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Gibt es ein Leben nach der Rente?

Von Femida Selimova, Moskau

Im Durchschnitt ist die Lebenserwartung in Russland etwas mehr als 70 Jahre. Jeder fünfte ist schon über 60. Laut Prognose des Instituts für Demographie wird in 20 Jahren jeder vierte Bürger ein Rentner sein. Die Seniorenarmee, heute etwa 30 Millionen Menschen, wird dann noch um mehrere Millionen aufgestockt. Wie lange und wie gut sie nach der Pensionierung leben werden, hängt stark von ihrem Geschlecht ab. Frauen haben deutlich bessere Chancen die Rentenzeit zu geniessen. Die Lebenserwartung für Frauen, behauptet die Gesundheitsministerin Russlands Weronika Skworzowa, übersteige jetzt 77 Jahre. Männer müssen sich mit 65 schon einen Platz auf dem Friedhof suchen.

Frauenvorteil

Es gibt viele Grunde, warum die Männer in Russland ein relativ kurzes Leben haben. Offiziell spricht man gerne über Herzinfarkt, Schlaganfall oder Krebs, die massenweise männliches Leben in Russland verkürzen. Die Ärzte aber wissen, dass gerade die Herzkreislauf-Krankheiten oder einige Krebsformen meistens  nicht im Vakuum entstehen. In vielen Fällen spielt der Alkoholkonsum eine wichtige Rolle, genauer gesagt, die wichtigste nach dem Rauchen. Ob es eine lange Tradition ist oder eine Antwort auf den alltäglichen Stress, Fakt ist, dass Männer viel öfter und viel mehr Wodka konsumieren als Frauen. Russland befindet sich auf Platz 1 in der Welt für reinen Alkoholkonsum - über 15 Liter sind es pro Jahr, dazu kommen noch fast 38 Liter Bier. Zum Vergleich: Deutschland nimmt in dieser „ehrenwerten“ Liste Platz Nr. 21 ein. Verbunden mit Rauchen, Alltagsstress und weniger Sport manövrieren sich die russischen Männer in eine Sackgasse, aus der sie sich gealtert und krank nur ganz schwer bis zur Rente schleppen können. So entsteht zur Zeit eine demographische Disbalance - auf 100 Frauen kommen nur 53 Männer! Böse Zungen behaupten, dass es ein männlicher Vorteil sei - die Auswahl ist riesig groß.

Rente

Wer aber das glückliche Rentenalter lebend erreicht, der kann mit einer Rente von etwa 13.000 Rubel im Monat rechnen. Das wären ca. 40% des Durchschnittslohns im Land. Dafür muss man aber auch etwa dreißig Jahre gearbeitet haben. Die Frauen erreichen schon mit 55 das arbeitsfreie Alter, Männer müssen warten bis sie 60 sind, bevor sie in Rente gehen dürfen.

Rentner, die das Privileg haben in Moskau zu leben, bekommen einen monatlichen Zuschlag von etwa 4000 Rubel. Das ist durchaus gerechtfertigt, da die Preise für, zum Beispiel, Lebensmittel, die auf dem Land um das zigfache übersteigen können.

Eine ganz andere Frage - wie kann man mit dieser Rente überleben? Laut offiziellen Quellen, wie dem Statistischen Amt, werden bis zu 30 % für die Wohn- und Nebenkosten, sowie für Lebensmittel und Medikamente ausgegeben. So bleiben, laut dieser Rechnung, von 13.000 Rubel etwa neun tausend für den restlichen Bedarf übrig. Die Realität sieht aber ganz anders aus.

In Internetforen, wo Menschen ihre Erfahrungen bezüglich der Preise austauschen, werden die Kosten für Lebensmittel auf etwa 240 Rubel pro Tag gesetzt. Dafür kann man 1 Liter Milch, 200 Gramm Fleisch, Brot, eine Packung Spaghetti kaufen. Das heisst, um sich mehr oder weniger gut zu ernähren, braucht man schon etwas mehr als 7000 Rubel im Monat. Für solche Kosten wie, zum Bespiel, Telefon, ÖV, Versicherungen, Urlaub, Wohnungsreparaturen etc. bleibt weniger als zwei tausend Rubel übrig. Man geht davon aus, dass dies ausreichend für ein „normales“ Leben sei. Völlige Illusion! So sind die Rentner gezwungen weniger Lebensmittel zu kaufen oder sie verzichten auf Urlaub, Theater oder alles andere, was als „Luxus“ bezeichnet werden könnte. Um nicht alles nur Schwarz zu malen, sollte bemerkt werden, dass viele Rentner auch höhere Summen bekommen. Und Ersparnisse sind auch noch da. 

Behindertenrente

Ein Sonderfall in der Rentenkasse Russlands sind diejenigen, die eine Behindertenrente oder eine so genannte Sozialrente beziehen. 13,2 Millionen Behinderte leben heute in Russland, davon mehr als fünfhunderttausend Kinder. Die Sozialrente für das Jahr 2015 liegt auf dem Niveau von etwa 8500 Rubel im Monat. In dieser Kategorie bleibt, laut unserer vorherigen Berechnung, für das Leben nichts übrig. Nur noch den Lebensmitteleinkauf kann sich ein Mensch mit Behindertenrente leisten. Das Essen muss allerdings im Geschäft gekauft werden und dazu brauchen viele einen Rollstuhl und, wenn dieser vorhanden ist - eine Rampe. Die fehlen aber meistens. Nur in Metropolen, in den teureren Bezirken, können Rollstuhlfahrer normal das Haus verlassen. In der restlichen „Welt“ sind sie leider echte Gefangene und verlassen ihre Wohnungen ein-zwei mal im Jahr. Für Einkäufe etc. sind sie völlig auf die Familie, Nachbarn oder Helfer angewiesen.

Seit 2011 führt Russland das Bundesprogramm "Zugängliche Umwelt 2011-2020" für Behinderte durch. Dazu sind 47 Milliarden Rubel bereitgestellt worden. Es wird erwartet, dass die heutige desolate Situation in diesem Bereich sich dynamisch verbessert wird.

„Neue Russlandrentner“

Etwa 160.000 „neue Russlandrentner“ haben das Land praktisch verlassen und leben bereits dauerhaft im Ausland. Einige haben eigene Immobilien in der Türkei, Griechenland oder Spanien gekauft. Die anderen leben gerne dauerhaft bei den Kindern, die im Ausland arbeiten. Diese Gruppe hat einen wesentlichen Unterschied zu den anderen Rentnergruppen in Russland - sie brauchen keine Rente. Diese Kategorie hat entweder genügend Ersparnisse, um sich eine Villa mit Meerblick zu kaufen oder die Kinder holen den Elternanteil zu sich ins Ausland. Dort können sich die Glücklichen erholen und sich in der übrigen Zeit um die Wohnung kümmern und die Enkelkinder babysitten. Die „neuen Russlandrentner“ sind gerade die Ausnahme, welche immer die Regel bestätigt - ein Leben nach der Rente gibt es doch noch.