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In Syrien wird über Weltschicksal entschieden

Die Akteur-Konstellation im syrischen Bürgerkrieg erinnert an den hobbesschen Naturzustand, in dem jeder gegen jeden kämpft. Regierungstruppen, Oppositionsparteien, Milizen und fremde Armeen kämpfen gegeneinander sowie gegen den Islamischen Staat, die Nusrah Front und andere islamistisch-dschihadistische Gruppen, welche sich wiederum gegenseitig bekämpfen. 

Dr. Gabriel Burho, Islamwissenschaftler, Kolumnist bei World Economy

John Brankly, Politologe 

Das Vakuum

Der Krieg hat bisher unzählige Opfer gefordert und Millionen Menschen zu Vertriebenen gemacht. Das Vakuum, welches durch die Schwächung des Diktators Bashar al-Assad entstanden ist, hat überhaupt erst das Entstehen des Terrorkalifats möglich gemacht und eine ganze Region nachhaltig destabilisiert – Eine Folge, welche die US-geführte Anti-Assad-Koalition zumindest billigend in Kauf genommen hat; Zumindest wenn man annimmt, dass die USA außenpolitisch nicht völlig blind und ohne Kenntnis der lokalen Gegebenheiten agieren... 

Es stellt sich die Frage welches Szenario erschreckender ist?

Nachdem sich auch Russland in den Konflikt eingeschaltet hat, versuchen nun zwei Supermächte einen regionalen Konflikt zu lösen. Dies wird erheblich durch den Umstand erschwert, dass sie dabei auf unterschiedlichen Seiten stehen und unterschiedliche Zielvorstellungen haben. Das Versagen der Weltgemeinschaft bei der Installation einer, wenigstens zeitweiligen, Waffenruhe führt auch dazu, dass die Supermächte sich gegenseitig mit immer neuen Vorwürfen konfrontieren.

Die USA werfen Moskau die Unterstützung des Assad-Regimes, die Bombardierungen ziviler Ziele sowie einen Bruch des Waffenstillstandes vor und vergessen dabei, dass es US-Kampfjets waren, die den Waffenstillstand zuerst durch die Bombardierung von Regierungstruppen brachen, die man „fälschlicherweise“ für ISIS Kämpfer gehalten haben will. Moskau fordert von Washington eine genauere Kontrolle derjenigen „Widerstandskämpfer“, welche direkt von den USA mit Waffen und Geld unterstützt werden und wirft Washington die Unterstützung von Terroristen der Nusrah Front vor. Während man sich in die schlimmsten Zeiten des Kalten Kriegs zurückversetzt fühlt, brechen die USA alle Gespräche mit Russland ab. Ein diplomatisches Powerplay, dass jedoch wenig dazu beiträgt den Konflikt zu de-eskalieren. Selten standen sich während – und erst recht nicht seit dem Ende - des Kalten Krieges russische und amerikanische Truppen so nahe und so feindlich gegenüber. Hierbei ist Syrien lediglich ein Schauplatz. Andere wären das schwarze Meer oder das Baltikum. Gegenseitige Provokationen sind an der Tagesordnung und man kann nur beten, dass dieses Cowboy und Indianerspiel nicht in einer Katastrophe endet.

„Die neuen Zeiten sind anders, sind gefährlicher“,- äußerte sich Frank-Walter Steinmeier - „Früher war die Welt zweigeteilt, aber Moskau und Washington kannten ihre roten Linien und respektierten sie.“

(<link http: www.huffingtonpost.de usa-russland-wahl-hacking_n_12392126.html>www.huffingtonpost.de/2016/10/07/usa-russland-wahl-hacking_n_12392126.html)

Zurück zu Syrien 

Der Aufstand gegen die Regierung Assad begann im Kontext des sogenannten „Arabischen Frühlings“ – möglicherweise der am meisten falschen Revolte der letzten Jahre. In unserer Presse gerne als Aufstand für mehr Freiheit und Demokratie kommuniziert, waren die von Tunesien ausgehenden Proteste in erster Linie Brotunruhen. Der Zorn der Menschen, vor allem der Jugend, richtete sich gegen schlechte Lebensbedingungen sowie Arbeits- und Perspektivlosigkeit. Entsprechend war das Scheitern dieser Aufstände in den meisten Ländern ebenso vorprogrammiert. Beispiel Ägypten: Ein Land dessen Wirtschaft komplett vom Tourismus abhängt, wird nach einer Revolution – egal unter welchen Vorzeichen – zunächst wirtschaftlich noch schlechter da stehen als vorher. Die Touristen werden ausbleiben und keine Regierung könnte dies verhindern. Dass die Muslimbrüder die Wahlen gewannen, war vielleicht ein Glück für eine zukünftige Demokratie in Ägypten, die so nicht durch die Enttäuschung der Menschen diskreditiert wurde.

