von Irina Tkachenko, Studentin, Bloggerin
Der 9. Mai war in unserer Familie schon immer ein wichtiges Datum, an dem die Familie zusammenkam, um des Sieges über Hitler-Deutschland zu gedenken und die Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges zu feiern.
Unsere Großväter und auch unsere Urgroßväter waren alle an der Front. Sowohl in meiner, als auch in der Familie meines Mannes ist dies nach wie vor ein sehr wichtiges Datum. Wir sind in einer Zeit aufgewachsen in der das Schauen der Militärparade am 9. Mai fester Bestandteil der Familientradition war. Wir Kinder haben uns immer darauf gefreut und waren besonders stolz auf unsere Großeltern, die zu diesem Anlass ihre Orden auf Hochglanz polierten und an ihre besten Jackets pinnten.
In unserer Familie kam zum Stolz auf die Veteranen noch ein anderer Stolz dazu, der nur heimlich, im Kreise der Familie zur Sprache kam: sie waren alle Juden. Es waren jüdische Soldaten, die für die Befreiung Europas gekämpft hatten, es waren jüdische Soldaten, die das faschistische, antisemitische System des Dritten Reiches mit zu Fall brachten und dabei ihre ermordeten, enteigneten, vertriebenen Geschwister rächten.
Aber das wurde nur geflüstert. Denn trotz der verliehenen Orden, trotz der entgegen gebrachten Ehrungen - das Sowjetsystem war antisemitisch bis ins Mark. Meine Großmutter, zum Beispiel, nahm den Nachnamen ihres Ehemannes nicht an, weil ihr unmissverständlich klar gemacht wurde, dass sie mit einem jüdischen Nachnamen keine Chance hatte ihre Karriere fortzusetzen. Meine Großeltern väterlicherseits gehören zu den letzten Trägern des osteuropäischen Jiddisch. Sie haben die Sprache ihrer Vorfahren nicht an Ihre Kinder weitergegeben, weil sie es für zu gefährlich hielten. Sie ist damit in unserer Familie verloren gegangen.
Ich feiere den 9. Mai trotzdem. Und gedenke der Heldentaten meiner Ur/Großväter. Ur-Opa Israel ben Jakov, der sich zum Hauptmann des Medizinischen Dienstes hoch gedient hatte und u.a. auch die Medaille „Für die Verteidigung des Kaukasus“ erhielt, wo ich dann auch viele Jahre später geboren wurde. Und ich trinke einen mit seinem Sohn, meinem Opa, Jakov ben Israel und lasse mir zum tausendsten Mal erzählen, wie er es im Mai 1945 immer geschafft hat, irgendwo bei Prag seinen Wagen am Laufen zu halten, um seine Frontkameraden rechtzeitig mit Munition zu versorgen. Und ich schaue die Militärparade. Und ich lasse mir dieses Fest des Sieges nicht von den tagespolitischen Stimmungen verderben. На здоровье!
