Ich habe einen deutschen Pass. Und bin trotzdem immer noch ein Flüchtling

Von Irina Tkachenko, Autorin

Ich bin für die Flüchtlinge. 

Irina Tkachenko /WE

Es ist ganz selbstverständlich, dass man dafür ist, dass politisch Verfolgte sich ein neues Leben aufbauen können. Dass Kinder ohne Angst vor Bomben aufwachsen können, dass sie ein Recht darauf haben ihre Kindheit zu genießen und nicht als Kindersoldaten, Prostituierte oder billige Arbeitskräfte missbraucht werden. 

Ich bin gegen die Flüchtlinge. 

Man kann ja schließlich nicht alle aufnehmen, Deutschland kommt auch irgendwann an seine Grenzen. Wieso wollen die überhaupt alle zu uns ins Land kommen? Das sind doch alles nur Schmarotzer, die unser Sozialsystem ausnutzen wollen. Und es gibt doch so viele deutsche Familien, die in Armut leben, Rentner, die sich kaum ihr Abendessen leisten können und Obdachlose. Müssen wir uns nicht zuerst um sie kümmern? 

Ich bin für die Flüchtlinge. 

Schließlich, gab es bis jetzt in jeder Generation meiner Familie Geflüchtete. Sie flohen vor Pogromen aus dem Baltikum in die Ukraine. Sie flohen vor dem Hunger in der Ukraine in den Kaukasus. Sie flohen aus dem Kaukasus vor den Deutschen. Sie flohen kurz vor dem Zerfall der Sowjetunion nach Deutschland. Wie kann ich gegen Flüchtlinge sein? Immerhin kam meine Familie immer wieder als Flüchtling in ein neues Land und wurde dort aufgenommen. 

Syrische Flüchtlinge demonstrieren in Köln /dpa

Ich bin gegen die Flüchtlinge. 

Sie kommen aus völlig fremden Kulturen, aus für mich unverständlichen Regionen. Sie haben keine Ahnung von unserer Kultur, darüber was sich gehört und was nicht. Sie meinen Andersgläubige wären nichts wert, sie verachten die Kultur des Diskurses als ein Zeichen von Schwäche und meinen alle Konflikte nur mit Gewalt lösen zu können. Sie verhüllen ihre Frauen und meinen, weil die einheimischen Frauen sich nicht verhüllen, dürfte man sie immer und überall sexuell belästigen.

Grenzkontrollen an der deutsch-österreichischen Grenze /dpa

Ich spreche Deutsch als zweite Muttersprache, habe die Schule abgeschlossen, studiere, habe hier eine Familie gegründet und Kinder geboren. Und ich höre jeden zweiten Tag Sätze wie: „Sie sprechen aber gut Deutsch!“, „Möchten Sie denn in die Heimat zurück?“, „Werden sie ihren Kindern auch Deutsch beibringen?“ 

Ich bin nicht für die Flüchtlinge. Ich bin nicht gegen die Flüchtlinge. 

Ich habe einen deutschen Pass. Ich bin trotzdem immer noch ein Flüchtling.