Wir haben beim bekannten Historiker Hermann Simon, der viele Jahre lang das Centrum Judaicum geleitet hat, nachgefragt.
WE:Der Amerikaner Timothy Snyder schreibt wieder provokativ über den Holocaust und auch den Antisemitismus, der, laut Snyder, angeblich nur in Russland zu finden sei. Gibt es in Deutschland gerade keine Tendenzen in diese Richtung, die uns mit Sorge erfüllen müssten?
Hermann Simon: In Deutschland haben wir im Augenblick generell die Sorge, dass, nach meiner Wahrnehmung, rechte Tendenzen zu erstarken scheinen. Das zeigt sich deutlich in der ganzen Flüchtlingsdebatte. Aber, wenn wir jetzt unser Thema betrachten, den 9. November in der deutschen Geschichte, dann müssen wir sehen, dass es ein schicksalsbeladenes Datum ist. Wir haben den 9. November 1848 - die Erschießung des Paulskirchen-Abgeordneten Robert Blum. Wir haben den 9. November 1918 - der Reichskanzler Prinz Max von Baden gibt die Abdankung des Deutschen Kaisers bekannt. Wir haben den 9. November 1923 - Naziputsch in München. Und die Nacht vom 9. zum 10. November 1938 Jene Nacht, würde ich sagen, für die es so viele Bezeichnungen gibt, von denen keine das ungeheuerliche Verbrechen wirklich umschreibt. Pogrom. Die Nacht, als die Synagogen brannten. Kristallnacht. Wie immer wir wollen. Und, bitte nicht zu vergessen, wir haben den 9. November 1989 - den wir nur verstehen, wenn wir immer wieder an den November 1938 erinnern. Vor diesem Hintergrund, glaube ich, ist der Kanzlerin nur zuzustimmen, die vor wenigen Jahren vor dem Amerikanischen Kongress sagte - ich habe es extra nochmal rausgesucht - „Es war der 9. November 1989, an dem die Berliner Mauer fiel, es war aber auch der 9. November 1938, der sich ebenso in das Gedächtnis der deutschen und der europäischen Geschichte eingebrannt hat. Es war der Beginn dessen, was später in dem Zivilisationsbruch - der Shoah - mündete.“ Und, wenn ich das alles vor dem Hintergrund der Flüchtlingsdebatte sage, der aktuellen Debatte, die wir in Deutschland im Augenblick haben, dann habe ich eben versucht Werte zu vermitteln. Werte, die in unserer Gesellschaft allgemein anerkannt sind. Ich glaube, das wird die entscheidende Herausforderung in nächster Zeit werden, diese Werte auch den anderen, den „Neuen“, die jetzt zu uns kommen, zu vermitteln.
WE:Zynische Frage: ist es nicht so, dass wir in den Flüchtlingen eine ganze Masse von Menschen haben, die sehr antisemitisch eingestellt sind?

Foto: Timothy Snyder /dpa
Hermann Simon: Ich glaube, dass man das nicht verallgemeinern darf. Ich glaube aber auch, dass wir gerade zu diesem Thema ganz besonders mit diesen Menschen ins Gespräch kommen müssen. Dass wir diesen Menschen vermitteln müssen: in unserer Gesellschaft gibt es zu vielen Themen ein Grundkonsens, diese Gesellschaft ist nicht antisemitisch und auch, dass dieses Land ein besonderes Verhältnis zum Staat Israel hat usw. Das sind Dinge, die wir ihnen vermitteln müssen. Immer wieder. Das wird eine ganz entscheidende Herausforderung. Aber ich würde diesen Personenkreis sowieso nicht vornherein als antisemitisch qualifizieren wollen.
WE: Wo auf der Welt haben wir denn gerade das größte Problem mit dem Antisemitismus? Wo - außer Israel - können sich die Juden sicher fühlen?

Foto: Erinnerung an Pogromnacht/ dpa
Hermann Simon: Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, es gibt eine Reihe von Ländern in Europa und auch darüber hinaus, wo man als Jude gut leben kann. Aber es gibt, natürlich, auch überall antisemitische Tendenzen. Sehen wir von Israel ab, kenne ich kein anderes Land, aber man kann ja auch nicht sagen, dass alle Juden nur in Israel leben können. Ich denke, dass man als Jude in Deutschland nicht schlecht lebt und diese große Einwanderung der Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, beziehungsweise aus den GUS-Staaten und die vielen Israelis, die heute in Berlin leben, sind Beweis dafür, dass man heute als Jude in Deutschland leben kann.
Info:
Hermann Simon, Historiker
Seit der Gründung der Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum bis Januar 2015 war er deren Direktor. Hermann Simon beschäftigt sich in seinen zahlreichen Publikationen insbesondere mit Problemen der Geschichte der Juden in Deutschland. Er ist u.a. Herausgeber der Reihen „Jüdische Miniaturen“, „Jüdische Memoiren“ und der Schriftenreihe des Centrum Judaicum.
