A handhout image provided by Titan Aerospace/Google on 15 April 2014 shows a solar-powered Titan Aerospace drone (Solara 50). dpa

«Heißer Scheiß»: Mit diesen Projekten will Google die Welt verändern Von Christoph Dernbach, dpa

Zur Entwicklerkonferenz I/O lässt sich Google in die Karten schauen.
Hier präsentiert der Suchmaschinen-Konzern nicht nur Neuigkeiten zu
populären Massen-Produkten wie Android, sondern stellt auch Projekte
vor, die die Welt verändern oder grandios scheitern können.

San Francisco (dpa) - Der Misserfolg der Datenbrille Glass hält
Google nicht davon ab, mit großem Risiko an Zukunftsprojekten zu
arbeiten - und diese Vorhaben auch der Öffentlichkeit zu
präsentieren. Auf der Entwicklerkonferenz Google I/O in San Francisco
plauderte die Chefin der Google-Abteilung «Advanced Technologies &
Projects» (ATAP), Regina Dugan, aus dem Nähkästchen. Die Spanne der
Zukunftsprojekte von Google reicht von einem Miniradar für die
Smartwatch, das filigrane Fingerbewegungen entdecken kann, bis hin zu
smarten Klamotten, mit denen der Homo Digitalis in der Zukunft seine
Gerätschaften steuert.

Da leistungsfähige Mikroprozessoren immer kleiner werden, passt
inzwischen nicht nur eine Uhr ans Handgelenk, sondern ein
ausgewachsener Computer. Allerdings setzt das Format einer Armbanduhr
auch der Größe des Bildschirms und damit der Bedienung mit den
Fingern eine natürliche Grenze. Die Google-Forscher sind auf der
Suche nach einer bequemen Steuerung der Funktionen des tragbaren
Computers im «Project Soli» auf die Idee gekommen, mit einem winzigen
Radar die Bewegungen einer Hand mit allen filigranen Fingergesten zu
erfassen. 

Ivan Poupyrev, der technische Leiter der ATAP-Abteilung, führte vor,
wie er mit einer Drehbewegung von Daumen und Zeigefinger in der Luft
die Uhrzeit der Smartwatch auf die Minute genau einstellen konnte,
ohne einen Drehschalter oder eine Krone berühren zu müssen. In dem
Gesten-Radar steckt auch Know-how aus Deutschland: Bei der
Entwicklung des winzigen Funk-Moduls hat Google mit dem deutschen
Chip-Hersteller Infineon zusammengearbeitet.

Ein anderes Moonshot-Projekt von Google, «Project Jacquard», führte
Poupyrev nach London zu einem Edel-Schneider in der Savile Row. Dort
ließ sich der Google-Manager eine Anzugjacke aus einem Stoff nähen,
den er zuvor von einem Spezialunternehmen in Japan hatte anfertigen
lassen. In dem Stoff wurden Metallfäden verwoben, die als Sensoren
Berührungen der Hand oder einzelner Finger registrieren. Dieser
«smarte» Stoff kann wiederum auch zur Steuerung von Mobilgeräten
eingesetzt werden.

Um das «Project Jacquard» nicht in eine exklusive Nische abdriften zu
lassen, suchte sich Google Unterstützung beim Bekleidungsriesen Levi
Strauss. Der Hersteller der Levi’s-Jeans will zusammen mit Google
einen Weg finden, die smarten Bekleidungsstücke massentauglich zu
machen. Levis’s verfüge über das Know-how bei der Herstellung der
Stoffe und der Kontrolle der gesamte Lieferkette. Nun sei man auf
Ideen der Entwickler angewiesen, um coole Anwendungen zu entwerfen,
sagte Levi’s-Manager Paul Dillinger.

Mit zwei weiteren ATAP-Projekten adressiert Google Herausforderungen
rund um das Thema Sicherheit. Zum einen empfinden Anwender den Schutz
ihrer Daten durch eine Passworteingabe als unbequem und im
Zweifelsfall nicht ausreichend sicher. Zum anderen haben Berichte
über umfassende Schnüffeleien der Geheimdienste oder Einbrüche von
Datenkriminellen die Menschen verunsichert.

Beim «Project Abacus» soll eine Beobachtung von Tipp-Gewohnheiten
zusammen mit Gesichts- und Spracherkennung eine deutlich höhere
Sicherheit als die Eingabe einer PIN oder eines Passworts liefern.
Dabei erkennt das System auch, wie sensibel eine Anwendung ist. Der
Zugang zu einem Spiel wird bereits bei einem niedrigen Erkennungswert
gewährleistet, wichtige Anwendungen wie Online-Banking erfordern
dagegen einen hohen Erkennungswert.

Mit dem «Project Vault» haben Google-Forscher einen
Hochsicherheitscomputer auf eine Chipkarte im MicroSD-Format gepackt.
Die in San Francisco erwähnten technischen Spezifikationen werden mit
hoher Wahrscheinlichkeit selbst hartgesottene Hacker beeindrucken und
dem Chef des amerikanischen Geheimdienstes NSA, Mike Rogers, die
Zornesröte ins Gesicht treiben. ATAP-Chefin Regina Dugan verglich
Vault mit einem unknackbaren Safe, den man sich im Haus einbauen
lasse, um nicht alle Fenster und Türen verrammeln zu müssen. Dabei
geht es nicht nur um das sichere Abspeichern der Daten, sondern auch
um einen sicheren Zugriff auf komplexe Verschlüsselungsverfahren, die
auch Kommunikationsströme absichern sollen.

«Vault» wird allerdings auf absehbare Zeit noch nicht bei den
gewöhnlichen Computer- und Smartphone-Anwendern ankommen. Google muss
aus dem Forschungsprojekt zunächst ein Produkt machen und will sich
dann damit zunächst an Unternehmen wenden. ATAP sein innerhalb von
Google nur eine «kleine Crew von Piraten», versuchte
Projektmanagerin Dugan die Erwartungen zu dämpfen. Aber man könne
«wirklich heißen Scheiß» machen. Und das gilt innerhalb der
Entwicklerszene als größtes Kompliment.