Dr. Michael Rohschürmann, Politik-und Islamwissenschaftler
Am 9. Juli 1915 weihte Kaiser Wilhelm II. in Berlin die erste Moschee auf deutschem Boden ein. Das Gotteshaus auf dem Gelände eines Lagers für muslimische Kriegsgefangene sollte unter anderem dazu dienen, die Freundschaft des deutschen Reiches mit der muslimischen Weltgemeinschaft zu demonstrieren und den pro-deutschen Dschihad-Aufruf des osmanischen Sultans Mehmet V. zu unterstützen. Die Orientstrategen des Deutschen Reiches erhofften sich von einem „Heiligen Krieg“ der „Muselmanen“ gegen die britischen Kolonialherren eine militärische Entlastung des europäischen Kriegsschauplatzes. Leider, zumindest aus Sicht der Obersten Heeresleitung, war die Idee eines Heiligen Krieges gegen westliche Besatzer zum damaligen Zeitpunkt dem Denken der Muslime eher fremd.
Die Episode verrät mehr über die deutsche Sicht des Orients als über das Konzept eines Heiligen Krieges im Islam. Die romantisierenden Vorstellungen eines Karl May hatten auch auf den Kaiser und seinen Stab einen nachhaltigen Eindruck gemacht.
Die Idee eines globalen Heiligen Krieges, die den meisten Muslimen 1914 als Anachronismus erschien – andere westliche Ideen und Konzepte wie Nationalismus wurden diskutiert – ist hundert Jahre später in der medialen Präsentation geradezu ein Pfeiler der islamischen Religion geworden.
Was sind die Ursachen dafür? Woher kommt die Vorstellung und das Bedürfnis Kriege „heiligen“ zu müssen? Was ist überhaupt ein heiliger Krieg?
Das Konzept heiliger Kriege begegnet uns das erste Mal im antiken Mesopotamien. Im 18. Jahrhundert vor Christus war es der babylonische König Hamurabi, der seine Eroberungszüge gegen benachbarte Stadtstaaten mit einem göttlichen Auftrag begründete. 1000 Jahre später begründeten die Assyrer ihre Expansionspolitik mit dem Auftrag ihres Gottes Ashur und setzten extreme Gewalt ein, um ihre Gegner möglichst schon vor der Schlacht zur Kapitulation zu bewegen, sowie Rebellionen gegen ihre Herrschaft zu unterdrücken.
Wie diese Beispiele zeigen, ist ein heiliger Krieg kein Privileg einer monotheistischen Religion, auch wenn er in den drei großen monotheistischen Glaubensgemeinschaften, Judentum, Christentum und Islam, detaillierter ausgearbeitet und weiterentwickelt wurde.
Allein der Begriff „Heiliger Krieg“ taucht im deutschen akademischen Diskurs das erste Mal 1901 in einer Arbeit über die alttestamentarischen Konflikte der israelischen Stämme auf und wurde erst später, quasi in einer Übertragung des Konzeptes, auch als Synonym für den islamischen Dschihad verwendet. Es macht also Sinn sich zunächst Israel zuzuwenden.
Ganz der Tradition der Antike folgend, wo die Götter noch selbst in den Schlachten der Menschen kämpften – im trojanischen Krieg sogar auf beiden Seiten - ist der Gott des Alten Testamentes noch selbst an den Eroberungskriegen der israelischen Stämme im „heiligen“ Land beteiligt. Er gibt nicht nur Anweisungen spezifische Feinde zu bekämpfen, sondern ist auch noch in Form der Bundeslade bei den Schlachten anwesend. Generell, kann die Eroberung Palästinas als besonders herausstechend betrachtet werden. Ging es bei den Kriegen der Assyrer und Perser darum mehr tributpflichtige Gebiete unter die Herrschaft ihres Königs (und natürlich ihres Gottes) zu bringen, war der Kampf um das „Heilige Land“ in weiten Abschnitten ein Vernichtungskrieg. Besiegte Feinde sollten nicht unterworfen, sondern gänzlich ausgelöscht werden. König Saul verlor Gottes Wohlwollen, weil er es versäumte, die Schafe der besiegten Midianiter ebenfalls zu töten. Nichts sollte von den „unrechtmäßigen“ Besatzern des heiligen Bodens übrig bleiben.