Nach der Überreaktion des syrischen Regimes auf die ersten Demonstration weitete sich der Aufstand aus und im Sommer 2011 wurde die s.g. „Freie Syrische Armee“ gegründet, um den Diktator samt seiner Truppen zu stürzen. Vergessen wird dabei die ethno-religiöse Dimension dieses Konfliktes: Assad und die Mehrheit seines Staatsapparates stammen aus den christlichen und alawitischen Minderheiten des Landes und wissen, dass sie im Falle eines Sieges der v.a. sunnitischen Rebellen wenig zu lachen hätten. Bereits früh war auf einschlägigen Internetforen das Motto einiger „Widerstandskämpfer“ zu lesen: „Christen in den Libanon, Alawiten ins Grab“. Sehr schlechte Voraussetzungen für ein Aufgeben des Diktators und ein schnelles Ende, wie es sich die USA und ihre Verbündeten gewünscht hatten.

Der einstige Bürgerkrieg hat sich inzwischen zu einem militärischen Konflikt entwickelt, in den mit den USA und mit Russland die beiden Weltmächte eingebunden sind und der aktuell in einem Patt endet, das sich folgendermaßen beschreiben lässt:

 • Alle Kriegsparteien bekämpfen den IS

 • Die USA und mehrere Rebellengruppen (aus IS und Al-Qaida) bekämpfen Assad

 • Russland und andere Rebellengruppen unterstützen Assad

 • Assad bekämpft den IS und sämtliche Rebellengruppen 

 • Die USA unterstützen die syrischen Kurden (welche ein Ableger der PKK sind, welche in der EU aber auch den USA als Terrorgruppe gilt), während die Türkei (ein NATO Partner) militärisch gegen die Kurden vorgeht und diese als schlimmere Bedrohung ansieht als den IS

Bei derart unklaren Fronten und Konfliktlinien ist es eine Frage der Zeit und des Zufalls bis sich die amerikanischen und russischen Streitkräfte auch auf dem Schlachtfeld gegenüberstehen. Ein Konflikt der beiden Supermächte kann dann zum Greifen nahe sein.

Nach dem endgültig gescheiterten Versuch eines temporären Waffenstillstandes sind die Verhandlungen und Gespräche der beiden Großmächte bis auf Weiteres eingestellt. Man spricht nicht mehr miteinander, sondern nur noch übereinander.

Ex-Botschafter Wolfgang Ischinger betont, dass „Die Gefahr einer militärischen Konfrontation erheblich ist. Sie war in Jahrzehnten nie so groß, das Vertrauen zwischen West und Ost nie so gering wie jetzt“

(<link https: www.welt.de politik deutschland article158633398 steinmeier-fuerchtet-unberechenbare-welt.html>www.welt.de/politik/deutschland/article158633398/Steinmeier-fuerchtet-unberechenbare-Welt.html)

Der deutsche Außenminister Steinmeier hat eine Luftbrücke zur Versorgung von Aleppo ins Gespräch gebracht. Er hält es für falsch, dass zwischen Moskau und Washington nicht mehr verhandelt wird. Es gibt immer noch die, von Moskau betonten, Gemeinsamkeiten. Im Kampf gegen den IS sind sich auch alle Parteien einig und alle sind ebenso daran interessiert schnell eine Lösung des Konfliktes zu finden.

Moskau betont, und hier liegt der Konflikt mit den USA, dass erst nach einer Zerschlagung der Rebellen- und Terroristengruppen über eine post-Assad-Regelung gesprochen werden könne.

Diese Vorgehensweise dürfte, nach den geschilderten Zwängen in denen sich die christlichen und alawitischen Akteure befinden, die realistischere sein, würde die USA aber gegenüber ihren „Verbündeten“ Rebellen schlecht dastehen lassen.

Es bleibt zu hoffen, dass sich dennoch zwischen Moskau und Washington eine Regelung über einen solchen Fahrplan finden lässt. Ansonsten wird dieser Konflikt weiter eskalieren, die Region weiter destabilisieren, mehr Menschen in die Flucht treiben und das Risiko auf eine militärische Konfrontation der Supermächte immer weiter anwachsen lassen - den III. Weltkrieg entstehen zu lassen. 

Ein solches Horrorszenario kann so schneller entstehen als gedacht. Dabei spielt es dann keine große Rolle mehr, ob der US-Präsident Clinton, Obama oder Trump heißt. 

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