. Allerdings haben sich alle diese Länder gegen die PKK und die „Demokratische Union“ verschworen. Wegen ihrer Taten mussten viele Kurden fliehen, nach Europa, in die Türkei, in den Libanon, nach Jordanien, in den Irak. Auf diese Weise zerfällt Syrien noch mehr und ein Teil der Einwohner wendet sich dem IS zu oder anderen bewaffneten Gruppierungen. Und keine von ihnen ist demokratisch oder gemäßigt. 

Russland hat sich also tatsächlich eingemischt, um die Vernichtung des Assad-Regimes zu verhindern und die Erschaffung von Alavistan zu unterstützen. Und, natürlich, unterstützt auch der Iran das Geschehen, denn wenn Syrien fällt, kann das der Beginn eines Zerfalls des Iran sein. Auch der Türkei kann ein solches Schicksal drohen. Und, obwohl der Iran und die Türkei sich hassen, arbeiten sie in diesem Fall hinter den Kulissen zusammen, um den Zerfall ihrer Länder zu verhindern.

WE:Ist es möglich den IS effektiv zu bekämpfen und welche Rolle wird die Kurdische Armee dabei spielen?

Dr. Sherkoh Abbas: Russland bekämpft den IS, aber auch andere Gruppen, damit der Erschaffung von Alavistan nichts im Wege steht. Im Süden haben die Israelis begonnen Drusistan zu errichten, indem sie die Drusen unterstützen. Die USA versuchen die Situation auszunutzen, um den Türken und der Arabern gleichzeitig einen Gefallen zu tun. In jedem Fall, sind Kurden die Verlierer. Sie brauchen tatsächlich unbedingt einen kurdischen Staat im Norden.

WE:Kann der IS ohne Bodentruppen besiegt werden?

Dr. Sherkoh Abbas: Ich bin wirklich der Meinung, dass wir hier zwei Supermächte vor Ort haben - Russland und die USA. Wenn sie es nicht schaffen den IS zu besiegen wäre das für beide demütigend. Es wäre eine Schande für die Weltgemeinschaft, weil Syrer, Kurden, andere Minderheiten jetzt diejenigen sind, die darunter leiden. In diesem Teil der Welt finden religiöse Säuberungen statt. 

Foto: Dr. Sherkoh Abbas

Dass die Supermächte es bis jetzt nicht geschafft haben das Problem IS zu lösen, ist eine echte Schande und untergräbt den Glauben an ihre Fähigkeiten. Ich bin der Meinung, dass sie siegen könnten, aber sie beeilen sich nicht damit. Würden die USA und Russland die Kurden und andere Minderheiten im vollen Maße unterstützen - könnte man den IS in weniger als einem Jahr zerstören. Vielleicht sogar in genau einem Jahr, wenn man die Minderheiten wirklich unterstützen und bewaffnen würde. Die Sache ist aber, dass die Kurden nur tröpfchenweise Unterstützung bekommen, auch von den Irakern und ihrer Regierung. Die Kurden wären in der Lage den IS zu stoppen und einige seiner Territorien zu besetzen. Aber ohne die Unterstützung dieser Minderheit in der Türkei bleiben die Grenzen für den IS offen. Obwohl die Türkei sich nie beschwert, wenn der IS ihre Grenze kontrolliert, aber sie beschwert sich, wenn die Kurden es tun.

WE:Wie sehen sie die Zukunft der Region? Können sie die weiteren Geschehnisse vorhersagen?

Dr. Sherkoh Abbas: Die beste Nachricht für uns wäre, wenn jede religiöse, ethnische Gemeinschaft die Möglichkeit bekäme einen unabhängigen Staat zu gründen. Die christlichen Minderheiten, zum Beispiel, freie Konföderationen, regionale Autonomien, Kurden. Das wäre die beste Lösung.

Foto: Dr. Sherkoh Abbas

Sehen sie sich die Schweiz an, sehen sie sich andere Völker an. Ich glaube daran, dass es genau so sein sollte. Wir sollten nicht bestrebt sein Syrien und den Irak als ganzheitliche Gebilde zu erhalten. Für Sunniten, Alaviten oder Schiiten. Die USA versuchen den Irak schiitisch bleiben zu lassen, Syrien - sunnitisch. Das ist keine Lösung. Die gesamte Karte des Nahen Ostens muss noch einmal betrachtet und umgestaltet werden. Die Türkei, allerdings, zeigt in letzter Zeit immer öfter, dass dort in den alten Kategorien eines Neo-Osmanischen Imperiums gedacht wird. Und das ist brandgefährlich. 

Interview geführt von Tigran Gasparyan, Korrespondent, World Economy