Eine ähnliche Argumentation findet sich bei der Schilderung der Eroberung Jerusalems 1099, durch christliche Kreuzfahrer, die derart unter der Stadtbevölkerung wüteten, dass „Ströme von Blut“ sich aus den Toren ergossen.
Die heutige Forschung ist sich einig, dass diese Schilderung keine historischen Fakten darstellt, sondern die besondere Heiligkeit des Landes hervorheben soll.
Im christlichen Kontext findet sich eher das Konzept des gerechten Krieges, mit dem der Kirchenlehrer Augustinus das junge und pazifistische Christentum mit dem römischen Militär versöhnte. Kriege waren dann gerecht, wenn sie von einer rechtmäßigen, also von Gott eingesetzten, Obrigkeit befohlen wurden. Dies galt umso mehr, wenn zur eigenen Verteidigung gekämpft wurde. Mit dem Konzept der anderen Wange ließ sich kein Großreich regieren. Dies war auch der frühen islamischen Gemeinde um Mohammed klar und Machiavelli schrieb entsprechend „So kommt es, dass alle bewaffneten Propheten gesiegt haben und die unbewaffneten gescheitert sind.“
Der Kontext in dem der islamische Dschihad am häufigsten im Koran auftaucht, ist das „Eifern auf dem Wege Gottes“ (ǧihād fī sabīli ᴐllāhi). Der Umstand, dass nicht das Wort für Krieg (ḥarb) Verwendung findet, wird häufig als Argument benutzt, der Dschihad sei in seiner Natur ein rein friedliches Konzept. Dem ist nicht so.
Die Verteidigung der Gemeinde war, ebenso wie ihre Versorgung, die unter anderem durch Überfälle auf Karawanen erfolgte, die Pflicht eines jeden Gläubigen. Das Befolgen der vorgeschrieben Riten und die persönliche Bereitschaft auch für die Gemeinde zu kämpfen, waren zwei Seiten derselben Medaille. Verstanden wurde dieser „Eifer auf dem Weg Gottes“ wohl eher als gerechtfertigt, denn als heilig. Der Koran selbst stellt in Sure 2 Vers 217 fest, dass die Überfälle auf mekkanische Karawanen gerechtfertigt seien, da die Muslime zuvor von den Mekkanern aus ihrer Heimat und von ihrem Besitz vertrieben wurden. Er erklärt diese Kämpfe jedoch nicht grundsätzlich zur heiligen Pflicht. Dass der Kampf für eine gerechte Sache in den Augen der Beteiligten durchaus die Aura von Heiligkeit erhält, alleine schon, um dem Leiden der Betroffenen einen Sinn zu verleihen, ist jedoch eine normale menschliche Reaktion.
Das Konzept des heiligen Kampfes ist nicht auf einen Kulturkreis beschränkt. Im Kontext der Befreiungskriege dichtete Theodor Körner „Es ist kein Krieg, von dem die Kronen wissen; Es ist ein Kreuzzug. 's ist ein heil'ger Krieg!“ und Joseph Goebbels bezeichnete den Krieg noch 1944 als Gottesdienst. Auch für George Bush war sein „Krieg gegen den Terror“ ein Kreuzzug.
Es gibt offensichtlich ein menschliches Bedürfnis, die Verantwortung für die Grauen des Krieges weit von sich zu schieben und sich selbst lediglich als ausführendes Organ des göttlichen Willens zu verstehen. Dies hat sich von den Assyrern bis heute nicht verändert. Wenn die Terroristen von ISIS unwiederbringliche Kulturschätze in Syrien und im Irak zerstören, vernichten sie Monumente, deren Erbauer Kinder eines ähnliches Geistes waren und ähnliche Argumente vorbrachten, um ihr Tun zu rechtfertigen.
Infobox:
Dr. Michael Rohschürmann ist Politik- und Islamwissenschaftler und seit 2011 in verschiedenen islamischen Krisenländern tätig. Zu seinem Schwerpunkten gehören islamische Geschichte und Ideengeschichte sowie Terrorismusforschung. Er ist unter: <link>michael@rohschuermann.de erreichbar.
